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KARRIEREINTERVIEW mit Investmentbankerin der Credit Suisse: Heute würde ich mir mehr zutrauen

Interview mit Marisa Drew, Mitglied der Direktion der Credit Suisse, zum Thema Recruiting, Auftreten und Erfahrung. Marisa Drew ist Managing Director bei der Credit Suisse Investment Bank in London. Ausserdem gehört sie dem Investment Banking Management Committee an.

1. Seit wann arbeiten Sie in der Finanzbranche?

Seit 25 Jahren – ich kann es selbst kaum glauben!

2. Haben Sie eine Bilderbuchkarriere gemacht oder sind Sie eine Quereinsteigerin?

Ich bin auf Umwegen in meine heutige Position gekommen. Im Jahr 1986 nahm ich eine Stelle als Analystin im Investment Banking an und absolvierte das zweijährige Analystenprogramm.

Man ging damals davon aus, dass die Teilnehmer zwei Jahre lang im Investment Banking arbeiten würden, um die Bank dann zugunsten eines MBA-Studiums zu verlassen. Nach zwei Jahren reizte mich der Bereich Private Equity aber mehr als ein BWL-Studium an einer Business School. Danach gründete ich mein eigenes Unternehmen, das ich einige Jahre lang leitete. Erst dann schrieb ich mich an der Wharton School für ein MBA-Studium ein. Mit dem Diplom in der Tasche kehrte ich schliesslich ins Investment Banking zurück.

3. Was zählt wirklich: Talent oder harte Arbeit?

Im Investment Banking sind ein eingehendes Zahlenverständnis und ein gewisses Verkaufstalent unabdingbar. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, zählen aber harte Arbeit, Leidenschaft und Einsatz immer noch am meisten. Erfolgreiche Investmentbanker verdanken ihren Erfolg in der Regel einem umfassenden Einsatz und der Tatsache, dass sie ihren Beruf als Berufung ansehen.

4. Welchen Ratschlag können Sie potenziellen Kandidaten für Stelleninterviews geben?

Arbeiten Sie unbedingt die Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Berufserfahrungen und der von Ihnen gewünschten Stelle heraus, auch wenn diese nicht unbedingt auf der Hand liegen. Vor kurzem half ich bei der Organisation eines Recruiting-Events für Frauen. Eine der Teilnehmerinnen bedauerte, dass sie keine wesentlichen Kompetenzen für eine Stelle bei uns zu bieten habe. Ich fragte sie nach ihrer Berufserfahrung, worauf sich zeigte, dass sie in einem renommierten Fachgeschäft für Brautmode angestellt gewesen war. Auf den ersten Blick sind kaum Parallelen zwischen dieser Stelle und dem Investment Banking ersichtlich – was aber nicht bedeutet, dass diese nicht existieren. Nicht selten sind Bräute mitten in den Hochzeitsvorbereitungen gestresst und anspruchsvoll – genau wie die Führungsebene eines Unternehmens, das verkauft werden soll. Diese Anekdote beweist: Es lohnt sich, die eigenen Berufserfahrungen in den Kontext der von Ihnen angestrebte Position zu stellen.

Ausserdem sollten Sie sich überlegen, wie Sie Ihre bisherigen Erfahrungen Ihre Führungsqualitäten und Ihr Engagement dokumentieren. Ich gebe Personen mit ungewöhnlichen beruflichen Werdegängen immer eine Chance, wenn sie diese beiden Eigenschaften nachweisen können. Das Geschäft lässt sich lernen, der Wille zum Erfolg und zur Gestaltung der Mit- und Umwelt dagegen nicht.

5. Wenn Sie auf die letzten 15 Jahre zurückblicken – was hätten Sie damals gerne schon gewusst?

Vor 15 Jahren ging ich grundsätzlich davon aus, dass alle anderen – meine Mitbewerber eingeschlossen – viel mehr wüssten als ich. Hätte ich damals gesehen, dass wir uns alle am selben Punkt der Lernkurve befinden, hätte ich mir mehr zugetraut.

Ausserdem hätte ich gerne realisiert, dass wir alle manchmal von politischen oder strukturellen Entscheidungen betroffen sind, die wir nicht selber kontrollieren können, und die nichts mit unseren Kompetenzen oder Fähigkeiten zu tun haben. Wenn Sie nicht befördert werden, leidet eventuell Ihr Selbstvertrauen und Sie fangen an, Ihre Kompetenzen in Frage zu stellen. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, hätte ich mich wesentlich weniger mit solchen Fragen gequält. Häufig sind Karriererückschläge nur eine Frage der Umstände – und in einem halben Jahr bietet sich eine neue Chance.

6. Angenommen, Sie dürften in den nächsten sechs Monaten nur eine einzige Person anstellen. Was müsste diese Person mitbringen?

Ein/e ideale/r Kandidat/in erfüllt die Kriterien, die ich vorhin genannt habe: eine initiative, zielstrebige und motivierte Persönlichkeit mit nachweislichen beruflichen Erfolgen, die Dinge mit ihrem sicherem Auftreten und Begeisterungsfähigkeit bewegen kann. Unser Geschäft ist in einem derart rasanten permanenten Wandel begriffen, dass ich jemanden einstellen würde, der über die notwendige Vielseitigkeit verfügt, um sich an Marktveränderungen anzupassen.

7. Beschreiben Sie bitte Ihren Unternehmensbereich im Jahr 2015.

Prognosen aller Art sind wegen der vielen aufsichtsrechtlichen und generellen Umbrüche eine komplexe Angelegenheit. Derzeit geschehen Dinge, die wir uns noch vor drei oder vier Jahren kaum vorstellen konnten: So können wir zum Beispiel nicht ausschliessen, dass einige europäische Länder entweder einen technischen Zahlungsausfall oder eine Schuldenrestrukturierung erleben. Noch vor fünf Jahren sagte kein Mensch eine Finanzkrise voraus, geschweige denn eine derart dramatische Entwicklung wie den Zahlungsausfall eines westeuropäischen Staates.

Daher lässt sich die Zukunft kaum glaubhaft voraussagen. Die Anzahl der Investment-Banken dürfte allerdings abnehmen. Kleinere Banken werden nicht überleben. Glücklicherweise verfügt die Credit Suisse über die für Gewinner notwendige Kapitalausstattung, den erforderlichen Markenwert und ein kompetentes Managementteam. Mehr kann ich aber kaum mit einiger Sicherheit sagen.

8. Ich möchte für Sie arbeiten. Wie überzeuge ich Sie von meinen Qualitäten?

Auch wenn ich mich vielleicht wiederhole: Sie überzeugen mich mit Ihrem Erfolgsstreben, Ihrem Engagement für das Geschäft, Ihrem angeborenen Wissensdurst, Ihrem Verantwortungsbewusstsein und Ihrer Identifikation mit den Ergebnissen Ihrer Arbeit.

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