☰ Menu eFinancialCareers

GASTKOMMENTAR: Der Tag, an dem ein Junior Analyst während eines Vorstellungsgesprächs in Tränen ausbrach

Die folgende Geschichte ereignete sich vor fünf Jahren. Vielleicht haben die Banken zwischenzeitlich ihre Arbeitsbedingungen verbessert, doch irgendwie zweifle ich daran.

Damals arbeitete ich als Recruiter, indem ich Junior Analysts in M&A und Private Equity platzierte. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch mit jemanden anberaumt, der auf den ersten Blick wie ein vorbildlicher Bewerber aussah: Er verfügte über einen Studienabschluss einer führenden französischen Elitehochschule und war ein erstklassiger Analyst mit drei Jahren Arbeitserfahrung in einem der besten Technologie-Teams in einer europäischen Investmentbank.

Der Kandidat tauchte pünktlich auf. Er war lediglich 25 Jahre alt, doch bereits kahlköpfig und trug eine Brille. Auch unter seinen Brillengläsern konnte ich dicke Tränensäcke erkennen. Offen gesagt, sah er zehn Jahre älter aus.

Ich begann mit einführenden Bemerkungen und fragte nach seiner Ausbildung und Arbeitserfahrung. Schnell kam heraus, dass er eine Vielzahl von Präsentationen erstellt hatte – oder besser, er hatte eine enorme Menge von Präsentationen erzeugt.

Das Problem dabei war, dass es zu dieser Zeit nicht sonderlich viel Arbeit für Technologie-Teams gab. Obgleich der Kandidat in einem Spitzenteam arbeitete, war er tatsächlich nur an zwei bis drei echten Geschäften beteiligt. Stattdessen hatte er hunderte von Kundenpräsentationen erstellt.

Er kam zu einem Vorstellungsgespräch für eine Private Equity-Stelle. Ich wagte ihn zu fragen, wieso er das Banking zugunsten des Private Equity verlassen wollte. Das erwies sich als keine gute Idee.

Lange Zeit starrte der Bewerber aus dem Fenster, ohne ein Wort von sich zu geben, wobei Tränen seine Backen hinabrannen. Letztlich offenbarte er, dass er jeden Tag von 8 bis 2 Uhr nachts arbeitete, einschließlich der Wochenenden, wobei er Kundenpräsentationen produzierte, die zu nichts führten. Es half auch nichts, dass sein Managing Director ein notorischer Sklaventreiber war, der Kundenpräsentationen zwei Tage vor der Deadline sehen wollte und alles geändert haben wollte.

“Wenn Sie bis 2 Uhr nachts gearbeitet haben, durften Sie dann nicht am nächsten Morgen ein wenig später zur Arbeit erscheinen?”, fragte ich.

Offenbar nicht.

Dabei wurde er gut bezahlt. Nach drei Jahren verdiente er rund 200.000 Pfund (und das vor fünf Jahren), aber er wollte weg. Vielmehr wollte er im Private Equity oder in einer Boutique arbeiten, wo das Leben angenehmer ist. Letztlich konnte ich ihm eine Stelle in einer Boutique verschaffen. Ich habe ihn nie wieder gesehen, doch ich hoffe, dass er sein Leben zurückerhalten hat.

Kommentare (2)

Comments
  1. Kann ich mir gut vorstellen!
    Traurig aber wahr!

  2. Die meisten Menschen Arbeiten um zu Leben und diese Rasse lebt nur um zu arbeiten!!!

    Sehr traurig, live is so short!!

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier