☰ Menu eFinancialCareers

Von Buddha lernen: Wie Meditationstechniken die Finanzdienstleistungen erobern

meditate

Kommt aus buddhistischen Klöstern die Lösung für stressgeplagte Banker? Während unser Coach erklärt, wie sich das Aufmerksamkeitstraining aus fernöstlichen Meditationstechniken entwickelt hat, lässt er jedenfalls zwei indische Schellen erklingen. „Traditionell wurden sie dazu verwendet, böse Geister zu vertreiben“, kommentiert er. „Aber ich nutze sie nur, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen.“

Aufgrund dieser Herkunft hatte das Aufmerksamkeitstraining lange mit einem Hippie-Image zu kämpfen. Doch mittlerweile erobert diese Technik auf der Gesundheitswelle reitend auch die Banken in der Londoner City. Sämtliche Anbieter betonen den Beitrag, den das Aufmerksamkeitstraining zu mehr Konzentration, Leistung und Stressabbau am Arbeitsplatz leisten kann. Sie verweisen auf die positiven klinischen Studien in der Therapie von Depressionen und auf die Nutzung dieser Technik durch das US-Militär – keine Spur von langen Haaren, Sandalen und der Zen-Begeisterung der Hippiebewegung.

„Wir wollen die buddhistischen Wurzeln und die Tatsache ehren, dass Meditationspraktiken den Kern des Aufmerksamkeitstrainings ausmachen. Aber wir wollen nicht von den Vorteilen ablenken, die sie für Unternehmen und Mitarbeiter leisten kann“, sagt Marina Grazier von der Mindfulness Exchange, einer Ausgründung der Universität Oxford. „Wir wollen die Message nicht mit Religion vermischen.“

Bei Goldman Sachs schwört man auf Aufmerksamkeitstraining

Das Aufmerksamkeitstraining erfreut sich bei Finanzdienstleistern wachsender Beliebtheit, weil diese immer mehr mit gestressten und ausgebrannten Mitarbeitern zu kämpfen haben. So wurde das Aufmerksamkeitstraining bereits bei Barclays, Goldman Sachs, JP Morgan, Lloyds Banking und der Royal Bank of Scotland den Mitarbeitern angeboten.

Besonders engagiert zeigt sich Goldman Sachs, wo das Aufmerksamkeitstraining vom Vorstandsmitglied William George unterstützt wird. So erzählte HR-Chefin Sally Boyle der Financial Times: „In einigen Jahren werden wir über Aufmerksamkeitstraining ähnlich sprechen wie heute über Fitness.“

Auch Aufmerksamkeits-Trainerin Louise Chester, Gründerin von Mindfullness at Work, bestätigt, dass sie bereits für mehrere Investment Banken, Anwaltskanzleien und Fondsgesellschaften tätig gewesen ist. Chester hat selbst früher als Telekommunikations-Analysten für die UBS gearbeitet. Es gehe nicht nur darum, die Mitarbeiter besser auf ihr Arbeitsleben vorzubereiten.

„Wir haben von einigen führenden Fondsmanagern das Feedback erhalten, dass sie an Wochenenden intensiver für ihre Kinder da sein wollen. Sie wollen sich die Zeit nehmen, mehr Dinge zu registrieren und mehr in der Gegenwart zu leben, statt im Büro eingeschlossen zu sein und sich mit einer Welle von Informationen abzugeben“, sagt Chester. „Wir bringen ihnen bei, die Informationen besser zu sortieren, unter Druck ruhiger zu bleiben und weniger schnell zu reagieren.“

Dennoch stellt das Aufmerksamkeitstraining für Rationalisten immer noch eine Herausforderung dar, denn es enthält emotionale und sogar spirituelle Elemente.

Das Training bringt die Menschen dazu, sich mehr auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und dabei Zukunft und Vergangenheit auszublenden. Während der dreiminütigen täglichen Atemübung sollen sich die Teilnehmer überdies stärker auf ihre Emotionen und Körperempfindungen besinnen. Auch wenn dies einer Entspannungsübung ähnelt, geht das Aufmerksamkeitstraining doch weiter.

„Wir vermitteln die Fähigkeit, sich selbst zu akzeptieren, die innere Selbstkritik zu vertreiben, die Ihnen erzählt, dass Sie nicht gut genug sind oder dass Sie härter arbeiten und länger im Büro bleiben müssen“, sagt Grazier. „Das stärkt Ihr Selbstbewusstsein am Arbeitsplatz, verbessert die Konzentration und das Arbeitsgedächtnis und verhilft den Menschen zu mehr Belastbarkeit. Sie erhalten das Selbstbewusstsein, um 19 Uhr nachhause zu gehen und sich nicht die Nächte um die Ohren zu schlagen. Auch gehen Sie z.B. Verhandlungen mit Kunden weniger gestresst an.“

So mancher Kritiker mag einwerfen, dass doch die Investmentbanken einfach die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter reduzieren könnten, anstatt ihre Belastbarkeit mit Trainings zu steigern. Doch wie lässt sich Stress vermeiden, wenn so mancher Manager seinen Untergebenen am Freitagnachmittag noch einen Berg Arbeit auf den Tisch lädt und das Wochenende damit nahezu passé ist.

Der Fokus des Aufmerksamkeitstrainings liegt indes auf der Stressbewältigung und nicht auf der Stressvermeidung. Als Chester 1994 das Aufmerksamkeitstraining entdeckte, befand sich der Telekommunikationssektor gerade in einem Boom. In kurzer Zeit vermehrten sich die Unternehmen, die sie als Aktienanalystin beobachten musste. „Ich befand mich unter massivem Druck und gegen die steigende Arbeitsbelastung half auch nicht, dass mein Arbeitsplatz in der ablenkenden Umgebung eines Handelssaals angesiedelt war. Das Aufmerksamkeitstraining half mir, damit zurechtzukommen. Nachdem ich in meiner Finanzdienstleistungskarriere so erfolgreich gewesen bin, wollte ich auch anderen Menschen dabei helfen. Die große Mehrheit unserer Trainer hat vorher in Führungspositionen gearbeitet.“

Die Folgen von Stress zeigen sich oft erst nach Jahren

Auch Grazier hat viele Jahre in stressigen Sales-Jobs bei KPMG und IBM gearbeitet und weite Teile ihres Leben in ihren 20er und 30er Jahren für den Job geopfert, bevor Sie sich entschloss kürzer zu treten. Schließlich war es der plötzliche Tod eines guten Freundes, der tragischerweise die Treppen einer Pizzaria hinabstürzte, der sie schließlich zu einem Umdenken bewegte.

„Mein Körper gab gerade auf und ich war ausgebrannt“, erzählt sie. „Ich war sechs Monate ernsthaft depressiv, bevor ich mich endlich entschloss, etwas an meinem Leben zu ändern. Das Problem besteht darin: Je näher die Menschen an einen Burnout gelangen, umso weniger haben sie den Überblick. Auch das Letzte zu geben, wird zu einer Gewohnheit und sukzessive geben wir mehr und mehr von unserem Privatleben auf – wir verlieren Freunde, wir hören mit unseren Hobbies auf und verlieren am Ende auch noch unsere Gesundheit.“

Viele Finanzprofis, die das Aufmerksamkeitstraining für sich entdecken, sind ausgebrannt oder haben ein traumatisches Erlebnis hinter sich. So arbeitete Rohan Narse bei Goldman Sachs in M&A, bevor eine Nahtoderfahrung während eines Autounfalls ihn zum Umdenken zwang. Auch er gab das Banking auf und gründete ein Unternehmen für Aufmerksamkeitstrainings.

„Es kann schon schwer fallen, sich im Banking selbst treu zu bleiben. Es handelt sich um eine toxische Umgebung, die auf Angst und Gier beruht. Allerdings beginnen die ersten Bankchefs zu verstehen, dass sich etwas ändern muss und dass die Leute sich selbst treu bleiben müssen“, sagt Narse.

So versucht Goldman Sachs den Umgang von Managern mit jüngeren Mitarbeitern zu verändern. Sie sollen die Junior Banker nicht nach einer 50seitigen Präsentation fragen, wenn auch 15 Seiten genügen würden. JP Morgan will sogar sicherstellen, dass die Analysten und Associates nicht mehr als 75 Stunden pro Woche arbeiten.

Oft dauert es einige Jahre, bis sich die negativen Folgen des Stresses bemerkbar machen. So hat Alexandra Michel von der University of Pennsylvania in einer viel zitierten Studie über die Arbeitsbelastung jüngerer Banker herausgefunden, dass die Probleme erst nach einigen Jahren im Investmentbanking auftreten. Körperliche Zusammenbrüche, chronische Schmerzen, Hormonstörungen, Gewichtszunahme, Haarausfall, Depressionen, Angststörungen und generelle Antriebslosigkeit nehmen zu.

„Das Aufmerksamkeitstraining muss in die Wellness-Programme aufgenommen werden, um Stress zu bekämpfen, die Konzentration zu steigern und dem Angestellten bei seiner Entwicklung zu helfen“, meint Chester. Es handle sich um eine Säule der Stressbewältigung und sollte zum Mainstream gehören.

Ähnliche Artikel:

Fitness, Schlaf und Meditation: Die Kunst, ein besserer Finanzprofi zu werden

Was ein Yoga-Trainer Bankern gegen Stress empfiehlt

Von Stress geplagt? Wie Sie ohne Drogen einem Burnout vorbeugen

Kommentare (0)

Comments

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier