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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten: Die Angst, kein Übernahmeangebot zu erhalten

Gossip

Bankpraktikanten verhalten sich wie eine Gruppe von Schulkindern: Sie stecken wie nach einer Klassenarbeit ihre Köpfe zusammen, tauschen Informationen aus und zucken beim Hauch eines Fehlers zusammen. Auch wir teilen die vagen Aussagen, die von Managing Directors oder die für uns zuständigen Analysten abgesondert werden. Besonders gefragt sind Informationen, ob wir ein Übernahmeangebot erhalten oder nicht.

Unsere Vorgesetzten haben es in der Hand, uns Stolz zu machen oder Angst einzujagen. „Du bringst das Zeug zu einem Analysten mit“, führt zu Begeisterung; „Ich glaube, Du gehörst hierher“, löst Freudentränen aus und „Genau das erwarte ich von einem starken Praktikanten“, macht uns glauben, dass wir zu den Favoriten zählen.

Allerdings schwingt dabei auch immer die Angst mit, sie könnten das jedem Praktikanten sagen. Zu viel Lob verliert seinen Wert. Nicht jeder kann ein Übernahmeangebot erhalten. Und noch schlimmer: Auf einige dieser Lobpreisungen folgt ein „aber“. So heißt es beispielsweise: „Ich glaube Du gehörst hierher, aber Clive ist noch nicht überzeugt“ oder „Wenn es nach mir ginge, würden wir Dich übernehmen, aber Sarah findet den ‚Excel Macro-Meister‘ besser.“

Die Wahrheit lautet: An diesem Punkt unseres Praktikums können wir wenig zu einem positiven Ergebnis beitragen. Allerdings besteht immer noch die Möglichkeit, alles noch kurz vor dem Ende zu vermasseln. Daher versuchen sich sämtliche Praktikanten tadellos zu benehmen. Am schlimmsten sind jedoch die Gerüchte. So ist ein anderer Praktikant atemlos an meinen Tisch gerannt und rief: „Lissy vom Energie-Team hat bereits ein Übernahmeangebot erhalten.“ So etwas nehmen wir mit demonstrativem Wohlwollen, aber versteinerter Miene auf. Insgeheim denken wir: „Wieso Sie und nicht ich!“

Aber dann gibt es auch noch die Pessimisten. Obwohl noch nichts Handfestes bekannt ist, rechnen sie mit keinem Übernahmeangebot und sammeln schon einmal Ausreden für ihr Scheitern. Sie beschweren sich vorsorglich, dass ihnen niemals die Chance gegeben wurde zu zeigen, was in ihnen steckt. Sie behaupten, die Analysten hätten ihnen nur todlangweilige Aufgaben übertragen, damit sie scheitern. Die Bank hätte in ihrem Team einfach zu viele Praktikanten angeheuert und sie hätten lieber das Praktikumsangebot einer anderen Bank annehmen sollen. Vielleicht bringen sie auch nur die falsche Herkunft mit, klagen sie. Die Liste ließe sich fortsetzen. Es handelt sich aber lediglich um Selbstmitleid.

Dabei ist die Sache ganz einfach: Um ein Übernahmeangebot zu erhalten, müssen die Leute ihr Geld wert sein. Tatsächlich sind viele von uns sogar ganz entspannt, weil sie einfach nicht verzweifelt auf ein Angebot warten. Vielleicht können die Banken diese Einstellung wittern und sind darauf aus, dass wir ihr Angebot annehmen und nicht das einer konkurrierenden Bank, einer Private Equity-Gesellschaft oder einer Beratung. Denn als Europäer benötigen wir für Großbritannien keine Visa, sprechen mehrere Sprachen und studieren auf Master. Wir können den Banken also einiges für ihr Geld bieten.

In den vergangenen neun Wochen habe ich fast rund um die Uhr gearbeitet und während des Sommers kaum die Sonne oder meine Familie gesehen. Dennoch bin ich ein wenig traurig mich von meinen neuen Freunden und dem lieb gewonnen Job verabschieden zu müssen. In den kommenden Tagen werde ich erfahren, ob ich ein Angebot für einen Einstiegsjob 2018 erhalten werde oder nicht.

Bei James Robert handelt es sich um ein Pseudonym. Robert verbringt sein Praktikum im M&A-Geschäft einer Großbank in London. Er berichtet hier regelmäßig von seinen Erfahrungen.

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