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Bei Credit Suisse war ich fast Managing Director: Das gab ich auf, um Pilates zu lehren

Unsere Asienredakteurin Shree Ann Mathavan hat mit Thicha Srivisal gesprochen, die aus Thailand stammt und in Singapur lebt. Srivisal gab einen wohldotierten Director-Posten bei der Credit Suisse auf, um ihr eigenes Unternehmen “Breathe Pilates” zu gründen.

Ballett statt Banking

Als ich aufwuchs, wollte ich nie Bankerin werden. Mein Traum bestand vielmehr darin, eine professionelle Balletttänzerin zu werden. Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich von der Royal Ballet School in Großbritannien angenommen. Da mein Vater darüber nicht allzu glücklich war, habe ich das aufgegeben, obgleich ich Tanzen weiter als ernsthaftes Hobby betrieb. Meine Familie erwartete, dass ich in Banking oder Finance gehen werde wie der Rest der Familie. Mein Großvater, Leng Srisomwong, war sogar Gouverneur der Bank of Thailand und Finanzminister des Landes gewesen und es bestand die Hoffnung, dass ich in seine Fußstapfen treten würde.

Obgleich ich nicht sonderlich an Finance interessiert war, bin ich in Mathe gut gewesen. In gewissem Sinne handelte es sich um einen Kompromiss. Da mir Mathe leicht fiel, konnte ich meine Hausaufgaben rasch erledigen und zum Tanzen gehen. Ich absolvierte einen Bachelor im Mathematik in Bangkok und erwarb einen MBA am Massachusetts Institute of Technology in den Vereinigten Staaten. Während meiner Zeit in den USA arbeitete ich bei einem Profiballett als Teilzeittänzerin. Damals erlitt ich einen Bandscheibenvorfall und nahm Pilates-Übungen, damit es besser wurde.

Harte Arbeit, Büroärger, Reisen und Stress

Nach meinem Abschluss arbeitete ich zunächst für drei Jahre bei der Thailändischen Zentralbank im Fremdwährungsinvestment. Dann wurde ich von einem Headhunter für Bankers Trust abgeworben, der später von der Deutschen Bank übernommen wurde. Auf diese Weise gelangte ich 1996 nach Singapur als Derivate-Traderin am asiatischen Arbitrage-Desk. Es stellte ein große Umstellung dar, in den Privatsektor zu wechseln, wo es wesentlich aggressiver und kompetitiver zuging.

Damals war ich die einzige Frau im Handelssaal und da ich weder aus Singapur stamme, noch weiß bin, musste ich doppelt so hart arbeiten. Dort blieb ich bis 2001, als ich bei der Credit Suisse als Vice President in Strukturierten Derivaten anfing. Ich stieg in 2005 zum Director auf, bevor ich in 2007 eine zweijährige Auszeit nahm und schließlich in 2009 ganz aufhörte.

Doch wieso habe ich aufgehört? Die Übernahme einer Management-Rolle bedeutete, dass ich nicht mehr mit Derivate-Formeln hantieren konnte, was ich so liebte. Es fiel mir auch schwer, als Frau ein Team von Männern zu leiten. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich mit Bürostreitigkeiten abzugeben und mein Team zu verteidigen. Ich arbeitete rund um die Uhr – selbst an Wochenenden und Feiertagen und ich reiste fortwährend. So flog ich nach Südostasien, Hongkong, New York, London und die Schweiz. Zehn bis zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, war normal, dennoch nahm ich mir immer Zeit für Pilates. Ich erwarb ein Zertifikat als Pilates-Trainerin und lehrte auf Teilzeitbasis.

Banking verwandelte mich in etwas, was ich nicht war

Ich würde nicht sagen, dass ich Banking hasse, obgleich ich eingestehen muss, dass ich in den letzten beiden Jahren wesentlich aggressiver geworden bin. Im Job musste ich stark und streitlustig sein, was in meine Persönlichkeit durchsickerte. Ich konnte mich dabei selbst beobachten, wie ich mich veränderte und das mochte ich nicht. Mir verblieb auch keine Zeit mehr für meine Familie.

Sicher war es keine leichte Entscheidung, nach so vielen Jahren aufzuhören. Ich befand mich auf dem Höhepunkt meiner Karriere und ich war drauf und dran, zu einem Managing Director aufzusteigen. Doch letztlich bestand das Ziel meines Lebens nicht darin, einen Haufen Geld zu verdienen und eine widerliche Person zu werden. So habe ich erst eine Auszeit genommen, bis ich schließlich ganz ausschied. Als ich die Entscheidung einmal gefällt hatte, fühlte ich mich gut.

Eine neue Richtung

Ich half dabei, Absolute Pilates in Bangkok und Singapur zu gründen. Ich eröffnete auch ein anderes Studio mit einem Freund im Mai diesen Jahres: Breathe Pilates in Singapur. Als eine Bankangestellte legte ich Wert auf Jobsicherheit, doch jetzt als Unternehmerin sorge ich mich um die Finanzen. Es handelt sich um eine andere Form von Herausforderung, doch ich denke, dass ich viel Glück gehabt habe, mit dem, was ich mache. Mein Bankingbackground erwies sich als nützlich – sei es für Geschäftspläne, dem Umgang mit Cashflow oder um in schwierigen Situationen einfach nur ruhig zu bleiben.

Ich denke mit keinerlei Wehmut an meine Zeit im Banking zurück, obgleich ich damals eine größere finanzielle Freiheit genoss. Ich vermisse es nicht, mich mit Bürokonflikten zu beschäftigen. In meinem jetzigen Job kommen die Leute zu uns, um besser zu werden und um ihre Gesundheit zu verbessern. Sie haben keine geheimen Absichten. Es gilt: “What you see, is what you get.” Dabei gibt es keinerlei Hintergedanken.

Sicherlich muss ich gelegentlich auch mal mit schwierigen Kunden umgehen, aber so ist das nun einmal im Leben. Mir macht es wirklich Freude, Menschen zu helfen und zu sehen, wie es ihnen besser geht. Meine Eltern haben meinen Karrierewechsel unterstützt. Dank Pilates war ich sogar in der Lage, den Balletttanz in einer lokalen Schule fortzusetzen.

Falls Sie das Banking aufgeben wollen, dann lautet mein Rat: Das sollten Sie sich gut überlegen. Sicherlich sollten Leute ihre Träume verfolgen, doch es sollte nicht nur heißen: “Oh, ich hasse diesen Job.” Alles sollte logisch durchdacht und gut geplant sein. Es sollte sich definitiv nicht um eine Spontanentscheidung handeln.

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