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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten: Einige haben sich innerlich schon vom Banking verabschiedet

Man in the city

Ich schreibe diesen Beitrag am Sonntagabend und gerade hat mir der für mich zuständige Investment Banking-Analyst eine E-Mail geschickt. Theoretisch sollten die Sonntage frei bleiben, aber das hat bislang noch nie geklappt. Er will eine Datei haben und zwar noch heute Abend. Auch verlangt er von mir, dass ich noch einmal meine Arbeit durchgehe, die Anfang dieser Woche fällig ist. Der übliche Wochenendstress eben.

Bei dem Praktikum habe ich gelernt: Junge Investmentbanker müssen stets abrufbereit sein, auch wenn sie gerade nicht im Büro sind. Das geschieht nicht aus Rachegelüsten, vielmehr gehört es einfach zum Geschäft dazu. Obgleich es sich um den „vergleichsweise ruhigen Monat August“ handelt, konnte ich meinen Arbeitsplatz kein einziges Mal vor Mitternacht verlassen. Doch wann immer ich gehen konnte, saßen noch einige Associates und Vice Presidents an ihren Plätzen.

Meine Theorie lautet: Beim Investment Banking handelt es sich weniger um eine Wahl der Karriere, sondern des Lebensstils. Wer damit zurechtkommt, Ewigkeiten am Arbeitsplatz zu verbringen, sich von Fastfood zu ernähren, immer bereitzustehen und die Bereitschaft mitbringt, ggf. sämtliche Pläne fürs Privatleben aufzugeben, für den handelt es sich um einen großartigen Job. Wem das jedoch etwas ausmacht, der wird hier nicht lange überstehen.

Diesen Erkenntnisprozess beobachte ich auch beim diesjährigen Sommerpraktikanten-Jahrgang. Die Teilnehmer sind entweder voll darauf aus, ein Übernahmeangebot zu erhalten, oder sie verlieren schnell ihre Begeisterung. So gibt es einige, die zu Beginn des Praktikums völlig vom Karriereweg eines Investmentbankers überzeugt waren. Nach einigen Wochen in der brutalen Arbeitswelt mussten sie feststellen, dass das Investment Banking doch nichts für sie ist.

Sie haben das jedoch nicht vielen Leuten im Büro erzählt. Mittlerweile verbreiten sich Gerüchte, wonach die Situation angespannt sei und es nicht viele Übernahmen geben werde. Bereits in einem vorherigen Beitrag habe ich geschrieben, dass viele US-Investmentbanken bewusst zu viele Praktikanten einstellen und die Konkurrenz unter ihnen fördern. Obgleich es hier nicht wie unter Gladiatoren in einer Arena zugeht, zeigen sich einige von ihrer kampfeslustigen Seite, was selten ein schöner Anblick ist.

Was mich betrifft: Ich bin entschlossener denn je das Praktikum mit einem Angebot zu beenden. Ich habe hart gearbeitet und sogar die lästigeren Aspekte der Arbeit genossen. Zwar habe ich ein wenig wie ein Excel- und Powerpoint-Analphabet begonnen, dennoch habe ich genügend Abkürzungen gelernt, um nicht jede wache Stunde im Büro zu verbringen. Hier ist es deutlich ruhiger geworden. Wir haben viel Analysearbeit geleistet. Das ist zwar nicht aufregend, aber es handelt sich um eine gute Lernerfahrung.

Viele Praktikanten wurden zu „Networking Events“ bei anderen Banken in London eingeladen. Dies stellt gewissermaßen eine Chance dar, seine Karriereperspektiven zu hedgen, weil man dort Führungskräfte anderer Banken kennenlernt, die einem womöglich Karrierealternativen eröffnen. Was mich betrifft: Ich konnte keine dieser Veranstaltungen besuchen, weil ich einfach arbeiten musste. Ich knie mich in meine Arbeit hinein und hoffe hier ein Einstiegsangebot zu erhalten.

Bei James Robert handelt es sich um ein Pseudonym. Robert verbringt sein Praktikum im M&A-Geschäft einer Großbank in London. Er berichtet hier regelmäßig von seinen Erfahrungen.

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