☰ Menu eFinancialCareers

GASTKOMMENTAR: Wieso ich nie wieder für einen Börsenbrief arbeiten würde

Nachdem ich selbst auf eigene Rechnung trade und auch gerne schreibe, dachte ich, der Job bei einem Börsenbrief könnte genau das richtige für mich sein. Denn die Anlageberatung bei den Banken dient bekanntlich eher der Generierung von Provisionen und weniger dem Kundenwohl. Dagegen stehe bei einem Börsenbrief eine sinnvolle Anlagestrategie für den Kunden im Mittelpunkt. Doch mit dieser Einschätzung sollte mich getäuscht haben und das gründlich.

1. Das Märchen von der sensationellen Performance

Das Geschäftsmodell vieler Börsenbriefe ist schnell umrissen: Im Marketing werden sensationelle Gewinne vorgegaukelt nach dem Motto: “Schon wieder XXX Prozent Gewinn nach nur X Wochen – für ein kostenloses Testabo klicken Sie hier”. Falls Sie dann den fatalen Fehler begehen, tatsächlich darauf geklickt zu haben, sollten Sie auf keinen Fall vergessen, in weniger als zwei Wochen schriftlich zu kündigen.

Ansonsten erhalten Sie jede Woche eine simple Email, in denen Ihnen irgendwelche Optionsscheine oder Knockouts empfohlen werden – wofür die Kleinigkeit von bis zu 1000 Euro jährlich fällig wird und eine vorzeitige Kündigung ausgeschlossen ist.

2. Empfehlungen aus dem Trading-Kindergarten

Für diese stolze Summe erhalten Sie keine professionelle Anlageberatung. Vielmehr werden Börsenbrief-Redakteure direkt von Schule, Uni oder aus der Arbeitslosigkeit rekrutiert – zu Gehältern, die Sie mit der Lupe suchen müssen. Manche geben offenherzig zu, keine Ahnung von der Börse zu haben. Die gewählten Anlagestrategien unterbieten somit jede Einführung in die technische Analyse, wie Sie sie für wenige Euro in Buchhandlungen erwerben können.

Dennoch bezeichnete der Chef sich selbst als einen führenden Börsenexperten Deutschlands – freilich ohne jemals ein Studium oder eine einschlägige Ausbildung absolviert zu haben. Als Gipfelpunkt der Anlagestrategien predigte der “Experte” die sogenannten Zweihunderttagelinie.

Nach dieser Trendfolgestrategie werden die Schlusskurse der vergangenen 200 Börsentage herangezogen und hieraus ein Durchschnitt errechnet – liegt der aktuelle Kurs über dem gleitenden Durchschnitt, befindet sich der entsprechende Markt in einem Aufwärtstrend, liegt er darunter, in einem Abwärtstrend. Der wahrste Trading-Kindergarten.

Doch als wahrer Börsenguru gehorchte er lieber seiner “Erfahrung” und empfahl in 2008 fortwährend Calls – obgleich der DAX seit Mitte Januar bis Weihnachten zu Tale rauschte wie eine Lawine an einem lauen Frühlingsmorgen. Die Folge waren sensationelle Verluste – allerdings nur für Anleger, nicht für den Börsenbrief.

3. Vom kreativen Umgang mit Performancezahlen

Um Neukunden nicht abzuschrecken, wurde indes eine beachtliche Kreativität entwickelt. So wurden vor anstehenden Werbekampagnen die Empfehlungslisten um die beträchtliche Anzahl von Fehltrades bereinigt und die entsprechenden Positionen glattgestellt. Dies war für den Börsenbrief mit keinerlei Verlusten verbunden, denn schließlich war man nicht so unklug, echtes Geld in die eigenen Empfehlungen zu investieren.

Allerdings gibt es auch die Variante mit einem echten Depot. Dazu legt der Börsenbriefherausgeber diverse Depots mit einigen Tausend Euro an und spekuliert wild drauf los. Die meisten Depots gehen dabei den Bach herunter, doch eines wird sicherlich auch kräftige Gewinne aufweisen.

Mit diesem Ausnahmedepot wird dann den Börsenbrief gestartet. Die Abonnenten haben also bei ihrem Einstieg bereits die Performance verpasst, die vollmundig in der Werbung angepriesen wird. Auch bei anstehenden Verlusten weist das Börsenbriefdepot noch lange schöne Gewinne aus – während bei den Abonnenten die Farbe rot dominiert.

4. Risiken nur für Abonnenten, nicht für den Herausgeber

Falls der Abonnent schließlich erkennt, dass ihm der Börsenbrief nur hohe Verluste und Kosten einbringt, dann hat er Pech gehabt. Denn anders als bei einer Bank handelt es sich nicht um eine individuelle Anlageberatung, für die das Institut unter Umständen haften muss, sondern um ein Medienerzeugnis. Als solches wird es von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit dem verminderten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent belohnt. Gepriesen sei die Pressefreiheit.

Kommentare (0)

Comments

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier