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INTERVIEW: Beim Recruitment in der Schweiz ist die Ethik abhandengekommen

Hanka Cerna Collé ist Direktorin von Profil Emploi und Präsidentin des neuen Verbandes von Recruitmentprofis für Festanstellungen in der Romandie (APRF)

eFinancialCareers: Was hat Sie zur Gründung des neuen Verbandes APRF bewogen?

Hanka Cerna Collé: Ich habe mein Unternehmen 1989 gegründet und bin mittlerweile seit 30 Jahren im Recruitment-Geschäft tätig. Ich bin schockiert, wie sich die Branche entwickelt hat – besonders seit dem Erfolg des Internets. In der Vergangenheit wurden wir als echte strategische Partner der HR betrachtet. Heute haben sich viele Recruiter zu blossen Lebenslauf-Beschaffern verwandelt, die ihren Kunden keinerlei Mehrwert bieten. Die Ethik unseres Berufs geht mithin verloren. Es ist Zeit zu handeln.

Wie erklären Sie sich den Niedergang des Berufsbildes?

Alle wurden von den Schwierigkeiten der zurückliegenden Jahre getroffen. Die Schweiz stellt einen grossen Finanzmarkt dar, der etwas stärker wächst als die Nachbarmärkte. Das steigert den Appetit ausländischer Akteure, die ein Stück vom Schweizer Kuchen abhaben wollen, aber auch von anderen Berufsgruppen, die nicht direkt aus dem Berufsfeld stammen wie Rechtsanwälte, Treuhänder, HR-Strategieberater, die Big 4 oder auch Einzelpersonen, die sich nebenbei als Recruiter ausprobieren, weil sie über ein Netzwerk verfügen.

Insgesamt gibt es in der Schweiz annähernd 4000 Unternehmen, die sich mit Recruitment beschäftigen! Dazu kommen noch diejenigen Unternehmen, die über keine Lizenz verfügen und sämtliche ausländische Unternehmen, die nicht über das Recht verfügen, Leute in der Schweiz zu platzieren, was mit einem Bussgeld von 100.000 Franken belegt werden kann. Unser Geschäft wird durch ein Bundesgesetz geregelt.

Als Verband erwarten wir, dass dieses Gesetz gekannt und respektiert wird. Ebenfalls wollen wir Kandidaten für die Risiken, mit skrupelloseren Recruitern zusammenzuarbeiten, informieren und sensibilisieren. Alles in allem besteht unser Ziel darin, das Berufsbild zu verbessern und ein wahres Qualitätslabel für Festanstellungs-Recruiter in der Romandie zu schaffen. Wieso richten wir keine Ausbildung für den Beruf des Recruiters ein, was durch ein Diplom bestätigt wird?

Begünstigt die aktuelle Krise den Missbrauch?

Die Aggressivität hat sich verstärkt. Meine HR-Gesprächspartner werden von Unternehmen bedrängt, die aus London, Paris oder Zypern anrufen. Sie wollen wissen, ob es Angebote oder Geschäftschancen gibt und zögern nicht, die Manager direkt anzusprechen. Das behindert die echten Recruitment-Profis dabei, korrekt zu arbeiten.

Was hat der Kandidat hierbei zu verlieren?

Der Kandidat weiss weder, wo, wann und an wen sein Lebenslauf verschickt worden ist und für welchen Job er sich bewirbt. Ein solches Unternehmen versucht nichts anderes, als den Markt mit seinem Lebenslauf zu fluten, ohne sich mit dem Kandidaten zu treffen und seine Beweggründe zu ergründen. Bei der hohen Zahl der versendeten Lebensläufe gibt es notwendigerweise einen Prozentsatz, der zu einer Einstellung führt! Das ist das Gesetz der grossen Zahlen. Doch der Schutz der Persönlichkeitsrechte ist nicht länger garantiert.

Das Problem besteht darin: Sobald sich der Kandidat um eine Stelle bewirbt, die ihn interessiert, stellt er fest, dass sein Lebenslauf bereits geschickt wurde und – obgleich er nichts davon weiss – bereits in der Datenbank des Unternehmens gelandet ist. Das untergräbt die Glaubwürdigkeit und die Bewerbung wird sehr oft beiseite gelegt. In diesem Fall verfügt der Kandidat über eine Möglichkeit, rechtlich gegen den Versender vertraulicher Unterlagen vorzugehen.

Gibt es bestimmte Opfertypen?

Am ehesten leiden diejenigen Berufe unter diesen “CV-Shootern”, die auf dem Mark besonders gefragt sind wie Relationship Manager mit einem Kundenportfolio, das sich von der einen zur anderen Bank transferieren lässt, oder diejenigen, die durch ihre sprachlichen Fähigkeiten, ihre Expertise in begehrten Regionen oder durch seltene Kompetenzen, wie der Bankenbilanzierung, einen Mehrwert mitbringen.

Welchen Rat können Sie Kandidaten mitgeben, um nicht durch das Netz der seriösen Recruiter zu fallen`

Oft locken diese Unternehmen Kandidaten, indem sie sehr attraktive, aber fiktive Stellen anbieten. Bevor Sie sich bewerben, empfiehlt es sich herauszufinden, wer sich hinter der Stellenanzeige verbirgt, besuchen Sie die Website des Unternehmens, versichern Sie sich, dass es über eine Adresse in der Schweiz und eine Lizenz verfügt. Kurz, verschicken Sie Ihren Lebenslauf nicht an jedermann. Der Bewerber sollte Herr seiner persönlichen Angelegenheiten bleiben.

In welchem Zustand befindet sich der Finanzplatz Genf derzeit?

Der Markt ist angespannt und gestört, was sich an der Zahl der verfügbaren Jobs ablesen lässt. Das ist beunruhigend, doch wir wissen noch nicht, wie gross dieser Einfluss sein wird: Offiziell gibt es einige offene Stellen, allerdings oft noch keine Freigabe zur Einstellung. Die Banken entlassen und viele Unternehmen haben einen Einstellungsstopp verhängt, um abzuwarten, ob die Wirtschaft und die europäischen Märkte wieder anspringen. Das heisst, die Situation erscheint heute weniger schwierig als nach der Krise von 2008 und dem Madoff-Skandal. Es gibt noch keinen grossen Zufluss von Schweizer Lebensläufen. Dagegen beobachten wir eine deutliche Zunahmen von Lebensläufen aus dem Ausland (annähernd 70 Prozent!).

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