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Sieben Dinge, die John Cryan bei der Deutschen Bank anpacken muss

John Cryan

John Cryan

Die Bombe platzte am Sonntagnachmittag. Der aktuelle Co-Chef der Deutsche Bank Anshu Jain tritt Ende Juni zurück und macht den Weg für das Noch-Aufsichtsratsmitglied John Cryan frei. Nach der Hauptversammlung im Mai 2016 wird auch der zweite Co-Chef Jürgen Fitschen abtreten, so dass Cryan zum alleinigen Deutsche Bank-Chef avanciert.

Auch wenn der Führungswechsel etwas überstürzt eingetreten ist, zeigt sich Prof. Martin Hellmich von der Frankfurt School of Banking & Finance wenig überrascht. Der amtierende Vorstand sei bei der Hauptversammlung nur von 61 Prozent der Aktionäre entlastet worden und außerdem habe kürzlich die Arbeitnehmerseite öffentlich den Rücktritt von Jain gefordert. „Wenn Ihnen in einer solchen Situation, in der sich die Deutsche Bank befindet, die Aktionäre und die Mitarbeiter die Unterstützung verwehren, dann muss man sich eigentlich selbst den Gefallen tun und zurücktreten“, erläutert Hellmich.

Dabei ähneln sich die Lebensläufe Jains und Cryans. Wie Jain kommt auch der 54jährige Brite aus dem angelsächsischen Investment Banking. Während Jain im umstrittenen Fixed Income-Geschäft großgeworden ist, stammt Cryan aus dem M&A-Geschäft mit Financial Institutions. Als solcher kennt er sich zumindest mit Banken aus. Darüber hinaus sitzt Cryan schon seit 2013 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und ist dort Mitglied im Risiko- und dem Prüfungsausschuss. Von 2008 und 2011 war er Finanzchef der UBS und anschließend Europachef des Singapurer Staatsfonds Temasek. Der Stadtstaat ist Großaktionär des Schweizer Bankenriesen.

Doch welches sind die dringendsten Aufgaben die Cryan ab Juli angreifen muss?

1. Die Eigenkapitalrendite muss rauf

In der kürzlich angekündigten Strategie 2020+ strebt die Deutsche Bank einen Return von tangebile Equity von 10 Prozent an. „Das ist langfristig nicht akzeptabel“, sagt Bankenanalyst Dirk Becker von Kepler Cheuvreux in Frankfurt. „Die Bank muss die Strategie entweder beschleunigen oder das Ziel erhöhen. Am besten aber beides.“ Derzeit liege der Return of tangebile Equity bei 1 bis 2 Prozent, was ausgesprochen schlecht sei. Becker empfiehlt, Cryan die Strategie 2020+ noch einmal zu überdenken.

2. Sich aus dem US-Fixed Income-Geschäft zurückziehen

Um eine höher Eigenkapitalrendite zu erzielen, könne sich die Bank aus Bereichen zurückziehen, die die Bilanz stark beanspruchen. Becker empfiehlt u.a. einen Teilrückzug aus dem kapitalintensiven Fixed Income-Geschäft in den USA. „Offiziell soll das neue Management die beschlossene Strategie lediglich umsetzen“, sagt Becker. Falls es dabei bleiben sollte, sei der heutige Kursanstieg der Aktie „verfrüht“. Nach der Meldung über den Wechsel in der Vorstandsetage war der Aktienkurs im Vormittagshandel zwischenzeitlich um über 8 Prozent nach oben geschnellt.

Auch Bankenanalyst Huw Van Steenis von Morgan Stanley rechnet damit, dass die Bank ihr Eigenkapital anders einsetzen wird, was besonders das Geschäft mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen (FICC) betreffe. Die Deutsche Bank benötige eine doppelt so lange Bilanz, um den gleichen Profit wie Goldman Sachs zu generieren.

3. Konzentration auf Kosteneinsparungen

Dagegen rechnen die Bankenanalysten um Kian Abouhossein von J.P. Morgan Cazenove mit keiner erneuten Überprüfung der Strategie 2020+. „Wir erwarten, dass sich John Cryan besonders auf Kosteneinsparungen konzentrieren wird, da die vorhergehenden Deutsche Bank-Chefs die Ziele verfehlt haben. Die Investoren müssen einen Beweis für das Kostenmanagement sehen“, schreiben die Analysten. „John Cryan verfügt über einen bewährten Track Record, indem er bei der UBS als Finanzchef das Ruder herumgerissen hat und er ist unser Einschätzung nach in den Märkten hoch angesehen.“ Cryan sei die richtige Person, um die Strategie 2020+ umzusetzen.

Auch die Analysten von Morgan Stanley erwarten von John Cryan ein strenges Regiment bei den Kosten. „Wir erinnern uns, dass der neue CEO John Cryan bei der UBS die Kosten strickt gehandhabt hat.“

4. Die Stimmung in Frankfurt verbessern

Die Stimmung namentlich unter den jüngeren Investmentbankern in Frankfurt ist schlecht. Laut Personalberaterin Sabrina Tamm von Financial Talents in Frankfurt fühlen sich die Mitarbeiter in der Mainmetropole gegenüber London vernachlässigt. Erst kürzlich kam heraus, dass die Deutsche Bank in den Bereichen M&A und Equity Capital Markets die Gehälter in London um bis zu 30 Prozent angehoben hat, während sich die Frankfurter mit einem kleinen Zuschlag begnügen mussten. „In der jüngsten Vergangenheit lag der Fokus des Managements sehr auf London. Es wäre zu wünschen, dass dies mehr zugunsten von Frankfurt ausbalanciert wird. Das würde die Stimmung hier – vor allem bei den Juniors – verbessern“, sagt Tamm.

5. Bessere Bezahlung und Wertschätzung im Firmenkundengeschäft

„Es fehlt die Wertschätzung im Corporate und Transaction Banking“, erzählt ein Frankfurter Headhunter, der namentlich nicht zitiert werden möchte. Immerhin leisteten die Bereiche konstant hohe Beiträge zum Gewinn. „Bei der Bezahlung gehört die Bank in Deutschland zu den unteren 50 Prozent.“ Auch bei den Beförderungen zeige sich der Konzern zurückhaltend, was zur schlechten Stimmung beitrage. „Die Loyalität der Mitarbeiter ist im Corporate und Transaction Banking aufgebraucht. Es ist daher kein Problem Mitarbeiter von der Deutschen Bank wegzuholen“, erzählt der aufs Firmenkundengeschäft spezialisierte Headhunter. „Das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen.“

Viele Mitarbeiter der Deutschen Bank würden zu Auslandsbanken in Deutschland wechseln. Besonders überrascht den Headhunter das Selbstverständnis der Deutschen Bank. „Dort arbeiten die Mitarbeiter im Kundenkontakt nach einer Kündigung noch bis zum letzten Tag.“ Das ist ungewöhnlich, weil normalerweise Mitarbeiter in Sales-relevanten Positionen sofort freigestellt würden, um den Abfluss wichtiger Daten und Kontakte zu vermeiden. Er empfiehlt Cryan, den Mitarbeitern im Corporate und Transaction Banking eine höhere Wertschätzung entgegenzubringen. „Das ist gar nicht so einfach, weil es im gegenwärtigen Umfeld schwer fällt, die Gehälter anzuheben. Von daher befindet sich die Bank in einer Pattsituation.“

6. Cryan muss sich weiter mit den Sünden der Vergangenheit abplagen

Anshu Jain und Jürgen Fitschen mussten in ihrer Amtszeit Milliarden für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten locker machen. Die Analysten von Morgan Stanley sehen hier noch kein Ende in Sicht. Bis 2017 rechnen Huw Van Steenis und sein Team mit weiteren Rechtskosten von 3 Mrd. Euro, wobei allerdings die Unsicherheit groß bleibe.

7. Deutsche Bank muss Flow Monster bleiben

„Die Strategie der Deutschen Bank ist nicht die schlechteste“, resümiert Prof. Hellmich von der Frankfurt School. „Die Deutsche Bank zählt zu den fünf größten Investmentbanken der Welt und hat sich vor allem im Sales & Trading und den dazugehörigen OTC-Derivaten in Fixed Income eine starke Position erarbeitet.“ Hellmich hält es daher für durchaus sinnvoll, an dieser Position auch in den USA festzuhalten. Durch die starke Regulierung, die wachsenden Eigenkapitalkosten und die hohen Anforderungen an die technischen Anforderungen werde die Zahl der Mittbewerber in diesem Geschäft kontinuierlich sinken. Dann würde die Deutsche Bank überdies von Skaleneffekten profitieren, was man allgemein als „Flow Monster“ bezeichnet. „Bis dahin befindet sich die Deutsche Bank in einer schwierigen Phase“, sagt Hellmich. „Die Bank hat aber auch nicht viele Alternativen. Das Retail- und Mittelstandsgeschäft ist bereits ‚overbanked‘.“


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