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GASTKOMMENTAR: Wieso auch Banker jammern dürfen

Sie hätten auch eine akademische Karriere einschlagen können.

Sie hätten auch eine akademische Karriere einschlagen können.

Laut einer Reporterin namens Jenny Anderson haben junge Banker kein Recht sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beklagen. Anderson meint: Wir haben uns selbst dieses Leben ausgesucht und wir erhalten für unsere Leiden eine Menge Vergünstigungen. Wir sollten den Mund halten und es durchstehen. Auch wenn Anderson nie in der Branche gearbeitet hat, hat sie in einigen Punkten Recht. Allerdings denke ich nicht, dass sie das verstanden hat. Die Jungbanker machen es nicht des Geldes wegen und keine Summe würde für diesen Lebensstil entschädigen. Der Preis, den wir für diesen Job bezahlen, ist weitaus höher als Außenstehende meinen.

Erstens wird eine intellektuelle Gebühr fällig. Die meisten jungen Banker bringen ausgezeichnete Abschlüsse mit. Wir sind alle Top-Studenten von den besten Unis der Welt. Dennoch verbringen wir viel Zeit damit, einige der langweiligsten Tätigkeiten in der Bank zu erledigen. Jeder andere Kollege zählt mehr als ein Analyst. Als Folge davon erhalten wir die Jobs, die kein anderer machen möchte. Das fordert natürlich seinen Tribut – besonders bei der Motivation. Sie beginnen also und wollen an einigen großen Deals mitarbeiten; vielleicht wollen Sie auch zu Private Equity wechseln oder es bis zum Managing Director bringen. Doch dann müssen Sie erkennen, dass sich in den ersten Jahren im Investmentbanking alles um erbarmungslose Routinearbeit dreht. 90 Prozent bestehen im Kopieren und Einfügen. Was für einen Sinn macht das, wenn ich stattdessen eine Promotion machen und eine akademische Karriere einschlagen könnte?

Zweitens, das soziale Leben. Ich bin kein Engländer, ich bin nach London des Jobs wegen gezogen und ähnlich ergeht es vielen meiner Kollegen. Jeden Wochentag verbringe ich bis nach Mitternacht im Büro. Und sogar am Wochenende bin ich für einige Stunden dort. Es bleibt schlicht keine Zeit, um sich mit jemanden zu treffen. Die einzigen Leute, die ich außerhalb des Bankings kenne, sind Frauen, die ich abgeschleppt habe und mit denen ich mich immer noch abgebe. Sie sind zu meinen Freunden geworden.

Drittens, das Selbstvertrauen. Sie werden jeden Tag wie ein Stück Abfall behandelt. Sie scheren sich einfach nicht um Sie und Ihre Zeit. Eine einzeilige E-Mail meines Chefs und schon ist mein Wochenende ruiniert. Das ist nicht gerade gut für mein Selbstwertgefühl.

OK, es gibt auch einige Vorteile. Eine kurze Internetrecherche sagt mir, dass jemand mit einem ersten Studienabschluss im Ingenieurswesen in Großbritannien gerade einmal 30.000 Pfund verdient – mein Jahresgehalt liegt um die Hälfte darüber. Mit ein wenig Glück kommen wir auch in Kundenkontakt. Unsere Bezahlung besteht gewissermaßen in Ausstiegschancen, so können wir beispielsweise zu Private Equity wechseln.

Man sollte sich vergegenwärtigen, dass wir besser bezahlt werden als andere Berufseinsteiger, einfach weil wir viel länger arbeiten. Ich arbeite eine 80-Stunden-Woche, was doppelt so viel wie in anderen Branchen ist. Viele meiner Bekannten kommen überhaupt nicht mit Kunden in Berührung. Und nur wenigen Investmentbankern gelingt der Wechsel zu Private Equity.

Anderson behauptet auch, dass wir Glück haben und Abendessen und Taxifahrten nachhause spendiert bekommen. Das wundert mich schon. Haben Sie sich schon einmal über Monate hinweg von Fastfood ernährt? Beim Taxi nehmen kann die Fahrt zurück zum Arbeitsplatz sogar länger dauern. Oft geht es mit der U-Bahn schneller.

Dennoch ist nicht alles schlecht. Ich denke wirklich, dass die Banken tatsächlich versuchen sich zu ändern. Es sind nicht mehr die 90er Jahre. Die Menschen bleiben nicht mehr ihr ganzes Arbeitsleben dem Banking treu. Unsere Vorgesetzten wissen, dass wir jederzeit abspringen können und dass Sie uns bei der Stange halten müssen. Die Branchenkultur ändert sich langsam, aber nicht schnell genug für mich.

Unter dem Pseudonym Bertrand Legrand verbirgt sich ein Analyst, der für eine europäische Investmentbank in London arbeitet.

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