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GASTKOMMENTAR: Die Arbeitsbedingungen junger Investmentbanker sind schlecht wie eh und je

Klischee und Wahrheit: Das Leben eines Investment Banking-Analysten.

Klischee und Wahrheit: Das Leben eines Investment Banking-Analysten.

Eine Karriere im Investmentbanking stellt wahrlich keinen Zuckerschlecken dar. Als jemand, der in den vergangenen paar Jahren als Analyst bei einer US-Investmentbank gearbeitet hat, kann ich dies bezeugen – alles basiert auf brutaler eigener Erfahrung. Diese Dinge müssen sich ändern.

Im Sommer 2013 wurde ein Schlaglicht auf die langen Arbeitszeiten im Banking geworfen. Damals starb Thomas Erhardt, ein Praktikant der Bank of America Merrill Lynch, an einem epileptischen Anfall, nachdem er 72 Stunden durchgearbeitet hatte.

Erhardts Tod gewährte der Öffentlichkeit einen flüchtigen Blick in die brutalen Arbeitsbedingungen, mit denen tausende von Studenten konfrontiert sind, die sich für eine Karriere in der glamourösen Welt des Investment Bankings entschieden haben. Sicher gab es Anteilnahme, dennoch kann ich mir nicht helfen zu denken, dass sie bei einem weniger geschmähten Berufsfeld größer ausgefallen wäre. Was wäre etwa geschehen, wenn ein junger Assistenzarzt nach drei Nächten ohne Schlaf gestorben wäre?

Nur wenige erkennen an, dass die Fälle von jungen Bankern, die sich buchstäblich totarbeiten weder ungewöhnlich noch die Folge der persönlichen Gesundheitsverfassung sind. Vielmehr handelt es sich um die unvermeidliche Konsequenz der verbreiteten Kultur, die junge Banker ermuntert sich selbst immer und immer wieder bis an die Grenzen zu treiben. Alles ist der Versuch sich selbst etwas beweisen zu wollen, Beifall von seinen Vorgesetzten zu erheischen und um den Spitzenplatz bei der anstehenden Leistungsbeurteilung zu konkurrieren.

Nach meiner Erfahrung kommt es durchaus vor, dass Analysten einschlafen oder in der Toilette weinen. Nervenzusammenbrüche und Vorfälle von Burnout kommen daher regelmäßig vor.

Seit Erhardts Tod haben Investmentbanken zahllose Programme aufgelegt, die eine bessere Work-Life-Balance der jüngsten Banker gewährleisten sollen. So hat Goldman Sachs ihren Analysten verboten, am Samstag zu arbeiten, J.P. Morgan hat ein „geschütztes“ Wochenende im Monat vorgeschrieben, Citigroup und andere mehr haben ähnliches eingeführt.

Die PR-Maschine der Unternehmen hat dies als einen großen Erfolg gefeiert. Doch wenn man mit den aktuellen Analysten spricht, dann zeichnen ihre Erfahrungen ein anderes Bild. Bei Goldman Sachs führt das Arbeitsverbot an Samstagen nur dazu, dass an den Wochen- und Sonntagen eben mehr gearbeitet wird. Bei JP Morgans Programm hat es zu einem Rotationssystem geführt, wonach Analysten kurzfristig einspringen müssen, wenn ein Kollege ein „geschütztes Wochenende“ hat.

Bei einer Reihe von Banken wurden Gremien aus jungen Bankern eingesetzt, die die Work-Life-Balance kontrollieren sollen. Dabei scheint es sich um wenig anderes als Instanzen zu handeln, denen niemand zuhört, wenn sie etwas sagen. Es fällt schwer zu erkennen, wie der öffentliche Fokus auf die Work-Life-Balance mit der stillschweigend angestrebten Arbeitswoche von 75 bis 80 Stunden bei US-Investmentbank vereinbar ist.

Dieser Kontrast zwischen externer und interner Realitätswahrnehmung wurde wieder einmal während des Sommers offensichtlich, als das Investment Banking von JP Morgan ihren jungen Mitarbeitern ein internes Memo zu den Urlaubsregeln schickte. Die Notiz erinnerte die Angestellten schonungslos daran, dass keine Urlaubsvertretung für aktuelle Deals zur Verfügung steht. Es werde erwartet, dass die Angestellten immer einen Laptop zur Hand haben, falls er benötigt werden sollte, und dass die beruflichen E-Mails täglich geprüft und beantwortet werden müssen. Die Mitteilung endete mit der Empfehlung, keine Out-of-office-E-Mail aufzusetzen.

Es fällt nicht schwer daraus den Schluss zu ziehen, dass von ihnen erwartet wird, keine Auszeit von der Arbeit in einer Investmentbank zu nehmen. Sie arbeiten einfach nur vom Strand aus in einem besser temperierten Klima.

Die einzige Chance, ein besseres Arbeitsumfeld für die Leute Mitte 20 zu schaffen, die Ihre Karriere in den Finanzdienstleistungen beginnen, besteht darin, Führungskräfte und mittlere Manager zu einem Kulturwandel zu bewegen. Dass sich dort allerdings ein Denkwandel vollzieht, kann ich nicht erkennen.

In viel zu vielen Unternehmen werden lange Arbeitszeiten, das Opfern von Gesundheit und Familie als Initiationsriten betrachtet. Jüngere Angestellte werden als entbehrliche Ressourcen gesehen und nicht als die kommenden Führungskräfte des Unternehmens. Bei dieser Machokultur handelt es sich um die gleichen kurzsichtigen und kindischen Verhaltensweisen, die die Finanzkrise mitverursacht haben. Zu sehen, wie dies immer noch in unseren „neuen reformierten“ Finanzdienstleistern der Fall ist, halte ich für besorgniserregend.

Unter dem Pseudonym Jim Keen verbirgt sich ein Analyst im dritten Jahr einer führenden Investmentbank.

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