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GASTKOMMENTAR: Wie alt, ist zu alt?

Vielleicht haben Sie schon festgestellt, wie wenige ältere Menschen es im Handelssaal gibt. Damit meine ich keine Greise, sondern Leute über 50.

In den meisten Handelssälen arbeiten einige Leute in ihren 40ern, doch im Allgemeinen ist der Altersdurchschnitt recht niedrig: 20- und 30jährige dominieren, wobei es sich meist um männliche Zeitgenossen handelt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ich habe versucht herauszubekommen, was mit den “Oldtimern” geschieht. So mancher steigt zweifelsohne aus, weil er es sich leisten kann. Vielleicht haben einige Leute auch kein Vermögen verdient, dennoch reicht ihr Geld, um in ihren Augen Interessanteres oder Erstrebenswerteres zu machen, etwas mit einem höheren Freizeitwert.

Sicherlich haben viele auch keine Wahl; die Entscheidung wurde für sie gefällt. Wenn Sie es nicht bis ins Management geschafft haben – oder sogar wenn ihnen das gelungen ist – dann haben sie womöglich eine der regelmäßigen Kahlschlagaktionen überlebt, die den Weg für neue und aufstrebende Talente aus den unteren Bereichen der Nahrungskette freimachen. Dabei handelt es sich um einen natürlichen Evolutionsprozess.

Doch stimmt das? Wenn ich mir andere Berufsfelder ansehe, die auf andere Art und Weise mindestens genau so anspruchsvoll wie das Banking sind – wie z.B. Politik, Recht oder Militär, das in fremden Ländern eingesetzt wird. Diese Leute befinden sich oftmals mit einem Alter von über 40 und 50 in ihren besten Jahren, wenn Sie große Verantwortung in Führungspositionen oder schwerere, komplexere Belastungen übernehmen. Dabei stützen sie sich auf die Weisheit und Erfahrung, die sie über einige Jahrzehnte erworben haben und bewältigen eine Arbeitsbelastung, die alles in den Schatten stellt, was wir aus den Finanzdienstleistungen gewohnt sind.

Machen wir also etwas falsch und machen etwas falsch, wenn wir diese Talente und Erfahrungen nicht anerkennen und nutzen? Zweifelsohne ist das der Fall.

Denn die schlimmsten Vorurteile sind diejenigen, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir ihnen unterliegen. Wenn Sie in einen Handelssaal schauen, dann erwarten Sie junge Männer mit hochgekrempelten Ärmeln, gelockerten Krawatten, die im Testosteronrausch ins Telefon schreien. Deren Schwäche zeigt sich genau dann, wenn die Dinge schieflaufen.

Da im Handelssaal keine Weisheit und Erfahrung vorhanden ist, auf die man sich stützen könnte, muss jede Generation die immer gleichen Lektionen von neuem Lernen.

Die Lösung läge in einer ausgeglichenen Altersstruktur. Dabei sollte nicht nur auf das Alter, sondern auch auf die Persönlichkeit geachtet werden. Henry Grunfeld, einer der Gründungsväter der letzten großen britischen Handelsbank S G Warburg arbeitete bis ins hohe Alter von 95 Jahren. Wenn es mehr schaffen würden, zumindest bis über 50 durchzuhalten, bevor sie aus dem Weg geräumt werden, dann würde die Branche dadurch stärker.

David Charters ist Partner beim Beratungsunternehmen Partner Capital. Früher war er Head of Equity bei Warburg und der Deutschen Bank in London. Sein jüngstes Buch: “Where Egos Dare” ist für 6,99 Pfund im Buchhandel erhältlich.

Kommentare (2)

Comments
  1. Wenn man sich die kürzlichen Neuigkeiten zu “social networks” ansieht, scheint die These “zu alt” = “nicht mehr dabei” voll zu greifen. Jeder Mensch, der 1999/2000 aktiv erlebt hat inclusive aller Übertreibungen wird heute sicherlich völlig anders über den Wert eines Internetradios oder eines social networks bei dessen Börsengang urteilen. Jeder Mensch, der diese Erfahrung hat, wird anführen, eben jene Unternehmen, die keine Gewinne machen aber trotzdem multi-Mrd. Marktkapitalisierungen haben bereits schon “einmal gesehen” zu haben. Diese Erfahrung ist allerdings nicht gefragt, denn sie ist schlicht zu teuer. Wieso einen erfahrenen Analysten bezahlen wenn man einen Uni-Absolventen, der auch ein paar Sachen zusammenpinselt für weniger als die Hälfte bekommt. Der “Erfahrene” vermeidet Risiken, die sich NICHT materialisieren. Dumm nur, dass RISIKEN, die sich nie materialisieren nirgendwo auftauchen und damit nicht messbar sind – folglich ist auch der Vorteil von “Erfahrung” nicht messbar im Sinne von “bottom-line”. Was messbar ist, ist das geringere Gehalt des Uni-Absolventen – und wenn’s dann schief geht, nennt man das Baby halt “unforseen exceptional circumstance”…

  2. yes – “Experienced One”!

    Die Jungspunde, die an den Lippen der CEO, CFO und IRs hängen und alles Glauben und entsprechende “BUYS” auf ihre in 1000 facher Kopie 50 Seiten Hochglanzpapier drucken können, es nicht besser wissen.
    WOHER denn auch.
    Bei einem meiner vorherigen Arbeitgeber wurden die Knaben und Blondies von der Uni ins Wasser gewurfen und “schreibt mal” für die gecoverten 15 Unternehmen.
    “…und dann hörste noch auf ner Konferenz so einen Grünschnabel von den Blauen – in der erste Reihen sitzend – rufen, wie denn der Vorstand die Erwartungen in 10 Jahren sieht.”!?!?! Spinn ich denn? Vollpfosten. Den Namen habe ich mir notiert!!!

    Und wie eine Ikone des globalen Proptradings im TV einst sagte, “um Apple zu kaufen, muss ich kein Analyst sein, da gehe ich mal in den Shop und sehe was da abgeht!”.

    Wie können die Jungspunde also das (Berufs-) Leben lernen – nicht das geschafel und zertifizierte Unwissen der Uni – es braucht Seniors, die sich die Muße nehmen können und Geschichten aus dem Leben zum Besten geben.
    Da gab es mal einen, der konnte einen 15 minütigen Monolog über seine Berufserfahrungen halten, um am Ende irritiert festzustellen, dass er sich in der Dek

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