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Ein Jahr nach Moritz Erhardts Tod: Was Praktikanten bei Investmentbanken erwartet

Moritz Erhardt

Moritz Erhardt

Vor bald einem Jahr wurde der deutsche Praktikant Moritz Erhardt tot unter der Dusche seines Londoner Studentenwohnheims aufgefunden. Erhardt hatte zuvor bei der Bank of America Merrill Lynch angeblich drei Nächte hintereinander durchgearbeitet. Eine Autopsie kam zu dem Ergebnis, dass der damals 21jährige einem epileptischen Anfall erlegen sei. Dabei könnte jedoch Schlafmangel eine Rolle gespielt haben.

Dieser Vorfall hat ein Schlaglicht auf die harten Arbeitsbedingungen junger Investmentbanker geworfen. So wurde der „magische Kreisverkehr“ bekannt. Demnach arbeiten Banker bis in die frühen Morgenstunden, lassen sich mit einem Taxi nachhause chauffieren, duschen, ziehen sich um und springen in das gleiche Taxi, um wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Die Bestürzung auch unter den Banken war damals groß. Doch was hat sich seither verändert und worauf müssen sich Praktikanten einstellen, die in den kommenden Sommermonaten ein Praktikum bei einer Investmentbank antreten? Wir haben Bank of America, Barclays, Citi, Credit Suisse, Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley und RBS gefragt, welche Veränderungen sie bei ihren Sommerpraktika vorgenommen haben. Nicht alle wollten hierzu Stellung nehmen.

So verwies die Bank of America, bei der Erhardt seinerzeit arbeitete, auf die Reformen, die im Januar angekündigt wurden. Darüber hinaus dürften auch die Praktikanten in den Genuss der verschiedenen Maßnahmen kommen, die mehrere Banken für ihre Analysten eingeführt haben. Bei der Deutschen Bank in Frankfurt z.B. soll Branchenkennern zufolge ein teilweises Wochenendarbeitsverbot streng durchgesetzt werden. Insgesamt können sich Praktikanten auf folgende drei Punkte einstellen:

1. So mancher Praktikant muss Urlaub nehmen

Die Länge der Praktika kann bei Investmentbanken recht unterschiedlich ausfallen. Moritz Erhardt selbst soll laut Medienberichten bei der Bank of America ein siebenmonatiges Praktikum erhalten haben. Bei der Deutschen Bank dauern die Sommerpraktika rund neun Wochen. Bei Goldman Sachs sind es zehn Wochen und bei JP Morgan und Citi können Praktika bis zu zwölf Wochen betragen. Während die Sommerpraktika im angelsächsischen Raum der Normalfall sind, können in Deutschland auch individuell längere Praktika zu anderen Zeiten des Jahres ausgehandelt werden.

Bei längeren Praktika kann es vorkommen, dass den Praktikanten sogar ein kleiner Urlaubsanspruch zusteht. In der Vergangenheit haben Praktikanten diesen Anspruch regelmäßig verfallen lassen, um gegenüber ihrem künftigen Arbeitgeber in spe Einsatz zu zeigen. Doch dieses Jahr könnte so manche Investmentbank darauf bestehen, dass der Urlaub tatsächlich genommen wird – wenn auch nur tageweise. Bei der Deutschen Bank werden die Praktikanten ggf. sogar zur Wahrnehmung ihres Urlaubs ermutigt.

2. Auch Praktikanten steht ein Wochenende zu

Christian Meissner, Chef des Investmentbankings bei der Bank of America, bekräftigte erst in der vergangenen Woche, dass Analysten und Praktikanten in jedem Monat mindestens vier Tage an den Wochenenden frei nehmen müssen. Viele andere Banken haben ähnliche Regelungen eingeführt. Demnach dürfen die jungen Banker bei Goldman Sachs zwischen 21 Uhr am Freitag und 9 Uhr am Sonntag nicht im Büro erscheinen, bei der Credit Suisse gilt dies von 18 Uhr am Freitag bis 10 Uhr am Sonntag, bei der Cit von 22 Uhr am Freitag bis 10 Uhr am Sonntag. JP Morgan wiederum besteht darauf, dass junge Banker sich wenigstens ein Wochenende im Monat vollständig frei nehmen. Bei der Deutschen Bank müssen Juniorbanker wenigstens fünf Wochenendtage im Monat zuhause bleiben.

Die meisten Banken scheinen diese neuen Regelungen strickt durchzusetzen. Juniorbanker, die gegen die Regel verstoßen wollen, benötigen hierzu eine schriftliche Erlaubnis eines Managers.

3. Die Arbeitsbelastung der Praktikanten wird schärfer kontrolliert

Das Problem der hohen Arbeitsbelastung von Praktikanten wird teilweise durch sie selbst hervorgerufen. So hoffen die Praktikanten durch einen schier grenzenlosen Einsatz ihre Chancen auf ein Übernahmeangebot zu erhöhen. Denn gerade im angelsächsischen Bereich stellen Praktika den Königsweg zu einem Einstiegsjob im Investmentbanking dar. Ein weiteres Problem besteht im teilweise schlechten Management.

„Es gibt in diesem Geschäft wirklich keinen Grund, die Leute zu so langen Arbeitszeiten zu drängen“, sagte ein jüngerer Banker bei einer Veranstaltung zum Tode Erhardts. „Die meisten der Nächte bis 4, 5 oder 6 Uhr in der Frühe wurden von sinnlosen Aufträgen durch Vorgesetzte verursacht, die auch bis zum folgenden Morgen hätten warten können.“

Daher haben Investmentbanken wie die Deutsche Bank und Goldman Sachs versucht, die Arbeitsbelastung durch sinnlose Aufgaben zu reduzieren. Bei der Deutschen Bank wurden Feedbacks eingerichtet, um den Fortschritt der Praktikanten zu beurteilen. Bei JP Morgan nehmen Mentoren die Praktikanten an die Hand und vermitteln ihnen auch die Arbeitszeitregelungen. Dort müssen die Praktikanten jede Woche einen Fragebogen ausfüllen, wie lange und was sie gearbeitet haben. Auf diese Weise können die Manager die Arbeitsbelastung besser kontrollieren und ggf. umverteilen.

Darüber hinaus stellen sich immer mehr Praktikanten nach Nachtschichten die Frage, ob es dies alles wert ist. Zwar können Einsteiger bei der Deutschen Bank in Frankfurt ein Jahresgehalt von bis zu 66.000 Euro kassieren, allerdings handelt es sich bei einer Bankingkarriere eher um einen Marathon als einen Sprint. Investmentbanker, die wirklich weit kommen wollen, achten darauf, nicht frühzeitig auszubrennen.

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