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Was Engländer unter einem perfekten Anschreiben verstehen

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Im deutschsprachigen Raum hält sich hartnäckig das Gerücht, dass in angelsächsischen Ländern Anschreiben unüblich seien. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Während Headhunter jenseits des Kanals für jedes nicht erhaltene Anschreiben dankbar sind, legen Arbeitgeber einen großen Wert darauf. „Für mich stellt das Anschreiben einen wichtigen Bestandteil einer Bewerbung dar“, sagt Malcom Horton, Head of recruitment von Nomura International. „Abgesehen von der Liste Ihrer Leistungen aus dem Lebenslauf handelt es sich um die einzige Gelegenheit, um sich selbst zu präsentieren.“

Doch was macht eine gute englischsprachige Bewerbung aus? Wir haben britische Karrierecoachs und Personalexperten gefragt. Die Antworten unterscheiden sich nicht sonderlich von deutschen Vorstellungen. So empfiehlt Karrierecoach Victoria McLean von City CV, dass das Anschreiben – Cover Letter auf Englisch – auf den fraglichen Arbeitgeber maßgeschneidert werden sollte. Laut Karriereberater Peter Harrison von Harrison Careers müssen sich Kandidaten für jeden Job mit einem individuellen Anschreiben bewerben. Doch trotz dieser individuellen Anpassung besteht ein Anschreiben doch immer aus den gleichen Abschnitten: Einleitung, „Wieso ich?“, „Wieso Sie?“ und „Und warum gerade ich für den Job?“ Insgesamt darf ein Anschreiben nicht mehr als 750 Wörter oder eine Din A4-Seite umfassen.

Einleitung

Im ersten Paragrafen dreht sich alles darum, zu erklären, wer Sie sind und um welchen Job es sich handelt. Laut Harrison dürfe der Abschnitt nicht mehr als 35 Wörter umfassen. Ganz ähnlich sieht dies McLean: „Im ersten Paragraf geht es nur darum zu sagen, wer man ist und warum man den Brief schreibt.“ Es handelt sich also um etwas wie: „Ich bin Gretchen Müller und habe fünf Jahre in Equity Sales bei der UBS gearbeitet und ich bewerbe mich auf die Position XYZ.“

Wieso gerade ich?

Beim zweiten Paragrafen wird es schon schwieriger. Denn darin müssen Sie die Selbstvermarktung starten und dem Arbeitgeber erklären, wieso ausgerechnet Sie die optimale Besetzung für die fragliche Stelle sind. Dabei sollten Sie keine leeren Phrasen dreschen wie: „Ich bin eine zielstrebige und engagierte Persönlichkeit.“ Vielmehr sollten Sie Ihre für den Job relevanten Leistungen mit konkreten Zahlen belegen können. Im Vordergrund stehen dabei immer die Ergebnisse. Falls Sie sich also für eine Stelle im Change Management bewerben, sollten Sie nicht schreiben: „Ich bin ein hochkompetenter Change Management-Profi, der an einer Reihe von Projekten bei der Großbank XYZ mitgearbeitet hat.“ Stattdessen kann es etwa lauten: „Ich habe ein Team von 18 IT-Profis und Business Analysten gemanagt, welches erfolgreich ein neues Zahlungsabwicklungssystem sechs Wochen vor dem Zeitplan eingeführt hat – und das zu 8 Prozent weniger Kosten als veranschlagt.“

Studenten rät Harrison diesen Paragraph zu nutzen, um ihren akademischen Werdegang zu beschreiben. Dabei sollte keine Auszeichnung und keine Förderung – wie z.B. ein Stipendium – vergessen werden.

Wieso gerade dieses Unternehmen?

Im dritten Abschnitt müssen Kandidaten erläutern, wieso sie sich gerade bei dieser speziellen Bank und nicht anderswo bewerben. Auch hier zählt jedes Detail. McLean beobachtet, dass Bewerber dabei oftmals die Phrasen von den Websites der betreffenden Unternehmen kopieren. Angeblich musste sie schon lesen: „Ich möchte für Goldman Sachs arbeiten, weil Sie 170 Niederlassungen in 90 Städten und 30 Ländern haben.“ Mit so etwas verstopfen Sie lediglich den Papierkorb.

Stattdessen müssen Sie Formulierungen finden, mit denen Sie sich von der Masse der Bewerber absetzen. Falls Sie ein Student sind, können Sie beispielsweise erzählen, wie Sie einige Mitarbeiter des Unternehmens getroffen haben und von ihnen beeindruckt waren. „Erwähnen Sie die Namen von zwei Mitarbeitern, von denen Sie gelesen haben oder die Sie idealerweise sogar getroffen haben“, ergänzt Harrison. Erläutern sie, was diese gesagt oder getan haben und wie dies Sie dazu brachte, sich bei der Bank zu bewerben. Auch Kultur, Werte und Visionen des Unternehmens sollten berücksichtigt werden. Dennoch dürfen Sie niemals die entsprechenden Werbesprüche einfach nur kopieren. Ebenfalls sollten Sie auf die Unternehmensstrategie anspielen. Auch die Kommentare von Branchenexperten und Analysten können gute Munition liefern, um Ihre Motivation zu begründen. Desto weiter ein Bewerber in seiner Karriere gelangt ist, umso größeres Gewicht spielen Ihre Gedanken zur Unternehmensstrategie.

Wieso sind Sie der Richtig für den Job?

In diesem Paragrafen entscheidet sich, ob Sie in die engere Wahl gelangen oder nicht. Denn hier müssen Sie begründen, warum Sie der goldrichtige Kandidat für die offene Stelle sind. Es geht also nicht darum, wieso Sie den Job haben möchten, sondern es gilt, sich in die Rolle des Arbeitgebers zu versetzen und ihm den Mund wässrig zu machen. Laut McLean sollten sich Bewerber darauf konzentrieren, was sie für das Unternehmen leisten können. Wie passt Ihre akademische und berufliche Ausbildung zu dem Job? Auch hier zählen die Details. Quantifizieren Sie Ihre Leistungen aus der Vergangenheit und schreiben Sie, was Sie in Zukunft zum Unternehmenserfolg beitragen können.

McLean rät Studenten ohne vorherige Berufserfahrung ganz genau zu erläutern, wieso sie beispielsweise ein Praktikum in M&A und nicht in einem anderen Geschäftsbereich anstreben. Dabei mag es hilfreich sein, wenn Sie schon irgendwelche Erfahrungen im Umgang mit Kunden gesammelt haben oder wieso Sie gerne mit Kunden zusammenarbeiten. Wenn Sie erläutern, wieso Sie einen Berufseinstieg im Banking anstreben, dann sollten Sie keinesfalls versäumen, auf die Rolle der Banken für die Gesellschaft und das Funktionieren der Realwirtschaft hinzuweisen.

„Sie müssen gute Fachkenntnisse und eine tiefen Einblick in den Geschäftsbereich dokumentieren“, betont Harrison. „Glauben Sie nicht, dass Sie ohne dies zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Es genügt auch nicht z.B. die Unternehmensbewertung zu verstehen. Sie müssen Beispiele als Beleg anführen.“

Der Schluss

Am Schluss muss eine Handlungsaufforderung stehen. McLean rät zur folgenden Formulierung: „Die Aussicht für XYZ zu arbeiten, ist höchst attraktiv. Ich bin davon überzeugt, dass meine Berufserfahrung und Leistungen von Nutzen sein werden. Ich freue mich auf ein persönliches Vorstellungsgespräch.“ Und das Ganze muss in maximal 750 Wörter erzählt werden – oder in 350, wenn Sie sich bei Goldman Sachs bewerben.

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