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GASTKOMMENTAR: Auch Vorstände sind lernfähig

Wir schreiben das Jahr in 2007. Die Aktienmärkte befinden sich im Höhenflug und die Krisen liegt hinter oder vor uns – ganz wie es beliebt. Just zu dieser Zeit kam unser übergeordnetes Spitzeninstitut mit einer glorreichen Investmentidee zu uns: Credit Default Options (CDO), schön verpackt in einem bunten Strauß von sage und schreibe 110 Emittenten. Die Funktionsweise ist rasch erklärt: Wenn nicht mehr als sieben Emittenten pleite gehen, gibt es das ganze Geld zurück – ansonsten womöglich gar nichts. Die Verzinsung betrug – wenn ich mich recht erinnere – 2,5 Prozent über dem damaligen Zinssatz für siebenjährige Bundesanleihen. Diese CDO-Verbriefung hatte eine Laufzeit bis 2014 und ist damit weiterhin aktuell.

Da dieses neue Geschäft unseren Bankvorständen sehr schmackhaft präsentiert wurde, durfte ich zu unserem übergeordneten Spitzeninstitut fahren, um möglichst eine positive Empfehlung abzugeben…. Doch schon bei der Präsentation wurde deutlich (jedenfalls wenn man an den Märkten etwas aktiver ist, und nicht mit geschlossenen Augen vor dem PC sitzt), dass man einige Titel nicht einmal mit der Kneifzange anfassen sollte. So markierte ich spontan zehn miese Titel auf einem Zettel.

Sobald ich bei meiner heimischen Bank ankam, habe ich natürlich von diesem Geschäft abgeraten. Auch unsere Controller waren nicht sonderlich begeistert von dieser neuen Anlageform, wahrscheinlich wegen der vielen Mehrarbeit. Die Entscheidung des Vorstandes lautete: Das Geschäft wird gemacht, es war schließlich vom Spitzeninstitut empfohlen worden.

Bei neuen Geschäftsfeldern ist es allerdings üblich, dass immer ein kleines Testgeschäft gemacht wird, um zu sehen, wie Handel, Controlling, Buchhaltung und Meldewesen zusammen funktionieren. Nach erfolgreicher Handhabung können dann weitere Geschäfte dieser Art getätigt werden.

Unser Vorstand und die Controller wurden erstmals stutzig, als der Vertrag samt Anhängen auf den Tisch flatterte – 500 Seiten auf Englisch. Rund ein halbes Jahr darauf und noch vor der Lehman-Pleite ließen wir einen Depotcheck für unsere Eigenanlagen durchführen. Das Ziel ist simpel: weniger Risiko und mehr Ertrag. Dabei stellte sich heraus, dass unser Depot fast optimal aufgestellt war. Und es herrschte kaum Klärungsbedarf. Schnell kam das Gespräch auf besagtes CDO-Geschäft, welches im Kurs nur noch bei etwa 83 Prozent notierte. Unser einziger Fehlgriff.

Da unser Vorstand zum Vertreter des übergeordneten Spitzeninstitut ein gutes Verhältnis hatte und ihm dieses Geschäft wohl auch nicht ganz geheuer war, ging jetzt alles ganz schnell: Wir trennten uns noch am selben Tag von den CDO-Papieren. Der Vorstand gestand sogar ein, dass er besser gleich auf Treasury und Controller gehört hätte.

In der vergangenen Woche schneite der Vorstand, wie immer unangemeldet, bei mir ins Büro und fragte: “Wissen Sie zufällig, wie das alte CDO-Papier von vor vier Jahren im Kurs steht, das läuft doch noch einige Jahre?” Ein schneller Blick in den PC offenbarte den Kurs: 1,3 Prozent, sprich Totalverlust. Dies belegt: Auch Vorstände sind lernfähig – zumindest manchmal.

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