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Drohung Brexit: Sollten deutsche Banker in London jetzt einen britischen Pass beantragen?

Ein Bild aus vergangenen Zeiten.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten.

Unter den zahlreichen Bankern aus den EU-Ländern in der Londoner City gibt es ein neues Gesprächsthema: die Staatsangehörigkeit. Denn falls die Briten bei dem womöglich schon im kommenden Jahr anstehenden Referendum zur EU-Zugehörigkeit mit „nein“ stimmen sollten, dann riskieren Beschäftigte aus den verbleibenden EU-Ländern ihre Arbeitserlaubnis in Großbritannien zu verlieren.

„Alle meine Freunde sprechen darüber, die britische Staatsangehörigkeit zu erwerben“, erzählt ein 30jähriger Finanzprofi aus Frankreich, der anonym bleiben möchte. „Wir sind hier fünf Jahre oder länger und die Logik lautet: Wenn Großbritannien die EU verlässt und von ihnen ein Visum verlangt wird, dann kann das eine Menge Ärger bedeuten. Es geht nicht darum, dass wir uns sonderlich britisch fühlen, es geht nur darum, dass wir hier auch weiterhin arbeiten wollen.“

Ein anderer französische Banker, der als Aktienanalyst arbeitet, macht sich keine Sorgen. Denn seine Ehefrau ist Engländerin. Allerdings berichtet er von einem französischen Freund, der tatsächlich dabei ist, die britische Staatsangehörigkeit zu beantragen, um auch weiterhin auf der Insel leben zu dürfen.

Doch vom Damoklesschwert des Brexit dürften Franzosen und Deutsche noch eher gering betroffen sein. Anders sieht es bei den Griechen aus, meint der französische Banker. Falls die Griechen infolge eines plötzlichen Grexits auch die EU verlassen sollten, dann sei ihre Position in Großbritannien unklar.

Dagegen berichtet ein schwedischer Finanzprofi, der als Führungskraft bei einer Boutique arbeitet, dass sich die Leute weniger um ihre Arbeitserlaubnis sorgen als um die Debatte zur Beschränkung der Immigration. „Es gibt eine Menge Populismus, der mit der Realität nicht wirklich viel zu tun hat“, ärgert er sich.

Nach dem britischen Staatszugehörigkeitsrecht indes können Ausländer, die fünf Jahre oder länger auf der Insel leben,  einen britischen Pass beantragen. Laut Rose Carey, die als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Charles Russel Speechlys auf derartige Fragen spezialisiert ist, würden viele Leute das ganz automatisch unternehmen. Bislang hat Carey noch keinen Anstieg bei den Anträgen registriert – bislang wohlgemerkt.

Es mag auch gute Gründe geben, wieso die EU-Ausländer in London zwar über die Beantragung der britischen Staatsangehörigkeit diskutieren, sie aber tatsächlich nicht beantragen. Laut Chirantan Barua, der als Aktienanalyst bei Bernstein Research arbeitet und im vergangenen Jahr einen britischen Pass erhalten hat, würde es auch nach einem positiven Entscheid bei dem Referendum drei bis fünf Jahre dauern, bis Britannien tatsächlich die EU verlassen würde. „Es müssten eine Menge von Verträgen neu ausgehandelt werden. Das wird kein schneller Prozess werden“, meint Barua.

Zwischenzeitlich gehen Gerüchte um, dass auch die Banken selbst ihre Position in London überdenken. „Ein Freund von JP Morgan hat mir erzählt, dass sie vor einigen Jahren darüber nachgedacht haben, in die Schweiz umzuziehen“, erzählt ein französischer Banker. „Es ist zwar teuer dort, aber Sie leben jenseits der Grenze und pendeln hinein.“

Barua wiederum berichtet von einem Gespräch mit einem Immobilienspezialisten aus Dublin. Demnach würden immer mehr Banken nach Möglichkeiten suchen, um Front Office-Personal von London in die irische Hauptstadt zu transferieren. „Das macht durchaus Sinn“, erzählt Barua. „London und Dublin befinden sich in derselben Zeitzone und Dublin ist deutlich kostengünstiger. Es gibt bereits eine Menge von Middle und Back Office-Personal in Dublin und es ist durchaus möglich, auch Front Office-Jobs dorthin zu verlegen. Für die Investmentbanken stellt ein EU-Austritt eine Chance dar. Denn unter normalen Umständen ist es schwierig, den Front Office-Bankern mitzuteilen, dass sie nach Dublin umziehen müssen. Das fällt leichter, wenn es politische Gründe für den Schritt gibt.“

Doch gleich, ob die Banken die City verlassen oder nicht: Laut dem französischen Bankenanalysten stellt ein EU-Austritt nach dem Referendum ein realistisches Szenario dar. „Aus der Perspektive des Durchschnittsbürgers stellt die Europäische Union einen Fehlschlag dar“, sagt der Banker. „Wenn sich Deutsche und Franzosen in Bezug auf die Rolle Britanniens in der EU nicht flexibel zeigen, dann ist es möglich, dass die Leute für einen Austritt stimmen. Das ist eine reale Möglichkeit.“

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