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AUSZUG: Goldman Sachs tritt man wie einer Religion bei

Sobald Sie die Türschwelle von Goldman Sachs überschritten haben, treten Sie etwas ähnlichem wie einem Mönchsorden bei.

Eine Investmentbank wird oft mit einem aufgeheiztem Gewächshaus verglichen, wo sich bei sehr hohen Temperaturen die Spannungen, der Groll, die Eifersüchteleien und der Gemütszustand von jedermann verschlechtern. Doch bei Goldman Sachs wird es in den Handelssälen oder im Verlauf der zahlreichen Besprechungen ungern gesehen, wenn sich jemand aufspielt. Die Teamarbeit und der interne Dialog sind die Regel. Dagegen ist Egozentrik verpönt. Auf flammende Divas und kokainverschnupfte Golden Boys wird dagegen gern verzichtet.! (…)

Obgleich es keine Stars gibt, wird auf Dauer doch der Masse der Leute die Tür gezeigt. Der Druck ist maximal – und das dauerhaft. Einmal im Jahr wird jeder aus 360 Grad von einem Dutzend Leute beurteilt – von Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen. Und bei der Evaluation ist es obligatorisch, seine eigene Leistung einzuschätzen, wobei es sich um eine Form der halböffentlichen Selbstkritik handelt – der Stalinismus lässt grüßen.

Der Name der Abteilung, die diese Veranstaltung durchführt, lautet “Human Capital Management”, was ein wenig an George Orwells 1984 erinnert. Gemäß der deskriptiven Statistik werden die Mitarbeiter nach ihrer Performance in vier Quartile unterteilt. Nur diejenigen, die dem ersten Quartil zugeordnet werden – die umgangssprachlich Q1 genannt werden – dürften darauf hoffen, den Status des Associate zu erreichen. Viele der übrigen werden gefeuert oder verlassen das Unternehmen von sich aus. Nach Weihnachten ersetzt Goldman systematisch bis zu 10 Prozent seiner Mitarbeiter mit den schwächsten Leistungen. Die Arbeitsplatz-Unsicherheit ist absolut. “Kill or Die”, heißt es.

Anders als die Mehrheit der Konkurrenten wirbt das Unternehmen selten ganze Teams ab, um seine Schlagkraft zu erhöhen. Der Normalfall besteht vielmehr in dem individuellen Recruitment. Ein Bewerber wird von zehn, zwanzig oder mehr Personen interviewt. Die Neuankömmlinge müssen von ganz unten in die Unternehmenskultur eintreten. (…)

Man muss seine harte Arbeit herunterbeten wie das Einmaleins oder die drei Regeln: 18/24 (Arbeitsstunden pro Tag), 6/7 (der freie Tag variiert, meist handelt es sich jedoch um einen Samstag oder Sonntag) oder 50/52 (die Arbeitswochen pro Jahr). Es handelt sich gewissermaßen um Leibeigene. Sie essen, schlafen und machen Liebe vor dem Laptop. Der Blackberry ist niemals ausgeschaltet, nichtmals bei intimen oder familiären Abendessen. Der Mitarbeiter muss sich immer über seine Mailbox in Hörweite befinden und er erhält unzählige Motivations-Mitteilungen vom Management. Jeder kennt die 14 Prinzipien der Hausbibel, die die Werte des Hauses über den Erdball verbreitet.

Marc Roche ist seit über 20 Jahren Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Monde in London. Dieser Auszug stammt aus seinem jüngsten Buch “La Banque. Comment Goldman Sachs dirige le monde” (Die Bank. Wie Goldman Sachs die Welt regiert, das im September bei Albin Michel erscheint).

Kommentare (1)

Comments
  1. Die jährliche Evaluierung von Mitarbeitern ist mittlerweile bei allen großen Unternehmen an der Tagesordnung – auch in Deutschland. Auch die Selbsteinschätzung ist durchaus gängig. Das Feuern der schlechtesten 10 Prozent ist ebenfalls in den USA nichts allzu besonderes. Da sollte man nicht allein auf Goldman einschlagen. So besonders ist der Laden gar nicht.

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