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GASTBEITRAG: Wieso ich eine Stelle im Investmentbanking für einen Consulting-Job ausgeschlagen habe

consulting

Ich habe ein mathematisch ausgerichtetes Studium an der Universität Oxford abgeschlossen – wie viele meiner Kommilitonen brachte ich Interesse für Finanzdienstleistungen mit. Eigentlich stand ich vor einer ganz einfachen Entscheidung: Gehe ich ins Investmentbanking oder ins Consulting?

In 2014, meinem letzten Jahr an der Uni, nach harter Arbeit, diversen Praktika, dem Beitritt zur richtigen Studentenverbindung und ausgiebigen Networking war ich in der glücklichen Lage, mich zwischen zwei Angeboten entscheiden zu dürfen: dem Einstieg in der M&A-Abteilung einer großen Investmentbank oder bei einer der großen drei Strategieberatungen.

Das stellte keine leichte Aufgabe dar: Ich hatte einen Großteil meiner Studienzeit damit verbracht, so viel Berufserfahrung wie irgend möglich im Investmentbanking zu sammeln. Ich bin durch die richtigen Reifen gesprungen und musste mich gegen einen harten Wettbewerb behaupten, um ein Angebot in M&A zu erhalten. Dennoch habe ich mich fürs Consulting entschieden. Heute, ein Jahr später, bereue ich nichts:

1. Consultants haben Spaß an der Arbeit, Investmentbanker nicht

Die Aufgabe von Consultants besteht darin, Probleme zu lösen. Sie werden von Unternehmen beauftragt, die eine Restrukturierung durchmachen, was eine intellektuell überaus fordernde Aufgabe darstellt. Viele Consultants finden dies tatsächlich anregend. Dies schien mir schon während des Auswahlprozesses offensichtlich zu sein und bislang hat sich dies als zutreffend erwiesen.

Dagegen geht es bei Bankern nur darum, was sie für ihre Arbeit zurückbekommen. Im Banking dreht sich alles um Rendite, seien es finanzielle Vorteile oder Karrierechancen. Viele meiner Mitpraktikanten wollten einen Job im Banking einfach nur als Karriereturbo nutzen. Das ist sehr kurzfristig gedacht. Ich habe mich entschieden, lieber etwas Sinnvolles zu machen. An den meisten Tagen gehe ich mit dem Gefühl nachhause, etwas erreicht zu haben.

2. Das Arbeitsumfeld ist besser

Längst stellt es kein Geheimnis mehr dar, dass die Arbeitszeiten im Investment Banking sehr lang und die Jobsicherheit sehr gering ausfallen. Dagegen ist die Consulting-Kultur wesentlich nachhaltiger ausgeprägt. Die Arbeit ist ähnlich anstrengend, wenn nicht sogar anstrengender als im Investment Banking. Die Arbeit wird von der Persönlichkeit getragen und nicht nur zufällig von demjenigen erledigt, der zufälligerweise den Job bekommen hat.

Dennoch gibt es ständig interne Diskussionen, wieso wir im Consulting und nicht im Investment Banking arbeiten: Wir werden schlechter bezahlt, haben dafür aber eine bessere Work-Life-Balance. Sicherlich wird auch im Consulting am Wochenende oder bis spät in die Nacht gearbeitet, aber dies wird als Ausnahme betrachtet. Zumindest werden die eigenen Anstrengungen anerkannt, anders als im Banking.

Außerdem ist das Consultinggeschäft weniger volatil. Die Gebühren im Consulting fließen stetiger, während die Führungskräfte im Banking ihre Teams antreiben, um bei keinem der großen Deals leer auszugehen. Ein Wochenende nicht zu arbeiten, führt im Consulting selten dazu, dass einem Gebühren in Millionenhöhe durch die Lappen gehen. Höheres Wachstum, niedrigere Regulierung und mehr Einfluss sorgen für menschlichere Arbeit und eine bessere Stimmung in Consulting-Unternehmen.

3. Die Arbeit ist spannender

Im Investment Banking herrscht eine steile Lernkurve, dafür bietet das Consulting andere Vorzüge: Zunächst dürfen Sie reisen. Alle großen Strategieberatungen sind global aufgestellt. Von Anfang an arbeiten Sie mit den Kunden zusammen und sammeln schon früh in Ihrer Karriere Erfahrungen mit unterschiedlichen Unternehmenskulturen.

Bei meinen Praktika in der Londoner City kamen die meisten Leute entweder von Oxford, Cambridge oder der London School of Economics und haben Finance studiert. Die Banken heuern immer denselben Menschenschlag an. Dagegen arbeite ich im Consulting mit ehemaligen Lehrern, Soldaten, Chirurgen, Sportlern, Piloten und auch Bankern aus der ganzen Welt zusammen.

Überdies kann man in verschiedenen Branchen arbeiten. In einer recht kurzen Zeitspanne war ich bei Finanzdienstleistern, Transportunternehmen, im Einzelhandel und bei der Regierung tätig.

Banking ist beim Einstieg abwechslungsreich, was allerdings vom Team abhängt. So lernen Sie nicht viele unterschiedliche Branchen kennen, wenn Sie beispielsweise im Healthcare-M&A-Team einsteigen. Wenn Sie also von Anfang an wissen, wohin Sie wollen, dann ist Banking ideal. Ich wollte mir jedoch die Optionen offenhalten.

4. Es gibt mehr Austrittsoptionen

Ehrlicherweise muss man sagen: Die Arbeit im Consulting ist in den ersten Jahren ähnlich zermürbend wie im Banking. Die erste Karrierestufe dauert bei den meisten Unternehmen zwei bis drei Jahre. Consultants wiederum können in nahezu jedem Unternehmen in den unterschiedlichsten Funktionen arbeiten. Der Markenname öffnet einem die Türen von Großunternehmen.

Es gibt jedoch einen Kompromiss, den ich beim Consulting eingehen musste: die Bezahlung. Es nagt noch immer an mir, dass ich 30 bis 50 Prozent weniger verdiene, als wenn ich den Job in M&A angenommen hätte, aber es handelte sich nun einmal um einen Kompromiss. Das sollte man aber genau abwägen: Falls Geld immer noch Ihren Hauptantrieb ausmacht, dann stellt Banking klar die bessere Wahl dar.

Der Verfasser arbeitet derzeit bei einer der großen Strategieberatungen in London. James Smith ist lediglich ein Pseudonym.

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