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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten: Der traurige Abschied von den Praktikanten ohne Angebot

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Das Praktikum ist vorbei und ich hab’s geschafft. Ich habe ein Angebot erhalten, im nächsten Jahr bei der Investmentbank anzufangen. Damit kann ich Red Bull und Kaffee für ein Schlückchen Champagner eintauschen.

Die Bilder, wie Investmentbanker von Lehman Brothers nach der Pleite ihre Sachen in Kartons aus der Bank trugen, haben sich in unser Gedächtnis eingeprägt. Im Vergleich dazu fiel der Abschied bei uns Praktikanten undramatisch aus.

Wer von den Praktikanten ein Übernahmeangebot erhalten hat, bekam einen Umschlag ausgehändigt und stolzierte damit und einem breiten Grinsen durch das Büro. Wer es hingegen nicht schaffte, hat sofort ohne jegliche Abschiedszeremonie das Büro verlassen. Das ist schon traurig. Die Bank schuldet uns zwar nichts, dennoch ist es ein wenig seltsam. Wir haben in einer Gruppe zusammengearbeitet und uns als Freunde betrachtet und dann gibt es nicht einmal die Möglichkeit sich voneinander zu verabschieden. Die Betroffenen versuchen jetzt ihre Praktikumserfahrung zu nutzen, um einen Job bei einer anderen Bank zu finden. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei – in ihrer Haut möchte ich aber nicht stecken.

Wie ich bereits geschrieben habe, hatte ich mit den langen Arbeitszeiten zu kämpfen und kam kaum vor 2 Uhr nachts aus dem Büro. Das ist aber nicht bei allen Banken der Fall. So verlangt die Bank of America Merrill Lynch von ihren Praktikanten, die Büros vor Mitternacht zu verlassen und nicht das ganze Wochenende durchzuarbeiten. Diese Regelung wurde nach dem tragischen Tod des deutschen Praktikanten Moritz Erhardt 2013 eingeführt. Er starb an natürlichen Ursachen, dennoch wurde der Tatsache, dass er mehrere Nächte ich Folge durchgearbeitet hatte, eine Mitschuld gegeben.

Daran verwundert mich vor allem, wie die Praktikanten dort all ihre Arbeit erledigt bekommen und ganz nebenbei auch noch die Zeit fürs Networking finden, wie es für ein Übernahmeangebot erforderlich ist. Die vergangenen Wochen bestanden aus einer sorgfältig orchestrierten Kampagne aus harter Arbeit und diversen Treffen mit Senior Bankern auf einen Kaffee. Alles diente dem alleinigen Zweck, ein Übernahmeangebot zu erhalten.

Meines Erachtens gibt es einige Gründe dafür, wieso es bestimmte Praktikanten nicht schaffen. Zunächst liegt es nicht am Geschäft. Wenn die Bank gewollt hätte, dann hätte sie sämtliche Praktikanten übernehmen können. Stattdessen bevorzugte sie es, sich von einigen zu trennen.

Auch am mangelnden Networking hat es nicht gelegen. Sicherlich benötigt man Fürsprecher in verschiedenen Bereichen, die im richtigen Moment den Daumen heben. Allerdings bleibt kaum genügend Zeit, um die Kontakte zu pflegen. Viel zu viele Praktikanten haben viel Zeit und Energie darauf verwendet, kleine Treffen mit einflussreichen Mitarbeitern aufzusetzen und dabei ihre eigentliche Arbeit vernachlässigt. So etwas ist einfach inakzeptabel.

Für ein Angebot muss man bescheiden und kompetent auftreten. Persönlich habe ich viel im Umgang mit Excel und Powerpoint gelernt. Doch viele Praktikanten sind hier aufgetaucht und haben behauptet, sie könnten das schon alles. Die Folge davon war, dass sie „ihr Ding“ gemacht haben und nicht lernten, wie die Bank es gerne hätte. Doch nichts ärgert einen Investment Banking Analysten mehr, als wenn er die Arbeit eines Praktikanten überarbeiten muss, der dann auch noch die Änderungen ablehnt.

In den vergangenen Wochen haben einige von uns an einer Fallstudie zu einer Fusion gearbeitet, die die Bank kürzlich abgeschlossen hat. Im Grunde haben wir die Pitchbooks erstellt, die finanziellen Aspekte des Deals auseinandergenommen und uns eine Begründung ausgedacht, wie wir die Fusion angehen würden. Es war großartig, unserer Gehirne mal so richtig anzustrengen, denn viele Praktikantenaufgaben sind reichlich banal.

Neben den weichen Faktoren wie Teamfähigkeit spielt die Fallstudie natürlich bei der Entscheidung, wer übernommen wird oder nicht, eine große Rolle. Daher darf sie niemals unterschätzt werden.

Es fühlt sich schon sonderbar an: Ich habe noch ein Jahr Uni vor mir und verfüge bereits über ein Einstiegsangebot von einer Investmentbank. Die letzten beiden Jahre habe ich mich neben dem Studium voll darauf konzentriert, nach meinem Abschluss bei einer Investmentbank unterzukommen. Jetzt habe ich den Job. Daher werde ich es erst einmal ruhiger angehen lassen, bevor die richtige Arbeit im September nächsten Jahres so richtig losgeht.

Bei James Robert handelt es sich um ein Pseudonym. Robert verbringt sein Praktikum im M&A-Geschäft einer Großbank in London. Er berichtet hier regelmäßig von seinen Erfahrungen.

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