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AUSZUG aus Jérôme Kerviels-Erinnerungen: “Ein Trader muss seinen Preis kennen”

Im Januar 2008 hat Jérôme Kerviel die Schlagzeilen rund um den Globus dominiert. Demnach ist der heute 33jährige Trader der Société Générale riskante Börsentermingeschäfte u.a. auf den DAX und den Eurostoxx eingangen, die seinem Arbeitgeber letztlich Verluste von 5 Mrd. Euro einbrachten.

Kurz vor dem Beginn seines Prozesses am 8. Juni hat Kerviel ein Buch herausgebracht: “Das Räderwerk. Erinnerungen eines Traders” (L’Engrenage. Mémoires d’un trader), das bei Flammarion in Paris erschienen ist. Hier ein Auszug:

Im Verhältnis zwischen Trader und Hierarchie stellt das Bewertungsgespräch, das in jedem Dezember stattfindet, einen entscheidenden Moment dar. Jeder Mitarbeiter im Handelssaal hat ein Anrecht darauf, gleich ob sich die Stelle im Middle- oder im Backoffice befindet. Allerdings läuft die Unterredung nicht für alle Mitarbeiter auf gleiche Weise ab.

Mit einem Nicht-Trader geht es nur um qualitative Aspekte: eine Untersuchung über das, was vorangekommen ist und was nicht, das Anhören der Mitarbeitererwartungen – ist er flexible, wird er sich fortentwickeln usw. – sowie die Festlegungen der Ziele für das kommende Jahr. Der Verantwortliche wird eine Gehaltserhöhung kaum ansprechen, die im folgenden Februar oder März angekündigt wird und mit einem Bonus versehen ist. Bei mir, als ich ein “Assitant” war, handelte es sich um eine Summe von bis zu 15.000 Euro brutto.

Doch bei einem Trader dreht sich das Gespräch mit den direkten Vorgesetzten, der Nummer 1 und der Nummer 2, nicht nur um qualitative Aspekte, sondern auch und vor allem um quantitative. Vorab unterbreitet der Trader seinen Vorgesetzten ein schriftliches Dokument, das als Diskussionsgrundlage dient: die erreichten Ergebnisse, aufgetretene Schwierigkeiten sowie die Ziele für das kommende Jahr. Alle Fragen müssen offen angegangen werden.

(…) Am Ende des Gesprächs muss ein entscheidender Punkt angesprochen werden: “Wie viel willst Du als Bonus haben?” Diese Frage hat mich überrascht, da ich keinerlei Vorstellungen von der Summe hatte, die ich fordern konnte. Und das aus einem einfachen Grund: den Tradern ist verboten, über Ihre Boni zu sprechen. Niemand hat mich als Einsteiger über diese Praktiken aufgeklärt.

In informellen Gesprächen kursierten Summen, doch oftmals sind sie frei erfunden und beziehen sich nicht auf einen konkreten Fall. Ich habe einige Zeit benötigt, um ein Verfahren für eine annäherungsweise Berechnung ausfindig zu machen, in der die erreichten Ziele, das Hierarchieniveau und das Dienstalter berücksichtigt werden, das mir erlaubte, einen Vorschlag zu unterbreiten.

Auf die gestellte Frage habe ich also die einzige Antwort gegeben, die mir aufrichtig erschien: “Ich habe keine Ahnung”. Die Antwort meiner Vorgesetzten darauf stellte eine weitere Überraschung dar: “Ein Trader muss sein Preis kennen.”

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