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GASTKOMMENTAR: Wo HR und Esoterik aufeinandertreffen oder vom Schwachsinn graphologischer Gutachten

Ein Graphologe bei der Arbeit.

Ein Graphologe bei der Arbeit.

Vor wenigen Jahren habe ich mich um eine Stabstelle bei einem großen deutschen Industrieunternehmen beworben. Über mir gab es gewissermaßen nur noch einen Vorgesetzten und den Firmenpatriarchen höchstpersönlich. Bewerbung und Vorstellungsgespräch liefen zunächst unspektakulär ab. Als ich jedoch in die engere Wahl gezogen wurde, flatterte mir eine Email ins Haus, die mich doch stark an das Zeitalter der Hexenverfolgungen und der Prophezeiungen des Nostradamus erinnerte.  Die Hiring Managerin bat mich um ein Schriftzeugnis für ein graphologisches Gutachten!

Wer beneidenswerter Weise nicht weiß, worum es sich dabei handelt, sei dies kurz erklärt: Bei einem solchen Gutachten analysiert ein selbsternannter Experte Ihre Handschrift, um daraus Rückschlüsse auf Ihre Persönlichkeit zu ziehen.

Solche esoterische Kleinkunst ließ sich früher, als Lebensläufe noch handschriftlich verfasst wurden, stillschweigend erledigen. Doch mit dem Computerzeitalter sind derart gekritzelte Lebensläufe auf der Müllhalde der Geschichte gelandet – leider entgingen die graphologischen Gutachten diesem Schicksal bisher.

Folglich musste mich die HR-Managerin um ein eigenhändiges Schriftzeugnis und damit die Erlaubnis zu einem solchen Gutachten bitten. Da ich damals den Job benötigte, ließ ich mich auf diese Recruitment-Esoterik ein. Um mir keine allzu große Blöße zu geben, wählte ich einen populärwissenschaftlichen Text zur Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik aus, sorgte für ein stressarmes Umfeld und versuchte den Text leserlich zu Papier zu bringen. Dabei achtete ich natürlich kleinlich darauf, dass mir keine Rechtschreibfehler unterliefen.

Das Ergebnis fiel wie erwartet aus: Ich blickte auf eine grauenhafte, unleserliche Handschrift – meine eigene.  Wohl gemerkt: Ich habe Mühe, meine eigene Handschrift zu entziffern. Da ich im Alltag sehr viel schreibe – aber nahezu ausschließlich mit irgendwelchen digitalen Endgeräten –  stellte dies bis dato kein Problem dar. Doch welche Schlüsse würde der graphologische Gutachter  aus dem Geschmiere über meine Persönlichkeit ziehen? Daher schrieb ich den Job mental schon einmal ab. Doch nach einigen Wochen erhielt ich eine Zusage.

Als ich bei dem – recht renommierten – Unternehmen anfing,  musste ich feststellen, dass ein solches graphologisches Gutachten weniger über mich, aber umso mehr über die Kultur des Unternehmens aussagt. Denn die Graphologie hatte ihre große Zeit in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg und ist mit dem Vordringen amerikanischer Bewerbungsverfahren in Europa nahezu verschwunden.

Bei dem betreffenden Unternehmen aus der tiefsten, deutschen Provinz wurden hingegen noch bis vor kurzem die 50er Jahre praktiziert: Der Chef trat immer als Patriarch auf und brüllte mit großem Vergnügen leitende Manager – die ihre Karriere bei McKinsey begonnen hatten – an und setzte sie anschließend vor die Tür.

Und mein Vorgesetzter beschäftigte tatsächlich zwei Sekretärinnen, die auch erforderlich waren. Denn sie druckten für ihn jede Email aus und legten diese in einen Ordner. Nachdem mein Vorgesetzter die Emails handschriftlich beantwortet hatte, wurden sie von den Sekretärinnen digital verschickt – Elite sieht irgendwie anders aus.

Nach einigen Wochen im Unternehmen unterhielt ich mich mit dem ebenfalls frisch eingestellten Marketing-Chef des Großunternehmens. Auch dieser hatte das Vergnügen, eine Schriftprobe abgegeben zu haben. Er erzählte mir, dass er die Hiring Managerin in einem unbeobachteten Moment angesprochen und nach dem Gutachten gefragt habe. Dabei hat der gute Mann festgestellt, dass der sogenannte Graphologe nicht etwa nur die Schriftprobe, sondern auch den Lebenslauf erhalten hatte.

Der Graphologe scheint also seiner eigenen „Kunst“ (oder seinem Unfug) selbst nicht zu vertrauen und stützt seine Gutachten lieber auf handfeste Angaben aus dem Lebenslauf.  Bleibt noch zu bemerken, dass weder der Marketing-Leiter noch ich dort heute noch arbeiten – auch dies zeugt nicht gerade für die Aussagekraft dieser esoterischen Kleinkunst. Mein Rat an Sie: Falls jemand ein graphologisches Gutachten von Ihnen verlangt, dann senden Sie ihm eine höfliche Absage. In solch einem Laden wollen Sie ganz bestimmt nicht arbeiten.

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