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KOMMENTAR: Wieso die City mit Camerons Bulldoggen-Politik auf der Verliererseite steht

FHamannEditor

Der britische Premierminister David Cameron lässt an seinen guten Absichten keine Zweifel: Der Tory-Chef habe bei seinem „No“ zur Reform der EU nur an das Wohl der City und des gesamten Vereinigten Königreichs gedacht. Denn die Europäer werden vor allem in England gerne für alle Negativentwicklungen verantwortlich gemacht. So ist das zweifelhafte Krisenmanagement der Kontinentaleuropäer in der Staatsschuldenkrise selbstverständlich daran schuld, dass die britische Wirtschaft kurz vor einer Rezession steht.

Cameron hat noch viel zu tun: Großbritanniens Wirtschaftsdaten sind schlechter als die der meisten PIIGS

Dabei übergeht der Absolvent der extrem teuren Eliteschule Eton ganz einfache Fakten: Laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat lag die Neuverschuldung des Landes in 2010 bei 10,3  Prozent – ein Wert mit dem Großbritannien selbst einige PIIGS (Portugal 9,8 Prozent, Spanien 9,3 Prozent und Italien 4,6 Prozent) unterbietet. Die Inflation von 5 Prozent zählt ebenso zu den höchsten in der EU, dennoch lässt Notenbank-Gouverneur Mervyn King die Gelddruckmaschinen heißlaufen und kauft kräftig englische Staatsschulden auf. Trotz des Defizits und der Geldschwemme kämpft das Vereinigte Königreich gegen die Rezession.

Für diese grottenschlechten Daten gibt es leider auch gute Gründe: So hat die britische Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit in nahezu sämtlichen Gebieten eingebüßt. Von globaler Bedeutung sind lediglich die pharmazeutische Industrie (GlaxoSmithKline, AstraZeneca) und der Triebwerkhersteller Rolls Royce. Nach dem Niedergang der produzierenden Industrie Großbritanniens hängt das Mutterland der Industrialisierung von seinem enormen Finanzsektor ab, der rund 10 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Doch trotz gegenteiliger Behauptungen dient Camerons Bulldoggen-Politik keinesfalls dem Wohle der City, wie die drei folgenden Entwicklungen belegen:

1. Die Margen der Banken fallen

Mit der Finanzkrise haben sich viele Finanzgeschäfte vor allem des Investmentbankings als zu risikobehaftet erwiesen. So werden die Banken voraussichtlich durch Basel III gezwungen sein, für den Eigenhandel, das Fixed Income- und das Derivate-Geschäft wesentlich höhere Eigenkapitalquoten vorzuhalten, wie McKinsey kürzlich in einer Studie vorrechnete. Damit werden oftmals nicht einmal die Kapitalkosten refinanziert. Kurz, die besonders risikoreichen und margenstarken Geschäfte wird es künftig so nicht mehr geben. Die Erträge und vermutlich auch die Gehälter werden dauerhaft unter Druck geraten, was eine schlechte Nachricht für die City ist. Daher haben die Banken längst angefangen, sich durch massiven Personalabbau auf die neue Situation einzustellen.

2. Die Schwellenländer machen ihr Banking selbst

Die guten Kontakte der Londoner City in die Schwellenländer Asiens, Südamerikas und Afrikas waren über Jahrzehnte ein strategischer Vorteil der britischen Finanzindustrie. Lange besaßen diese Länder keine reifen Finanzmärkte oder schlicht nicht das erforderliche Knowhow, so dass die dortige Wirtschaft auf die Finanzmetropole des ehemaligen Empires angewiesen war. Die hohe Zahl von „Expats“ aus diesen Ländern in der Londoner City war und ist somit ebenfalls von strategischer Bedeutung.

Doch mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg dieser Regionen werden sich die Schwellenländer auch in den Finanzdienstleistungen von London emanzipieren. Dieser Trend ist längst im Gange und der Aufstieg von Singapurs, Hongkongs, Shanghais und São Paolos zu globalen Finanzzentren scheint unumkehrbar. Entsprechend ist der CEO der HSBC vom Londoner Canary Wharf nach Hongkong umgezogen.

3. London als europäischer Finanzhub

Dennoch gab es in den zurückliegenden Jahren auch einen für die City sehr positiven Trend. So ist London längst zu dem Finanzhub Europas avanciert. US-Banken unterhalten in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien oftmals nur bessere Vertriebsabteilungen, die Finanzdienstleistungen an die dortigen Unternehmen und institutionellen Anleger verkaufen. Die Europazentrale, das Trading und die Strukturierung der Produkte findet dagegen in der City statt. Selbst die Deutsche Bank steuert ihr Investmentbanking von London und nicht von Frankfurt aus.

Diese Entwicklung war nur möglich, weil England Teil der Europäischen Union ist. Wenn die Briten aus der EU – offiziell oder inoffiziell – aussteigen, dann wird diese überlebenswichtige Position der City existenziell bedroht. Denn sobald sich die Briten von der EU abwenden, gibt es keinen Grund mehr, dass die kontinentaleuropäischen Staaten ihre Interessen gegenüber London zurückstellen. Sie werden versuchen, das lukrative Finanzgeschäft zurückzuholen.

Die Banken haben schon öfters gezeigt, wie sie auf solche Szenarien reagieren: Sie bauen Kapazitäten in London ab und in Frankfurt, Paris, Mailand oder Warschau wieder auf. Auch wenn der große Knall niemals stattfinden wird, kann dies zu einem sukzessiven Niedergang der City führen. Dann hat es Cameron mit seiner Bulldoggen-Politik geschafft, die wichtigste Industrie des Landes herunterzuwirtschaften.

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