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Zwei Jahre nach der Lehman-Pleite: Fünf Gründe, wieso Sie Sorkins Buch “Die Unfehlbaren” nicht lesen sollten

Genau vor zwei Jahren, am 15. September 2008, meldete die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an und schickte damit Schockwellen rund um die Welt. Der Rest ist Geschichte – die jetzt von verschiedenen Autoren aufgearbeitet wird.

Das wohl bekannteste Buch ist der Bestseller “Die Unfehlbaren” des jungen Wall Street-Journalisten Andrew Ross Sorkin, das rechtzeitig zum Jubiläum der Bankenpleite vor einem Monat erschien und mittlerweile auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz 22 vorgerückt ist.

Die Deutsche Verlagsanstalt ist voll des Lobes für ihr Erzeugnis: “Andrew Ross Sorkin schildert in einer brillanten Erzählung die Ursachen der sich anbahnenden Katastrophe sowie die Rettungsversuche anderer Bankhäuser und der amerikanischen Regierung.” Doch eben dies leistet das 600 Seiten-Werk nicht. Hier fünf Gründe, wieso sie die “Unfehlbaren” nicht lesen sollten:

1. Mangelnde Ursachenanalyse

Wer eine Ursachen-Analyse des spektakulären Zusammenbruchs erwartet, wird von Sorkins Buch bitter enttäuscht sein. Denn der Teufelskreis von Immobilienblase, verbrieften Hypotheken, komplexen Kreditderivaten und Überbewertungen in den Bankbilanzen wird nicht einmal ansatzweise erläutert. Dies erstaunt um so mehr, als auf fast jeder der 600 Seiten von toxischen Wertpapieren und vergifteten Bilanzen gesprochen wird.

2. Die handelnden Personen stehen im Vordergrund

Statt einer Ursachenanalyse stehen bei Sorkin die beteiligten Akteure im Vordergrund. Mithin hat der Journalist auch für sein Buch rund 200 Interviews geführt. Sorkin versucht herauszufinden, welche Charakterzüge und Persönlichkeiten für die Finanzkrise mitverantwortlich waren.

Dabei ging es den Bankern nicht allein um Geld. “Ihnen ging es um ihre Macht, verletzten Stolz und kleingeistige Eifersüchteleien und Eitelkeiten”, wie Sorkin in einem Interview sagte. Doch mit einer derartigen Zielsetzung wird von den eigentlichen Ursachen auf alltägliche menschliche Schwächen abgelenkt.

3. Die Personen bleiben blass

Obgleich es Sorkin um die Menschen geht, bleiben die Charaktäre eher blass. Nirgends gelingt ihm eine eingehende Analyse einer Persönlichkeit. Da es sich nicht um große Literatur, sondern um Wirtschaftsjournalismus handelt, könnte man eigentlich über dieses Manko hinwegsehen. Dies passt jedoch nicht zu dem Umstand, dass sich Sorkin konsequent auf die beteiligten Personen fokussiert. Überdies werden in dem Buch an die 150 Personen erwähnt. Bei dieser immensen Zahl verliert der Leser rasch die Orientierung.

4. Die scheinbare Nähe

Wer Sorkins Buch liest, erhält den Eindruck, ganz nah am Geschehen zu sein – derart minutiös werden die Details geschildert. So erfährt der Leser, was es bei einem Meeting zu essen gab, wer zu spät kam und wo ein Privatjet auf dem Weg nach irgendwo zwischentanken musste. Außerdem versetzt sich Sorkin oftmals in die Köpfe der Akteure und erzählt, was diese denken – was ansonsten eher aus Romanen bekannt ist.

5. Die “Bunte” des Wirtschaftsjournalismus

Sorkins Erzählstil hat große Vorteile, birgt indes noch größere Risiken. Die vermeintliche Nähe und die vielen Details fördern die Lesbarkeit und den Unterhaltungswert des Buches. Doch über die wahren Hintergründe und tatsächlichen wirtschaftlichen Vorgänge erfährt der Leser auf 600 Seiten so gut wie nichts. Somit gleicht Sorkins Buch eher dem Gesellschaftsjournalismus, wie er aus Zeitschriften wie Bunte oder Gala bekannt ist.

Dort erfährt der Normalbürger, was in den Kreisen der Royals und Stars vorgeht, obgleich er keinen Zugang zur High Society hat. Ebenso schildert Sorkin von Eifersüchteleien und Machtspielen in den Chefetagen und versäumt dabei, auf die wirklichen Hintergründe einzugehen. Mithin handelt es sich bei den “Unfehlbaren” eher um Klatsch, denn um Wirtschaftsjournalismus.

Andrew Ross Sorkin: Die Unfehlbaren. Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum, kämpften, das Finanzsystem zu retten – und sich selbst. 623 Seiten, 24,99 Euro.

Kommentare (1)

Comments
  1. Immerhin rekonsturiert Sorkin, wie die Geschehenisse damals abgelaufen sind und wie wichtig der Faktor Mensch im Banking letztlich doch ist. Computer leisten halt doch nicht alles.

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