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Goodbye England: Wer profitiert vom Brexit?

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Nicht jeder Abschied muss schwer fallen – vor allem wenn er so versüßt wird wie der mögliche Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Denn ein Goodbye der Briten könne sich als Stellensegen für den Finanzplatz Frankfurt erweisen.

Seit dem unerwarteten Wahlsieg der Tories steht die Volksabstimmung über einen Verbleib des Vereinigten Königreiches auf dem Programm. Spätestens 2017 muss das britische Wahlvolk darüber entscheiden, ob es tatsächlich aus der EU aussteigen will oder nicht. Noch rechnen Umfragen mit einem Sieg der europafreundlichen Kräfte. Doch auch einen abermaligen Sieg des konservativen Premierministers David Cameron hatte niemand ernsthaft erwartet – und er trat dennoch ein.

An erster Stelle steht die Frage, wie sich die Hackordnung unter den europäischen Finanzzentren mit einem Austritt verändern würde. Bislang kräht der britische Hahn unter den europäischen Finanzzentren am lautesten. Dies kann sich ändern, muss es aber nicht. Laut Bankenanalyst Dirk Becker von Kepler Chevreux in Frankfurt sind auch nach einem Votum für den Ausschied viele Fragen offen. „Es hängt sehr davon ab, welche Form der Brexit hat. Es würde wahrscheinlich ein Assoziierungsabkommen wie mit der Schweiz geben“, meint Becker. Allerdings dürften sich die Verhandlungen über Jahre hinziehen.

Ganz ähnlich sieht dies die Chefvolkswirtin der Helaba Gertrud Traud in einer Stellungnahme: „Entscheidend wäre aber letztendlich, welchen Status Großbritannien im Falle eines Austritts erhielte“, schreibt Traud. „So wäre eine EWR-Mitgliedschaft wie mit Norwegen oder eine bilaterale Lösung wie mit der Schweiz denkbar. In diesem Fall müsste sich Großbritannien aber in erheblichen Maße den EU-Regeln beugen, ohne diese mitbestimmen zu können.“ Da die Britten allerdings mehr und nicht weniger Freiheit wollen, scheint dies kein guter Deal zu sein.

Namentlich auch das Beispiel mit der Schweiz ist fragwürdig. Denn die bilateralen Verträge zwischen den Eidgenossen und Europa sehen zwar den freien Güter- und Personenverkehrt vor, nicht aber die Dienstleistungsfreiheit. Die Schweiz muss also den freien Zugang für ihre Finanzdienstleister mit jedem Mitgliedsstaat einzeln verhandeln. Mit Deutschland besteht ein solches Abkommen, mit den beiden anderen großen Nachbarländern Frankreich und Italien jedoch nicht, was zu anhaltender Klage Anlass gibt.

Um vor Überraschungen gefeit zu sein, stellen bereits erste Banken Planspiele für einen Brexit an. So wurde erst kürzlich bekannt, dass die Deutsche Bank eine hochrangige Arbeitsgruppe zu der Frage eingesetzt hat, ob und welche Teams im Falle eines Brexits von der Themse an den Main verlagert werden. Immerhin beschäftigt der Deutsche Branchenprimus fast 9000 Menschen in Großbritannien. Auch Goldman Sachs hatte bereits vor längerer Zeit laut über eine mögliche Verlagerung von Geschäftsbereichen in die irische Hauptstadt Dublin nachgedacht. Selbst die britische Großbank HSBC hat vor Verlagerungen gewarnt.

Prof. Falko Fecht von der Frankfurt School of Finance & Management hält es im Falle eines Brexits sogar für denkbar, dass Finanzdienstleister ihren Hauptsitz von der Insel in die Eurozone verlagern. Aufgrund seines ausgebauten Finanzmarktes und dem unangefochtenen AAA-Ratings der Bundesrepublik könne Frankfurt hier gegenüber z.B. Dublin die Nase vorn haben. Auch die Europäische Zentralbank stelle einen Standortvorteil dar.

„Vor allem Front Office-Bereiche würden nach Frankfurt wechseln“, meint Fecht. Auch vor der Finanzkrise – als Irland aggressiv um Finanzdienstleister warb – seien hauptsächlich Back und Middle Office-Tätigkeiten von London nach Irland verlagert worden. In Deutschland sei überdies die nötige Infrastruktur vorhanden. Vor allem die deutschen Institute verfügten hierzulande bereits über Handelssäle, was die Kosten einer Verlagerung überschaubar halte. „Das wäre kein Neuaufbau“, resümiert Fecht.

Auch Bankenanalyst Becker rechnet für den Fall eines Brexits mit der Verlagerung von Tätigkeiten in die Eurozone. „Alles, was in der EU angesiedelt sein muss, das wird in die EU verlagert werden und für viele Banken dürfte das Frankfurt sein“, sagt Becker. Um welche Bereiche es sich genau handelt, hänge weitgehend von den Verhandlungen nach einem Ausstiegsvotum ab. „Wie viele Stellen das betreffen könnte, steht in den Sternen.“


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