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Wie Amsterdam mit Frankfurt um Brexit-Flüchtlinge konkurriert

Bicycles parked on a bridge in Amsterdam

Thomas hat zehn Jahre für eine Investmentbank in London gearbeitet, bevor er bereits vor dem Brexit-Referendum nach Amsterdam umzog. Für ihn, wie für so viele andere niederländische Banker, liegen die Gründe für die Rückkehr auf der Hand. „Als ich in London arbeitete, habe ich meine Kinder nie gesehen. Sie schliefen als ich das Haus verließ und als ich zurückkam“, erzählt er. „Als unser drittes Kind kam und hohe britische Schulgebühren drohten, mussten wir gehen.“

Laut den Rückkehrern sei das Leben in Amsterdam besser als in London. „Heute fahre ich mit dem Auto zur Arbeit und muss mich nicht mehr in eine überfüllte U-Bahn quetschen“, erzählt Stijn, ein anderer Banker, der die City verlassen hat und heute als Managing Director für eine niederländische Bank arbeitet. „Am Wochenende kann ich innerhalb von 40 Minuten an den Strand fahren. Wenn ich das gleiche in Fulham (einem Londoner Stadtteil) gemacht hätte, dann wäre ich schon auf der Putney Bridge im Stau steckengeblieben.“

Bei der Schlacht um die Brexitjobs hat Frankfurt jedoch die Nase vorn – auch vor Amsterdam. Allerdings konnte die niederländische Metropole sich einige Trading-Gesellschaften wie MarketAxess oder TradeWeb sowie einige kleinere Investmentbanken wie die Royal Bank of Scotland, die japanische Bank MUFG und Jefferies sichern. Letztere hat dort gerade ein Büro mit sieben Mitarbeitern für ihren Benelux-Kunden eröffnet.

Amsterdam hat sich lange als Geheimtipp bei der Schlacht um die Brexitjobs gesehen. Umso größer fällt die Frustration unter den Amsterdamer Bankern angesichts des guten Starts von Frankfurt aus. Dabei hat der niederländische Bankensektor seit 2008 einen großen Stellenabbau erlitten. Internationale Player haben sich aus dem Land zurückgezogen und ortsansässige Banken streichen ihr Personal zusammen.

„Das M&A- und Brokerage-Geschäft wurde in den vergangenen zehn Jahren arg dezimiert“, bestätigt Personalberater Chris De Groot von Financial Assets.

Die hohe Lebensqualität

Die niederländischen Banker, mit denen wir gesprochen haben, glauben besonders bei der Lebensqualität punkten zu können. „Frankfurt ist so langweilig. Amsterdam sprüht vor Leben und  jeder spricht Englisch. Alle Londoner Banker, die ich kenne, würden gerne hierherziehen. Ich verstehe es nicht“, ärgert sich Bram über den Vorsprung der Frankfurter. Bram leitet das Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren einer niederländischen Bank.

Londoner Banker leben besonders gerne in den wohlhabenden Gegenden wie Putney, Fulham, Wandsworth und Clapham. Dagegen bevorzugen niederländische Banker das Landleben. Statt in Amsterdam leben sie in den Dörfern der Haarlemer Gegend wie Aerdenhout, Bloemendaal und Heemstede oder in den Amsterdamer Vororten, dem sogenannten „Het Gooi“. Beides liegt nur eine Autofahrt von rund 25 Minuten vom Finanzzentrum entfernt. Dort sind Häuser ab 1 Mio. Euro zu haben, was in Putney schon für eine Vierzimmerwohnung auf den Tisch zu blättern ist.

Punkten wollen die Niederländer beim Schulsystem. In Frankfurt ist noch offen, ob die internationalen Schulen den Ansturm der Brexit-Kids bewältigen können. Darüber hinaus schlagen einige arg zu Buche. So soll ein Schuljahr an der Frankfurt International School die Kleinigkeit von 21.100 Euro kosten. Dagegen hätten die Niederlande das fünftbeste Schulsystem der Welt, so heißt es. Aber auch dort kann ein Platz an einer internationalen Schule tiefe Löcher ins Familienbudget reißen. So verlangt die International School of Amsterdam für ein Schuljahr bis zu 23.500 Euro.

„Fast jeder nutzt öffentliche Schulen, gleich wie viel er verdient“, versichert Bram. Ein deutlicher Unterschied zu Großbritannien, wo der Oberklassennachwuchs regelmäßig an Privatschulen ausgebildet wird.

Doch trotz all dieser Vorteile hat das Bankerleben in Amsterdam seine Schattenseiten. Nach dem Kahlschlag im zurückliegenden Jahrzehnt sind Karrierechancen rar. Auch die Vergütungen fallen für Londoner Verhältnisse bescheiden aus. Laut Personalberatern beginnen Analysten im Investment Banking bei rund 43.000 Euro, was für Associates auf 67.000 Euro ansteigt. Dagegen beginnen in London die Analystengehälter laut der Personalberatung Dartmouth Partners bei 50.000 Pfund (rund 57.000 Euro) und steigen bei Associates in ihrem dritten Jahr bis auf 120.000 Pfund (137.000 Euro) an. Während Managing Directors in Equity Trading laut Holtrop Ravesloot in Amsterdam 220.000 Euro verdienen können, sind es in London 350.000 bis 550.000 Pfund (396.000 bis 550.000 Euro).

Jobsicherheit ähnlich wie in Frankfurt

Jobsicherheit und Abfindungen scheinen in Amsterdam ähnlich hoch wie in Frankfurt auszufallen und höher als In London. „In der Praxis sehen wir regelmäßig, dass für ein Jahr Beschäftigung eine Abfindung von einem Monatsgehalt herausspringt. Dagegen liegt die von Gerichten zugesprochene Abfindung lediglich bei einem Drittel Monatsgehalt pro Jahr“, erzählt Floris van de Bult von der Kanzlei Clifford Chance in Amsterdam. In Deutschland handelt es sich dagegen oft um ein halbes Monatsgehalt.

Einen veritablen Standortnachteil hat Amsterdam gegenüber Frankfurt bei der Beschränkung der Boni. Während in der übrigen EU die Boni zumeist bei 200 Prozent gedeckelt sind, sind es in den Niederlanden magere 20 Prozent. „Das Problem mit der Bonusbegrenzung bei 20 Prozent und die Tatsache, die Mitarbeiter nicht auf Marktniveau vergüten zu können, stellt ein sehr großes Problem dar“, betont van de Bult.

Die Deckelung gilt jedoch nicht für kleine Tradingfirmen, die sehr stark auf Boni setzen. Laut De Groot lägen dort die Grundgehälter oft nur bei 40.000 Euro, während Boni bis zu 3 oder 4 Mio. Euro möglich seien.

Die Öffentlichkeit in Amsterdam habe den Bankern immer noch nicht verziehen. Weshalb eine Lockerung der niederländischen Bonusdeckelung in der näheren Zukunft nicht zu erwarten sei. „Es ist nicht so, dass man bei Dinner Parties vorgeben muss, ein Lehrer zu sein, dennoch streite ich mich oft sehr mit Freunden, die einfach nicht verstehen, wieso jemand einen Bonus von über 20 Prozent verdienen könne“, erzählt Stijn. „Das wird dann schnell peinlich.“

„Banker sind noch immer schlecht angesehen“, ergänzt Thomas. „Die Regierung verweist zwar auf die Vorteile für die Wirtschaft, aber die Öffentlichkeit betrachtet reiche Banker nur als Leute, die hierherkommen, die Hauspreise in die Höhe treiben und womöglich die nächste Krise verursachen.“

Die Einschätzungen, wie viele Jobs nach Frankfurt gehen, liegen zwar weit auseinander, dennoch sehen sämtliche Beobachter Frankfurt auf der Gewinnerspur. So rechnet Bloomberg mit 3050 Brexit-Flüchtlingen, der Verband der Auslandsbanken in Deutschland mit 5000 Jobs und die Volkswirte der Helaba ebenfalls mit 5000 Jobs bis Ende 2019. Dennoch wollen sich die Niederländer noch nicht geschlagen geben. „Der Wettbewerb ist noch nicht vorbei. Wenn nur ein großer Asset Manager hierherkommt, dann werden andere folgen. Und ich denke: Wenn die Banken auf ihre Mitarbeiterwünsche hören, dann werden auch mehr Bankenjobs kommen“, hofft De Groot.

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