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Im Ausland gefeuert – und dann?

Mit einem Fax aus Deutschland platzte Lena Güttlers amerikanischer Traum. Die junge Betriebswirtin aus der Nähe von Weimar, die seit zwei Jahren die Produkte eines niedersächsischen Mittelständlers von Hartford im US-Bundesstaat Connecticut vermarktete, ging wie jeden Morgen ins Büro mit den sechs netten Kollegen am Rande der Stadt. Doch an diesem Tag lief alles anders als geplant.

Überraschend wurde die 25-Jährige von ihrem Vorgesetzten in das Besprechungszimmer gerufen, wo ihre Kollegin aus der Buchhaltung schon als Zeugin wartete. Und wo Güttlers Vorgesetzter dann der Controllerin ihre von der deutschen Firmenzentrale gefaxte Kündigung vorlas. “Damit stand ich von jetzt auf gleich auf der Straße – ohne jede Begründung.”

Von diesem Moment an lief für Güttler der Countdown: Ohne Job blieben ihr nur noch 30 Tage, um Amerika zu verlassen und nicht in die Illegalität abzurutschen. “Für mich brach eine Welt zusammen.” Güttler verkaufte Auto und Wohnungseinrichtung und kündigte den Mietvertrag. Alles in allem ein finanzielles Desaster. Ihre gesamten Ersparnisse verlor sie. Lediglich den Rückflug nach Deutschland übernahm ihr Arbeitgeber.

Es war die erste feste Stelle für die Uni-Absolventin gewesen. Bei ihrem US-Praktikum hatte die engagierte Studentin überzeugt. “Wenn du mit dem Studium fertig bist, komm unbedingt wieder”, hatte ihr Chef damals gesagt. “Das war Musik in meinen Ohren, denn ich wollte ja am liebsten für immer in den USA leben und arbeiten.” Dass Güttlers Visum jedoch keine unbefristete Greencard, sondern an den guten Willen ihres Arbeitgebers gebunden und auf fünf Jahre befristet war, verdrängte sie, als sie 2008 mit zwei Koffern in das Land ihrer Träume aufbrach.

Diese Haltung ist typisch für viele junge Akademiker, die es ins Ausland zieht. Für sie gehört der berufliche Auslandsaufenthalt unbedingt zum Lebenslauf. Dass ein solcher Schritt jedoch zur Karrierefalle, ja sogar existenzbedrohend werden kann, übersehen viele. Denn in den meisten Ländern der Erde gibt es keinen ausgeprägten Kündigungsschutz wie in Deutschland. Sondern dort lassen sich Mitarbeiter jederzeit vor die Tür setzen – ohne Angabe von Gründen, Rücksicht auf soziale Fairness und finanzielle Hilfe. Und noch schlimmer: In etlichen Ländern heißt es pauschal: “ohne Job keine Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer”.

In der Schweiz sieht die Situation nicht besser aus. “Der Kündigungsschutz der Eidgenossen ist ähnlich gering wie in den USA”, sagt Tobias Pusch von der auf internationales Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Pusch Wahlig Legal in Berlin. “Verschärfend kommt in der Schweiz hinzu, dass für unrechtmäßig Gekündigte keine hohen Schadenersatzforderungen drin sind.”

Die Amerikaner sind zwar berüchtigt für ihr Hire-and-Fire-Mentalität, aber sie sind eben auch bekannt für “Fair Play” – Chefs dürfen im Kündigungsfall keinen ihrer Beschäftigten diskriminieren. Falls ein Ex-Angestellter nachweist, dass er selbst nach nur einem Tag Betriebszugehörigkeit aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion, seines Geschlechts oder einem anderen von insgesamt 40 Gründen entlassen wurde, sprechen die amerikanischen Richter solchen Opfern oft Entschädigungssummen in Millionenhöhe zu.

Dass die Eidgenossen im Kündigungsfall rigoroser als die USA verfahren, wissen tatsächlich nur die wenigsten. Noch immer rangiert die Schweiz hinter den USA auf Platz zwei der beliebtesten Ziele für deutsche Auslandsarbeiter.

“Wer in der Alpenrepublik arbeiten will, sollte wissen, dass die Schweiz eine wunderschöne Rose mit Dornen ist”, sagt ein Absolvent renommierter Wirtschaftsuniversitäten, der selbst bittere Erfahrungen in Zürich und Genf gemacht hat, aber anonym bleiben möchte. Er fürchtet, “mit diesem Makel” sonst keinen Job mehr zu finden: Gleich zweimal hintereinander hat der junge deutsche Produktmanager, den Headhunter in die Schweiz lockten, weit nach Ablauf seiner Probezeit die fristlose Kündigung erhalten. “Morgens arbeitete ich an einer Präsentation, nachmittags wurde ich vom Firmenanwalt aus dem Gebäude eskortiert. Nicht mal einen Karton oder eine Tüte gab man mir, um meine Sachen einzupacken. Mit meinen Habseligkeiten unterm Arm kam ich mir vor wie ein Verbrecher”, sagt der Diplom-Kaufmann.

Je ein Monatsgehalt überwiesen ihm seine beiden Ex-Arbeitgeber noch. Der junge Manager war noch keine zehn Jahre für sie tätig gewesen. Doch weder diese gesetzlich vorgeschriebene karge Abfindung noch sein Erspartes reichten, um die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Nach seiner zweiten fristlosen Entlassung aus fadenscheinigen Gründen zog der 31-Jährige notgedrungen zurück nach Deutschland. Er habe sich vom Wohlstand, hohen Gehältern und scheinbar steilen Karrierechancen im Ausland blenden lassen, sagt er heute.

Kein Wunder, dass es viele Deutsche jetzt nach Hause zieht. Familie, Freunde und das deutsche Sozialsystem versprechen mehr Sicherheit, Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt trotz Krise. Das beobachten auch Organisationen wie das Raphaels-Werk, die sowohl Auswanderer als auch Rückkehrer betreuen. Doch hierzulande erweist sich der bisherige Karriereturbo Auslandseinsatz gerade als Bremse, denn Personalmanager haben Vorbehalte.

Die Skepsis gegenüber Kandidaten aus dem Ausland beschränkt sich nicht nur auf höhere Anreisekosten im Auswahlverfahren. “Es gibt Typen, die im Ausland wie die Made im Speck gelebt haben und sich hier wie verzogene Gören benehmen”, sagt Albrecht von Bonin. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Personalberatung, die seit 15 Jahren Auslandsrückkehrer berät, weiß, dass Bewerbungen aus der Fremde leicht auf dem Absagenstapel landen.

Vielen entsendeten und vorübergehend ausgewanderten Berufseinsteigern wird unterstellt, dass sie sich nicht reintegrieren. Das hat auch Rückkehrerin Güttler bei ihrer Jobsuche gehört. “Erst heißt es, ohne Auslandserfahrung wirst du nichts. Kommst du dann aus dem Ausland zurück, wirft man dir fehlende Kenntnisse der heimischen Gegebenheiten vor. Das ist doch verrückt.”

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