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INTERVIEW mit Prof. Steffen: Fallen die Boni bei der Deutschen Banken zu hoch aus?

Boni

Prof. Sascha Steffen von der Uni Mannheim

Sascha Steffen forscht als Professor an der Uni Mannheim und am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) u.a. über die Eigenkapitalausstattung der Banken. Nach seinen Studien weist allein die Deutsche Bank einen Eigenkapitalbedarf von 19 Mrd. Euro auf. Auch andere deutsche Banken schneiden schlecht ab. Wir haben nachgefragt, was die Banken unternehmen müssen und welche Auswirkungen dies auf die Boni hat.

Beim Eigenkapitalmangel landet die Deutsche Bank in Ihrer Studie mit 19 Mrd. Euro auf dem unrühmlichen ersten Platz. Der jüngste Stresstest der European Banking Authority (EBA) kommt zu einem anderen Ergebnis. Können Sie uns mit einfachen Worten erklären, worin sich Ihr Ansatz unterscheidet?

Die EBA hat den Fokus nicht auf den Kapitalbedarf gelegt. Vielmehr ging es darum, Informationen für die Bankenaufsicht zur Verfügung zu stellen. Wir haben die Ergebnisse aus dem Stresstest genommen. Wir haben die Verluste, die in den verschiedenen Szenarien aufgekommen sind, verwendet und dann verschiedene Methoden aus der Stresstestpraxis der vergangenen Jahre angewendet, um das in Kapitalmangel zu übersetzen.

Wir haben einmal die Methode der EBA aus 2014 angewendet, den sogenannten Asset Quality Review. Dabei kam heraus, dass nur eine Bank die gesetzte Kernkapitalquote (Tier 1) von 5,5 Prozent nicht erreichte. Das war die Banca dei Monte Paschi mit 5,6 Mrd. Euro. Als zweites haben wir die Methode hinzugezogen, die die USA in ihrem Stresstest 2016 angewendet hat. Diese besteht aus vier verschiedenen Kapitalquoten. Drei davon sind regulatorische Quoten, d.h. es spielen Risikogewichte eine besondere Rolle. Und das letzte ist die sogenannte Leverage Ratio, die sich aus den Bilanzen plus Verbindlichkeiten außerhalb der Bilanz errechnet. Wenn man diese Methode anwendet, kommt man zu einem Kapitalbedarf von insgesamt 123 Mrd. Euro für die europäischen Banken. Dabei liegt die Deutsche Bank mit 19 Mrd. ganz oben; knapp ein Viertel des gesamten Kapitalbedarfs entfällt auf deutsche Banken. Wir haben die gleichen Szenarien der EBA genommen und nur eine Bewertungsmethode darunter gelegt.

Sie orientieren sich also an den strengeren US-Methoden?

Genau. Die gesamten Verluste stammen aus der Leverage Ratio. Die anderen Methoden haben eigentlich keinen Kapitalbedarf generiert, sondern nur die Leverage Ratio. Daraus kann man verschiedene Schlüsse ziehen: Welchen Kapitalbedarf erhalten wir, wenn wir eine regulatorische Größe wie Risikogewichte oder eine Buchgröße wie die Leverage Ratio zugrunde legen? Dabei sehen wir ganz klar eine negative Korrelation. Banken, die bei Risikogewichten sehr gut dastehen, schneiden nach der Leverage Ratio sehr schlecht ab. Das ist recht problematisch, denn wenn Sie sich fragen ‚Ist eine Bank stabil‘, dann erhalten Sie zwei unterschiedliche Aussagen.

In der öffentlichen Diskussion haben zuletzt alle Finger auf die italienischen Banken gezeigt. Wieso schneiden nach Ihrer Studie die deutschen Banken besonders schlecht ab: Die Deutsche Bank braucht 19 Mrd., Commerzbank 5 Mrd. und Landesbanken bis zu 2,7 Mrd. Euro?

Das liegt einmal an der Größe: Die Deutsche Bank ist einfach eine der größten Banken der Eurozone. Zum anderen liegt dies an der unterschiedlichen Anwendung von Risikogewichten. Die Deutsche Bank weist in den zurückliegenden Jahren im Durchschnitt weit unter 20 Prozent an risikogewichteten Aktiva an ihrer Bilanzsumme aus. Damit schneidet sie bei Kennzahlen, die diese im Focus haben, relativ gut ab. Sie hat aber eine Bucheigenkapitalgröße von unter 3 Prozent.

Fairerweise muss man sagen, dass bei der Deutschen Bank erstmals die hohen Rechtsrisiken, die sogenannten Litigation Costs, berücksichtigt worden sind, die klar mitverantwortlich für den hohen Eigenkapitalbedarf sind. Es wurde in unserer Studie angenommen, dass diese auf der gleichen Höhe wie in den vergangenen Jahren bleiben, was nicht unbedingt zu erwarten ist. Dies hat die Deutsche Bank besonders negativ getroffen. Insgesamt kann man schon lange sehen, dass es eine große Diskrepanz zwischen der Bewertung der Banken durch die Aufsichtsbehörden und die Märkte gibt. Der Markt preist erhebliche Abschläge auf die Großbanken in Europa ein.

Sie haben gefordert, dass die betroffenen Banken ihre Dividendenzahlungen einschränken und das Geld stattdessen zur Stärkung des Eigenkapitals verwenden. Uns interessiert: Müssen die Banken nicht auch die Boni zusammenstreichen. Gerade bei der Deutschen Bank fällt der Bonuspool immer noch üppig aus?

Das ist richtig. Gerade im Investment Banking fällt die Vergütung immer noch exzessiv aus. Wir haben uns die Boni nicht im Detail angeschaut; aber dort wurden Gelder ausbezahlt, die in überhaupt keinem Verhältnis zu den eingegangenen Risiken standen. Unter dem Vorwand des Wettbewerbs unter den Banken wurden hier einfach viel zu hohe Vergütungen bezahlt.

Die Banken haben sich da ein Gehaltsmonopol geschaffen. Die Mitarbeiter wechseln alle zwischen wenigen Instituten mit gleichen oder höheren Gehältern. Durch die kleine Gruppe von Banken kommen dann diese hohen Gehälter zustande. Von daher stellt sich die Frage, ob das nicht auch ein Bestandteil der Aufsicht werden sollte.

Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Bank einen Verlust von 6,8 Mrd. Euro ausgewiesen. Dennoch wurden keine aufgelaufenen Bonusansprüche wieder einkassiert. Eigentlich sehen die Vergütungsrichtlinien vor, dass bei Verlusten die Boni aus Vorjahren gestrichen werden. Haben Sie Verständnis, dass die Deutsche Bank von diesen Rückforderungsmechanismen keinen Gebrauch gemacht hat?

Solche Fragen lassen sich immer relativ schwierig beantworten, weil man dann schnell in eine Neiddebatte gerät. Dennoch muss man sagen: Die Gehälter fallen tatsächlich extrem hoch aus. Und man muss sich fragen, ob das gerechtfertigt ist, angesichts dessen wie die Banken abgeschnitten und performt haben. Schließlich haben sie den Aktionären große Verluste beschert und Probleme für die Finanzstabilität verursacht. Von daher ist es richtig, das Gehaltsniveau anzupassen und die Mechanismen zu nutzen, um entsprechende Gelder zurückzufordern.

Nun fallen die Boni bei den Banken recht unterschiedlich aus. Im Privatkundengeschäft ist bei den Boni sicherlich weitaus weniger zu holen als im Investment Banking. Wie kann beispielsweise die Commerzbank ihr Eigenkapitaldefizit von 5 Mrd. Euro auffüllen? Dividenden haben sie über Jahre nicht gezahlt und bei den Personalkosten wurde bereits kräftig der Rotstift angesetzt. Wo soll das Geld herkommen?

Ich verstehe nicht, wieso die Aufsicht nicht verlangt, dass die Banken mehr Eigenkapital aufnehmen. Wenn man sich die Risikogewichte anschaut, kann man sagen, die Situation hat sich verbessert. Aber die Märkte und auch die anderen Methoden zeigen, dass die Probleme da sind. Daher sollte es offensichtlich sein, dass man die Banken dazu bringt, durch Aktienemissionen Eigenkapital aufzubringen.

Sie fordern also, dass man ein strengeres Regiment fährt ähnlich wie die USA unmittelbar nach der Finanzkrise?

Genau, das ging relativ schnell. Auch damals wurde gesagt, dass in dem Umfeld die Banken kein neues Kapital aufnehmen können. Doch dort hat es funktioniert. Gleich wie man es macht: Tatsache bleibt, dass Banken unterkapitalisiert sind. Die Konsequenzen sieht man auch beim Wirtschaftswachstum in Europa. Die italienischen Banken können gar nicht ihre notleidenden Kredite abschreiben, weil sie gar nicht das Kapital dafür besitzen. Da kommt das eine zum anderen.

Woran liegt es, dass die Banken ihr Eigenkapital nicht aufstocken wollen. Fürchten sie, dass die Eigenkapitalrendite dann voraussichtlich noch schlechter ausfällt, weil sie einfach nicht genügend Zusatzgeschäft generieren können?

Dieses Argument wird tatsächlich immer wieder von der Bankenseite vorgebracht. Das stimmt einerseits zwar, allerdings sinkt auch die geforderte Eigenkapitalrendite der Kapitalgeber, wenn die Risiken sinken. Ich denke, dass die Märkte in der gegenwärtigen Situation sogar positiv auf eine Eigenkapitalstärkung reagieren würden. Eine bessere Kapitalausstattung erlaubt es den Banken, ihre Bilanzen weiter aufzuräumen und ihre Geschäftsmodelle umzustellen. Die Dividendenzahlungen einzustellen, stellt dabei nur ein Mittel dar.

Ich gehe auch davon aus, dass die Boni weiter unter Druck geraten werden.

Das denke ich auch. Aber am Ende des Tages wird beides nicht zwangsläufig reichen. Ich denke schon, dass einige Banken über den Markt eine Kapitalerhöhung durchführen müssen.

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