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Exodus: Immer mehr Senior Investmentbanker zieht es auf die Unternehmensseite

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Noch heute sehen viele Berufseinsteiger im Investment Banking das gelobte Land. Doch während nach dem Alten Testament das jüdische Volk aus Ägypten auszog, um das gelobte Land zu finden, können es heutige Investmentbanker kaum erwarten, dass vermeintlich gelobte Land zu verlassen. Die Branche wird seit Jahren von einem wahren Exodus heimgesucht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Berufseinsteiger noch als Vice President bei dem gleichen Institut arbeitet, sinkt von Jahr zu Jahr“, berichtet Headhunter Andreas Krischke von Indigo Headhunters in Frankfurt. Viele nehmen die gute Ausbildung bei renommierten Adressen wie Goldman Sachs, JP Morgan oder der Deutschen Bank mit, um in der Private Equity-Branche oder in den Corporate Finance-Abteilungen großer und mittelständischer Unternehmen ihre Karriere fortzusetzen.

Doch jetzt wird auch die Liste von altgedienten Investmentbankern immer länger, die bei Corporates eine Zweitkarriere versuchen. Ein weiterer Personalberater, der namentlich nicht genannt werden möchte sagt: „Wenn ich eine Stelle bei Corporates für Investmentbanker habe, brauche ich mich um interessierte Kandidaten nicht zu sorgen.”

Investment Banking büßt Attraktivität ein

Der Exodus in die Realwirtschaft hängt mit dem großen Wandel zusammen, den das Investment Banking seit der Finanzkrise durchmacht. „Früher haben einige Investmentbanker so viel Geld verdient, dass sie mit Mitte 40 nicht mehr wirklich arbeiten mussten. Das gab es nicht nur in London, sondern auch in Frankfurt“, erinnert sich Krischke schmunzelnd. „Diese Zeiten sind vorbei.“

Stattdessen ist für die meisten Investmentbanker auf dem Director-Level die Karriere vorbei; für viele sogar schon auf der Vice President-Stufe. „Kaum ein Managing Director ist freiwillig bereit, einen Teil seiner Umsätze abzugeben“, sagt Krischke. Für die Beförderung zum Managing Director seien jedoch beträchtliche eigene Erträge Voraussetzung. Aus dem traditionellen „Up or out“ der Branche werde immer häufiger ein „out“.

Die Beispiele mehren sich

Unterdessen hat die Zweitkarriere in der Realwirtschaft deutlich an Attraktivität gewonnen. Die Liste erfolgreicher Ex-Investmentbanker wird mithin immer länger. So hat Philipp von Hagen nach einem Bachelor-Studium der Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics und einem Master-Studium in Oxford seine Karriere als Investmentbanker bei der koreanischen Bank Daiwa und Intercapital Securities in London von 1995 bis 1998 begonnen. Anschließend wechselt er zu Rothschild nach Frankfurt, wo er 14 Jahre lang blieb und zuletzt das Global Financial Advisory leitete. 2012 gelang er schließlich in den Vorstand der Porsche SE in Stuttgart, wo er für das Beteiligungsmanagement verantwortlich ist. Wer es nicht weiß: Die Porsche SE besitzt 52 Prozent der Volkswagen-Stimmrechte.

Doch es geht auch weniger prominent zu. Einen interessanten Fall, aber keinen Ausnahmefall, stellt Philipp Riemen dar. Nach Banklehre bei der Sparkasse Solingen und einem BWL-Studium in Bayreuth hat Riemen seine Karriere 1989 als Relationship Manager im Corporate Banking der Dresdner Bank begonnen. Im M&A von Sal. Oppenheim brachte er es von 1997 bis 2000 zum Senior Vice President und bei der WestLB von 2000 bis 2012 zum Executive Director. Nach dem unrühmlichen Ende der Landesbank ging Riemen als Head of M&A zum Mannheimer Energieversorger MVV, wo er 2015 zum Group Head of Finance & Investor Relations avancierte. Der Sprung zum „Head of…“ gelang Riemen also erst nach seiner Bankingkarriere.

Arbeitgeber schätzen an Ex-Investment Bankern ihr hohes Know-how. Besonders in M&A würden sich die Aufgaben auf Sell- und Buyside durchaus ähneln. Durch ehemalige Investmentbanker könnten die Unternehmen mit den Banken auf gleicher Augenhöhe verhandeln und dabei auch noch hohe Beratungskosten sparen, wie sie bei renommierten Investmentbanken anfallen, betont Krischke.

Investmentbanker sind heute bodenständiger als früher

Doch wer den Schritt in die Realwirtschaft wagt, muss sich auf finanzielle Einbußen gefasst machen. „Die meisten sind sich bewusst, dass sie vielleicht ein Festgehalt auf ähnlichem Niveau wie im Investment Banking erhalten, aber auf einen hohen Bonus verzichten müssen“, sagt Krischke. „Das Kinn fällt aber häufig herunter, wenn sie hören, dass sie von Frankfurt nach Gütersloh umziehen müssen.“

Große Unterschiede bei der Unternehmenskultur

Die Unternehmenskultur stelle bei einem Karriereschwenk vom Investment Banking in die Realwirtschaft ebenfalls ein geringeres Hindernis dar als in der Vergangenheit. „Wer heute als Investmentbanker Anfang oder Mitte 40 ist, der hat die Finanzkrise miterlebt“, erzählt Krischke. „Die heutigen Investmentbanker sind daher bodenständiger.“

Dennoch rät der Headhunter sich vor einem Wechsel sich das fragliche Unternehmen genau anzusehen. Bei einigen Firmen sei die M&A-Abteilung beim Vorstandschef angesiedelt, bei anderen beim Finanzvorstand und bei wieder anderen gebe es entsprechende Abteilungen sowohl beim Vorstandschef als auch beim Finanzvorstand. „Es gibt alle möglichen Spielarten“, kommentiert Krischke. Wer die Entscheidungen fälle und wie die jeweilige Kultur in der Abteilung ausfalle, sei ebenfalls recht unterschiedlich. „Das lässt sich leider von außen nicht immer erkennen.“

„Aber als Banker muss man den Perspektivenwechsel wirklich wollen und verinnerlichen. Ob ein Wechsel zum Unternehmen für einen Banker der richtige Schritt ist, hängt weniger von seiner Kompetenz, sondern von seinen Erwartungen ab. Die müssen stimmen”, betont Krischke. „Man wechselt von einem ,Profit Center’ in ein ,Cost Center’, von einem operativen Bereich in einen nicht-operativen. Das ist ein kultureller Unterschied und dieser bedingt ein neues Selbstverständnis des Bankers. Er wird nicht mehr in Erträgen gemessen, sondern in Kosten, die er einspart und die oft nicht so sichtbar sind wie die Erträge. Einen Vertriebsmann zum Einkäufer zu machen, kann für das Unternehmen extrem hilfreich sein, wenn er die Rolle des Einkäufers tatsächlich annimmt.”

Eine Rückehr ins Investment Banking ist möglich – aber schwierig

Ein Ende des Investmentbanker-Exodus in die Realwirtschaft ist nicht abzusehen. Umso interessanter ist, dass auch eine Rückkehr aus der Realwirtschaft ins Banking möglich erscheint. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist Marcus Schenck. Der promovierte Volkswirt hat seine Karriere bei der Strategieberatung McKinsey begonnen und von 1997 bis 2016 in verschiedenen Funktionen bei Goldman Sachs gearbeitet. Anschließend verließ er die Branche und agierte bis 2013 als Finanzvorstand des Energieriesen E.ON. Doch dann stand der Exodus vom Exodus auf dem Programm. 2013 kehrte er als Head of Investment Banking Services zu Goldman Sachs zurück und 2015 wurde er zum Finanzvorstand der Deutschen Bank befördert. Merke: Kein Exodus muss endgültig sein.

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