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„Ich bin schwul“: Coming Out an der Wall Street

Johann Shudlick hat die frühen Jahre seiner Karriere bei Goldman Sachs sein kleines Geheimnis bewahrt. Doch als seine Analysten-Zeit vorbei war, sah er den richtigen Zeitpunkt für sein Coming Out gekommen. Nervös saß er beim Abendessen mit seinem Vorgesetzten zusammen, um ihm die Nachricht zu überbringen. „Ich bin schwul“, sagte er lapidar. Sein Chef ließ ein leises, aber doch vernehmbares Stöhnen erklingen. „Zum Glück. Ich dachte schon, Sie wollten kündigen“, sagte dieser erleichtert.

Die Wall Street wird oftmals scharf kritisiert. Dennoch lässt sich kaum abstreiten, dass die Finanzbranche im Umgang mit „Lesbian, Gay, Bisexuell and Trans“ (LGBT) besonders progressiv ist. Die Akzeptanz reicht dabei bis in die Vorstandsetagen. So haben sich Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein und Bank of America-Chef Brian Moynihan – um nur einige zu nennen – nachdrücklich für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ausgesprochen.

Die Probleme mit dem Coming Out…

Da Banking immer noch eine Dienstleistung sei und daher vielen anderen Branchen und Kulturen begegnet, sei die Akzeptanz von ungewöhnlichen Lebensstilen weit verbreitet, meint Todd Sears, der die LGBT-Organisation „Out on the Street“ gegründet hat. Darüber hinaus handle es sich bei dem zwanglosen Umgang mit LGBT um eine gute Geschäftsentscheidung. Denn in kaum einer Branche spielen die Mitarbeiter für den Unternehmenserfolg eine so ausschlaggebende Rolle wie in den Finanzdienstleistungen. Die Banken wollen den verfügbaren Talentpool so tief wie möglich ausschöpfen. „Das, was sich zwischen Ihren Ohren befindet, generiert die Erträge“, sagt Sears.

„Wenn Sie in einer echten Leistungsgesellschaft arbeiten, dann sollte alles andere als Ihr Beitrag keine Rolle spielen“, meint auch Julia Hoggett, die Managing Director bei der Bank of America ist und ihr Coming Out schon früh in ihrer Karriere erlebte. Wenn gescheite Kandidaten einen großen Bogen um ein Unternehmen machen, dann schade dieses sich selbst. Obgleich die Wall Street ein vergleichsweise offenes Umfeld darstellt, scheuen immer noch viele Schwulen und Lesben ein Coming Out.

„Einerseits mag man denken: Ich arbeite in einem ergebnisorientierten Umfeld, mein Beitrag sollte sich messen lassen und solange meine Ergebnisse überzeugen, sollte ein Coming Out keine Problem darstellen“, sagt Shudlick. „Auf der anderen Seite: In einer Kultur, in der Leistungen bestimmt und belohnt werden, zögert so mancher eine Variable in die Gleichung einzufügen, die möglicherweise einen nachteiligen Einfluss auf seine Karriere hat.“

Auch Shudlick rang mit der Entscheidung, ob der sein Coming Out haben solle oder nicht. Dabei machte er sich keinerlei Sorgen um offene Anfeindungen, schließlich ist ein solches Verhalten keiner Karriere förderlich. „Dennoch fürchtete ich damals zumindest, dass ich mit einem Coming Out riskierte, einige Leute vor den Kopf zu stoßen oder im schlimmsten Fall sogar zu Feinden zu machen“, sagt Shudlick.

… und die Vorteile

Nach seinem Coming Out war Shudlick erstaunt über die Unterstützung und den Mangel an Ablehnung, die er erfuhr. Auch andere Schwule fühlten sich danach wie befreit – und zwar nicht nur im privaten, sondern auch im beruflichen Sinne. Laut Shudlick könnten Schwule nach ihrem Coming Out ihre gesamte Persönlichkeit voll in die Arbeit einbringen. Viele Leute würde die emotionale und intellektuelle Anstrengung unterschätzen, die ein Leben mit der Lüge mit sich bringe.

Die Vorteile eines Coming Out lassen sich sogar quantifizieren. Laut einer Untersuchung von Out of the Street würden offene LGBT häufiger befördert und länger für das gleiche Unternehmen arbeiten als verdeckt lebende. „Ich halte es nicht für einen Zufall, dass meine Karriere erst nach meinen Coming Out an Fahrt gewann“, meint Shudlick, der heute als Vice President in der Investment Banking Division von Goldman Sachs arbeitet.

Auch Hoggett denkt, dass das Coming Out weitaus mehr als eine bloße emotionale Befreiung bedeutet. Es könne sogar ansonsten verschlossene Türen öffnen. Dies verleihe einen breiteren Zugang zu Organisationen, an die man über sein rein berufliches Netzwerk kaum herankomme. Dies gelte vor allem für den Kundenkontakt, wo Schwule und Lesben auf ihre Verbindungen aus dem LGBT-Netzwerk zurückgreifen könnten, das allein in den USA eine Kaufkraft von 790 Mio. Dollar besitze. „Ich habe keine einzige Minute gespürt, dass (meine Orientierung) irgendein Hindernis dargestellt hat“, sagt Hoggett.

Etwa 19 Prozent der Schwulen und 9 Prozent der Lesben geben laut Out of the Street an, dass sich ihre offene sexuelle Orientierung auch geschäftlich positiv auswirke. Vor fünf Jahren hätten die Umfrageergebnisse noch bei 0 gelegen. Weiter gaben 15 Prozent der Schwulen und 10 Prozent der Lesben an, dass sich ihr Netzwerk seit ihrem Coming Out erweitert habe. „Die Leute sind einfach von den schlimmsten möglichen Folgen eines Coming Out besessen und beachten nicht die großartigen Dinge, die ein Coming Out nach sich zieht“, erzählt Shudlick.

Dennoch bleiben Probleme

Die LGBT-Aktivisten zeigen sich denn auch mit dem in den vergangenen Jahren erzielten Fortschritt zufrieden. Dennoch sei es zu früh, um einen Sieg zu verkünden. Die Wall Street habe noch keinen Vorstandschef eines der größten 500 Unternehmen gesehen, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt habe. So mancher Blogger spricht sogar von einer „pinken Decke“, die in New York existiere. Denn nur hier könnten Schwule und Lesben so weit die Karriereleiter hinaufsteigen.

Dennoch rechnet Sears mit einer Fortsetzung des Wandels. So hätten sich allein zwei hohe Manager der britischen Großbank HSBC als schwul geoutet: Marlon Young, Chef des Private Bankings America und Antonio Samoes, den Chef des britischen Geschäfts.

Das eigentliche Problem stelle indes das mittlere Management dar. „Der Wandel setzt sich von oben und unten durch“, meint Hoggett. „Allerdings stellt sich die Frage, wie man das Mittlere Management dazu bringt, die gleichen Prinzipien wie das hohe Management anzuwenden? Das stellt in der Branche eine weithin bekannte Herausforderung dar und etwas, an dem wir arbeiten.“

Es wird geschätzt, dass rund ein Drittel der Leute, die sich im Privatleben zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen, diese im Arbeitsalltag verschweigen. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass es in den Vereinigten Staaten immer noch in 29 der 50 Bundesstaaten legal ist, jemanden aufgrund seiner Homosexualität zu feuern.

Auch aus dem Ausland gibt es Gegenwind. Während die Banken in den USA und Europa recht offen sind, sei die Situation in anderen Weltregionen wie etwa Asien schwieriger. Noch sei Homosexualität in 76 Ländern verboten, berichtet Sears.

Das Image der Investmentbanken scheint auch nicht immer weiterzuhelfen. „Wir haben von Studenten gehört, dass sie denken: Wenn ich LGBT bin, dann kann ich nicht an der Wall Street arbeiten“, berichtet Shudlick. „Die Leute haben die Vorstellung, dass an der Wall Street eine hypermaskuline, Burschenschaft-ähnliche Kultur herrsche“, resümiert Shudlick. „Doch die Wahrheit ist, dass die ganze Wall Street eben nicht so ist. Sie müssen nicht dem sprichwörtlichen Banker oder Trader gleichen, um hier erfolgreich zu sein.“ Hoggett sieht das ganz ähnlich und berichtet, dass einige Schwulen und Lesben ganz überrascht gewesen wären, ein Stellenangebot von der Wall Street zu erhalten.

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