Wieso Sie das Banking nicht einfach verlassen können

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Sie haben’s überlebt. Angeblich war Montag vergangener Woche der deprimierendste Tag des Jahres. Wenn Sie es heute aus dem Bett geschafft haben, dann können Sie sich glücklich schätzen. Das spricht für Ihre Belastbarkeit. Falls Sie sich allerdings nur mit dem Gedanken aus dem Bett kämpfen konnten, sich einen Job anderswo zu suchen, dann sollten Sie sich erst einmal eine kalte Dusche gönnen.

Irgendwann kommen die meisten Finanzprofis an den Punkt, an dem sie entweder alles hinschmeißen oder aber so viel Geld gespart haben, dass sie erfüllendere Tätigkeiten verfolgen können. Beide Alternativen sind möglich, doch keine davon einfach.

Karrierecoach Victoria Macpherson arbeitet mit vielen Leuten, die fälschlicherweise glauben, es sei leicht. Manche würden ihre Bedeutung einfach überschätzen. „Sie erzählen mir, sie wollten auf einen Aufsichtsratsposten oder zu einem Fintech oder Startup wechseln. Aber Ihnen liegt kein Angebot vor. Sie haben für ein Großunternehmen ohne einen kreativen Ansatz gearbeitet und sie müssen erst einige andere Dinge erledigen, bevor der Wechsel gelingt.“

Einigen Leuten scheint das Problem indes bewusst zu sein. „Wer 10 bis 15 Jahre in FX oder Rates Sales gearbeitet hat, dem stehen nicht viele Alternativen offen“, erzählt ein 35jähriger Rates Sales-Experte, der an unserer jüngsten Umfrage zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz teilgenommen hat. Auch er würde gerne früher als später gehen. „Der Job ist langweilig und die Zukunft sieht ebenfalls nicht rosig aus“, sagt er. Mit den sinkenden Vergütungen gebe es auch immer weniger Gründe in der Branche anzufangen.

Wer Jahrzehnte in den Finanzdienstleistungen gearbeitet hat, empfindet oft den Drang, etwas gänzlich anderes zu machen. Als die Schriftstellerin das 30jährige Ehemaligentreffen der Harvard University im vergangenen Oktober besuchte, musste sie feststellen, dass ihre ehemaligen Kommilitonen, die es ins Banking verschlagen hat, „möglichst schnell die Wall Street verlassen wollen, um irgendetwas mit Kunst zu machen.“ Diese Einstellung spiegelt sich auch in unserer Umfrage wider.

„Ich wünschte, ich hätte etwas kreativeres mit meinem Leben angestellt“, beklagt sich eine Londoner Bankerin in ihren 40ern. „Das Büro ist voller toternster 20- und 30jähriger, die weder sonderlich interessiert noch intellektuell neugierig sind“, berichtet ein 22jähriger M&A-Banker aus New York, der seine intellektuelle Stimulierung außerhalb der Arbeit sucht. Da stellt es wohl keinen Zufall dar, dass die vorweihnachtlichen Kunstkurse im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf ausgebucht waren.

Doch viele Finanzprofis sollen ihre kreativen Seiten jenseits des Bankings überschätzen. Vor fünf Jahren hat der niederländische Autor Joris Luyendijk die Serie „Voices of finance“ für die britische Tageszeitung Guardian geschrieben. Laut Luyendijk müssen Bankenaussteiger erst einmal „Bescheidenheit lernen“.

„Vom ersten Tag ihrer Einstellung an wird Bankern erzählt, sie seien die Crème de la crème, die schlauesten Leute weit und breit, die Herren des Universums und so weiter“, meint Luydendijk. Vielen erlägen der Fehlvorstellung, sie könnten alles besser und schneller als jeder andere. „Manchmal sage ich dann: Der Wettbewerb, ein Buch veröffentlicht zu bekommen, ist weitaus härter als eine Karriere im Banking. Viel mehr Leute versuchen ein Buch zu schreiben als ins Banking zu gehen“, sagt er. „Das hat zu nichts geführt. Fast alle meine Gesprächspartner glaubten, dass sie nach diesen Jobs alles machen könnten.“

Laut Macpherson bestehe die größte transferierbare Kompetenz von Bankern wahrscheinlich in ihrer Fähigkeit, lange zu arbeiten. „Wer 15 bis 20 Jahre im Banking verbracht hat, der ist helle und gut in Mathe, doch was haben Sie neben Ihrer Arbeitsethik eigentlich noch zu bieten? Vielen Leuten macht das Angst.“

Darüber hinaus wollen die meisten Aussteiger aus dem Banking Macpherson zufolge genau diese Arbeitsethik hinter sich lassen. Ebenso erstaunlich: Nach der Untersuchung der ehemaligen Goldman Sachs-Mitarbeiterin Alexandra Michel beginnen die ehemaligen Banker auch in den anderen Branchen sehr lange zu arbeiten. Um dies zu vermeiden, empfiehlt Macpherson ehemaligen Bankern eine Auszeit. „Es handelt sich um eine Reise. Sie wagen sich in ein Niemandsland vor. Oft benötigen Sie einige Jahre um herauszufinden, was Sie weiter machen wollen und müssen erste einige Dinge ausprobieren.“

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