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INTERVIEW mit Europaabgeordneten Sven Giegold: Wieso Banker zu viel verdienen

Giegold

Sven Giegold ist Mitglied der Fraktion der Grünen im Europaparlament und hat sich für die Finanzmarktregulierung und den EU-Bonuscap eingesetzt. Am kommenden Sonntag (25. Mai) stehen die Wahlen zum Europaparlament an, für das Giegold auf Platz 2 der Grünen-Liste kandidiert. In einem Interview erläutert der Wirtschaftswissenschaftler, wieso Banker zu viel verdienen und welche Pläne er für die kommende Legislaturperiode hat.

Das EU-Parlament hat viele Regelungen zur Begrenzung der Vergütungen bei Finanzdienstleistern auf den Weg gebracht. Vielleicht können Sie kurz erläutern, wieso Banker zu viel Geld verdienen?

Zunächst einmal sind die Gehälter deshalb so hoch, weil das mittlere und höhere Management Informationen besitzt, die anderen nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen. Solche Informationsasymmetrien spielen auf den Finanzmärkten eine sehr große Rolle. Informationsasymmetrien führen dazu, dass die Finanzindustrie als Ganze im Vergleich mit anderen Branchen letztlich zu hohe Gehälter bezahlen kann. Das gilt nicht unbedingt für jeden Vertriebler am Ende der Kette. Aber die Wertschöpfung des Finanzsektors ist insgesamt deutlich höher als der gesellschaftliche Nutzen, den der Sektor derzeit stiftet. Dies sieht man z.B. an den hohen Vertriebsprovisionen, die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was notwendig wäre, um die Kapitalanlage effektiv zu organisieren.

Können Sie an einem Beispiel aus dem Investmentbanking erläutern, wie Banken aufgrund von Informationsasymmetrien zu viel Geld verdienen?

Ich bleibe lieber dort, wo man näher am Kunden ist. Viele Menschen wissen wenig über Finanzmarktprodukte. Während Profis z.B. passiv gemanagte Fonds kaufen, erwerben viele Endverbraucher Lebensversicherungen. Die im Vergleich zu passiven Fonds exorbitanten Gebühren zehren erhebliche Teile der Rendite auf und zum Schluss haben viele Anleger wenig davon. Genauso gibt es keine Evidenz, dass aktiv gemanagte Fonds das Geld hereinbringen, das das Management kostet. Es gibt aber gut geschmierte Vertriebsmaschinen, die diese Produkte trotzdem in den Markt drücken, weil die Verbraucher wenig über Finanzen wissen.

Und wie sieht es im Investmentbanking aus, wo die richtig hohen Gehälter gezahlt werden?

Im Investmentbanking gibt es enorme Skaleneffekte. Man braucht kaum mehr Mitarbeiter, wenn man nicht 10 Millionen Euro Fixed Income Produkte am Tag handelt sondern 100 Millionen. Ob es Devisenhandel, Derivate oder Strukturierung von komplexen Verbriefungen sind, der Markt wird von einem kleinen Oligopol beherrscht. Aufgrund der Größe, Komplexität und Verflechtung dieser Institute, traut sich keine Regierung, sie in einer Krise Pleite gehen zu lassen. Daraus resultieren unvorstellbare implizite Subventionen. Großbanken in Europa können sich dank Staatsgarantie mit über 200 Milliarden Euro pro Jahr subventioniert refinanzieren. Zusätzlich kommt die billige Querfinanzierung bei Universalbanken aus geschützten Kundeneinlagen. Das ist ein wesentlicher Grund für die hohe Profitabilität der Banken.

Es gibt zudem hohe Transparenz, welcher Mitarbeiter wie sehr zum Gewinn besteuert. Diese Mitarbeiter haben extreme Verhandlungsmacht und können fast den ganzen Grenzertrag für sich beanspruchen, weil sie glaubhaft jederzeit zur Konkurrenz wechseln können. Ich habe nichts gegen einen funktionierenden Markt, in dem gute Mitarbeiter auch gut bezahlt werden. Aber der hohe Lohn darf nicht aus subventionierten und oligopolistischen Geschäften stammen. Deshalb wollen wir die Banken durch die europäische Bankenunion und durch ein Trennbankensystem im Krisenfall abwickelbar machen, damit die too-big-to-fail-Garantie endlich aufhört.

Das Gehaltsniveau ist im Banking sicherlich deutlich höher als in der Realwirtschaft. Die Banken – besonders in London – argumentieren immer: Wir wollen die besten Talente haben, dafür muss man auch mehr zahlen. Was sagen Sie dazu?

Das ist ja ein Henne-und-Ei-Argument. Auch in Großbritannien wird viel über die Reindustrialisierung gesprochen. Demnach müsste man die besten Köpfe im Engineering einsetzen. Das gilt auch für Deutschland. Ich würde eher sagen, der Finanzsektor sorgt für eine Fehlallokation von Ressourcen. Durch die Informationsasymmetrien werden viele der talentiertesten Leute ins BWL-Studium gelockt, obwohl sie gesellschaftlich nützlicher wären, wenn sie Arzt, Pharmazeut oder Ingenieur werden würden.

Gerade in Großbritannien heißt es, die bestmögliche Karriere besteht entweder im Investmentbanking oder in der Strategieberatung. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine Fehlallokation von Ressourcen. Bonus- oder Gehaltscaps stellen eigentlich schon die Kapitulation der Politik vor schlecht funktionierenden Märkten dar. Eigentlich müsste das Ziel lauten, in sämtlichen Märkten so viel Wettbewerb herzustellen, dass die Margen sinken und so kein Spielraum für überzogene Gehälter besteht. Davor scheuen wir in vielen Bereichen zurück. Schauen Sie sich die geschlossenen Vertriebskanäle an. Ein DWS-Produkt gelangt in den Markt, weil es von der Deutschen Bank vertrieben wird und nicht weil es das beste Produkt wäre. Ähnliches gilt für Deka, Union Investment und Allianz Global Investors. Auf dieser sicheren Vertriebsschiene mit suboptimaler Beratung der Kunden beruht die Übermarge, die zu überhöhten Gehältern führt. Durch den Wettbewerb um die besten Leute haben wir dann zu hohe Gehälter im gesamten System. Das beste Instrument dagegen wäre das Aufbrechen der kartellartigen Strukturen und natürlich das Ende der too-big-to-fail-Subventionen.

Sie haben sich ja für die Einführung des EU-Bonuscaps eingesetzt. Man hört, dass so manche Bank vor allem in England versucht, die Caps zu umgehen. Was halten Sie von diesen Versuchen?

Ich habe den Eindruck, dass viele Institute den Schuss immer noch nicht gehört haben. Damit verspielt der Finanzsektor den Ruf, den er eigentlich haben sollte. Denn bei Finanzprodukten handelt es sich um Vertrauensgüter. Ob jemand sein Geld über längere Zeit einer Gesellschaft anvertraut, hängt von einer Vertrauensbeziehung ab. Diese ist seit der Finanzkrise gestört. Dann muss man sich nicht wundern, wenn der Anlagehorizont von immer mehr Menschen immer kürzer wird. Das ist weder für Investitionen sinnvoll, noch nützt es den Unternehmen. Allerdings helfen moralische Appelle wenig weiter. Wesentlich wichtiger ist, den Wettbewerb dort, wo er nicht funktioniert, zu verschärfen.

Viele europäische Investmentbanken beklagen sich, dass sie im Wettbewerb mit den US-Banken benachteiligt wären. Denn dort ist der Bonuscap unbekannt.

Den Massenexodus deutscher Banker in die USA habe ich noch nicht wahrgenommen. Zwischen London und New York – da mag es einen härteren Standortwettbewerb geben. Dass deutsche Führungskräfte einen vergleichbaren Job in den USA bekommen, dürfte selten sein. Dabei handelt es sich um eine Kunstdiskussion.

Welches Ausmaß das Phänomen in London angenommen hat, dazu kenne ich keine belastbaren Zahlen. Allerdings gibt es die gleichen Grundsatzdiskussionen auch in den USA. Ich finde es immer wieder interessant, wie mit der Regulatory Abritrage an beiden Standorten Politik gemacht wird. Das Argument wird immer wieder herangezogen, wenn es einem in den Kram passt.

2009 wurde gesagt, wir dürften in Europa keinesfalls mehr regulieren, weil die Amerikaner dann einen Standortvorteil hätten. Dann haben die Amerikaner mit dem Dodd Frank Act ernst gemacht und plötzlich hörte ich dieses Argument zwei, drei Jahre überhaupt nicht mehr. Dafür haben es die Amerikaner gehört. Jetzt ist es beim Bonuscap wieder einmal umgekehrt. Wenn man sich als Politiker davon ins Bockshorn jagen lässt, dann kann man überhaupt nichts mehr verändern.

Es ist 1 Prozent der Bevölkerung, das in den vergangenen Jahren überproportional profitiert hat und dies zerstört das Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist sehr wichtig, damit eine Gesellschaft funktioniert. Ich würde mir wünschen, dass etwa der Bundesverband deutscher Banken solche Überlegungen berücksichtigt. Die ökonomischen Vorteile von Gesellschaften, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl haben, sind evident. Nicht ohne Grund landen die Skandinavier bei praktisch allen internationalen Vergleichstabellen auf den Top-Positionen.

Öffentlich bekennen sich viele Institute zur Kulturveränderung. Bestes Beispiel ist die Deutsche Bank. Wie weit dies zutrifft, ist allerdings eine andere Frage.

In den Banken passiert schon etwas. In allen Banken hat die Bedeutung der Compliance-Abteilungen zugenommen. In der Politikvermittlung sieht dies allerdings anders aus. Immer wenn es um konkrete Lobbyinteressen geht, kann ich keinen Kulturwandel wahrnehmen. Die Versicherungslobby ist bei harten Fragen genauso unverschämt wie vor der Krise. Dagegen ist die Bankenlobby schon fast ein angenehmer Umgang.

Ein Kernargument der Banken lautet, dass es eine Fülle von unkoordinierten Regulierungen gebe und kaum noch jemand dies durchblicke. Was sagen Sie dazu?

So ganz unkoordiniert ist das Ganze nicht. Immerhin gibt es die G20-Beschlüsse zur Finanzmarktstabilität. Das stellt ein Maß an Koordinierung dar, die es zuvor noch nie gab. Es ist schon erstaunlich, dass sich die größten Staaten auf eine gemeinsame Agenda verständigt haben und diese abarbeiten. Allerdings ist Demokratie nach wie vor nationalstaatlich und europäisch. Wir haben keine globale Demokratie.

Am kommenden Sonntag stehen die Wahlen zum EU-Parlament an. Was planen Sie denn für die kommende Legislaturperiode, soweit es Banken und Finanzdienstleister betrifft?

Wir in Europa haben ein besonderes Problem mit unseren Regeln: Sie sind alle verstreut über lauter Einzelrichtlinien und Verordnungen, weshalb es jede Menge an Lücken und Doppelregulierungen gibt. Eines der Projekte, die ich auf jeden Fall verfolgen will, ist die Schaffung eines Europäischen Finanzmarktgesetzbuches. Die Vergütungen sind in AIFM (alternative Fonds), UCITS (klassische Fonds), Banken und Versicherungen jeweils anders geregelt. Das gilt auch für viele andere Regulierungen wie die Eigenkapitalunterlegung, die extrem unterschiedlich ausfallen. Viele dieser Probleme wären vermeidbar, wenn wir zu einer Rahmenordnung kämen. Nach der schnellen Einführung einer so großen Zahl von Regeln geht es jetzt darum, hier Ordnung und Konsistenz hineinzubekommen. Das wird noch schlimmer, wenn man sich die Durchführungsbestimmungen anschaut. Dort ist der Wirrwarr überhaupt nicht mehr zu überblicken – nicht einmal mehr für die Fachleute.

Gibt es Pläne, die Maximalgehälter von Managern auf z.B. das Zwölffache der Mindestgehälter des jeweiligen Unternehmens zu beschränken? In der Schweiz wurde eine solche Deckelung kürzlich bei einer Volksabstimmung abgelehnt.

Zunächst wäre es zu prüfen, ob so etwas europarechtlich zulässig wäre, denn die Lohnfindung ist nicht Sache Europas. Was die Vergütung betrifft, finde ich Modelle wie die der Parliamentary Commission on Banking in Großbritannien besser, wonach über einer bestimmten Schwelle Boni nicht direkt ausbezahlt werden, sondern über zehn Jahre der Bank gestundet werden. Aus regulatorischer Sicht könnten diese gestundeten Beträge wie eigenkapitalersetzende CoCo-Bonds behandelt werden. Das heißt wenn die Bank im Krisenfall ihr Mindesteigenkapital unterschreitet, käme es zum Bail-In dieser gestundeten Boni. Bei Managern von Fonds könnte man die Boni ebenfalls an einen sehr langfristigen Anlageerfolg knüpfen. Das finde ich deutlich klüger als einen einfachen Cap, der ein schwerer Markteingriff wäre. Eine solche Regelung wäre der Finanzwirtschaft vermutlich auch leichter zu vermitteln.

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