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Kunst im Kapitalismus: Karrieren als Kurator bei der Deutschen Bank

Anish Kapoor: Turning the world upside down no. 3 (Quelle: Deutsche Bank)

Anish Kapoor: Turning the world upside down no. 3 (Quelle: Deutsche Bank)

Alistair Hicks zählt zu den Leuten, die in der Deutschen Bank sagen, wo es lang geht – allerdings nur in Fragen zeitgenössischer Kunst. Die Großbank verfügt immerhin über eine Kunstsammlung mit rund 60.000 Werken. „Unsere Sammlung zählt zu den Top-Drei-Sammlungen zeitgenössischer Werke auf Papier in der Welt und dies schließt die Museumssammlungen ein“, berichtet der 57jährige Kunstkurator am Hauptquartier der Deutschen Bank in der Londoner City.

Hicks deutet auf ein Bild des indischen Künstlers Anish Kapoor, das eigentlich nur verschiedene Blautöne zeigt und „Untitled“ heißt; Kapoor ist auf monochrome Arbeiten spezialisiert: Ein Werk dieses Künstlers habe einer der CEOs für sein Büro gewählt. Ob es sich um Anshu Jain oder Jürgen Fitschen handelt, will der hochgewachsene Mann mit dem krausen Haar nicht verraten. Auf die Feststellung, dass ein Werk eines indischen Künstlers für Jain spreche, schweigt Hicks und lässt seine Lesebrille beschwingt in seinen Fingern rotieren.

Bei der Kunstsammlung geht es um Inhalte und nicht ums Geld

Auch Claudia Schicktanz arbeitet als Kuratorin bei der Deutschen Bank. Die 52jährige gehört zum Team in Frankfurt, das die Sammlung betreut, die weltweit an über 900 Standorten präsent ist. „Die Kunstsammlung der Deutschen Bank hat eine lange Tradition“, erzählt Schicktanz. „Sie wurde ins Leben gerufen, um den Mitarbeitern, Kunden und Gästen den Zugang und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst zu ermöglichen.“ Das ist jetzt über 30 Jahre her.

Seither seien an den Standorten der Bank sowie in Ausstellungen rund um den Globus die Kunstwerke zu sehen, die auch für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich sind. Es gehe immer um die inhaltliche Ausrichtung und künstlerische Aussage der Werke, nicht um deren Wertsteigerung und ebenso um die Förderung junger Talente, betont Schicktanz.

Ähnliches erzählt Hicks bei seiner Führung durch den Deutsche Bank-Standort an der London Wall, an dem das Investmentbanking konzentriert ist. „Die Unternehmenssammlungen in der Londoner City drehten sich oft um Geld“, sagt der studierte Kunsthistoriker. Als Beispiel für diese Grundrichtung verweist Hicks auf die Sammlung der Londoner Investmentbank Morgan Grenfell, die 1990 von der Deutschen Bank übernommen wurde. „In der Sammlung ging es darum, Banker als respektabel erscheinen zu lassen.“

„Es geht nicht ums Geld, sondern ums kulturelle Kapital, d.h. das gesamte Potenzial an neuen Ideen und Perspektiven, die zeitgenössische Kunst eröffnet“, lautete der Neuansatz der Deutschen Bank. „Alles dreht sich um Veränderung“, ergänzt Hicks. Das Unternehmen konzentriere sich auch auf die Sammlung von Werken auf Papier, weil sie dort mit ihren Ankäufen die Marktwerte weniger stark beeinflusse. Kunstwerke auf Papier seien einfach weniger gefragt.

Hicks betritt einen Konferenzraum mit dem Namen Yanagi, in dem sich zwei Werke der japanischen Fotokünstlerin Miwa Yanagi befinden. Sämtliche Räume tragen den Namen des Künstlers, dessen Werke hierin präsentiert werden. Auf einer gewaltigen Fotografie Yanagis lehnt eine ältere Frau sich müde in einem Sessel zurück. Einige Kinder tummeln sich in der Nähe und blicken neugierig auf die alte Dame. „Als wir die Werke von Yanagi kauften, besaß sie noch keinen großen Namen“, betont Hicks. Neben renommierten Künstlern wie Kapoor oder Georg Baselitz wolle die Deutsche Bank auch jüngere, internationale Künstler fördern.

Damit ist z.B. die erst 1978 geborene chinesische Künstlerin Cao Fei gemeint. Auf einer ihrer Fotografien scheint ein junges Mädchen im Ballettkostüm samt Tutu, Flügeln und Heiligenschein engelsgleich durch eine Fertigungshalle zu schweben.

Der Job eines Kurators erfordert mehr als Kunstkenntnisse

Kunstgeschichtliche und wissenschaftliche Aspekte stellen nur einen Teil der Aufgaben einer Kuratorin bei der Deutschen Bank dar, erläutert Schicktanz. Das Berufsbild unterscheide sich von dem des Kurators eines Museums. „Man muss in einer Bankensammlung sehr vielseitig sein“, sagt die Kuratorin. So obliegen ihrem Team außer der Konzeption von Ausstellungen, Ausstattungen und Publikationen auch die Verantwortung für die restauratorische Betreuung der Sammlung, Versicherungsfragen, Data-Management und schließlich die Logistik. „Sie müssen sich vorstellen: Ein Teil der Bankensammlung ist immer in Bewegung“, ergänzt Schicktanz.

Über Neuerwerbungen entscheide eine interne Kommission, die von den Kuratoren der Bank sowie externen Experten unterstützt wird. Eine große Herausforderung der jüngeren Vergangenheit stellte die Modernisierung der Zentrale der Deutschen Bank an der Frankfurter Taunusanlage dar, den sogenannten Green Towers. „Die wurden von uns mit einem komplett neuen Kunstkonzept ausgestattet“, erzählt Schicktanz.

Die gebürtige Frankfurterin hat in ihrer Heimatstadt eine Gesellenprüfung als Vergolder abgelegt und anschließend Kunstgeschichte, Archäologie und Italienisch studiert. Nach einer ersten beruflichen Station bei einer Werbeagentur kam Schicktanz über ein Kunstprojekt schließlich zur Deutschen Bank.

Praktika bei Versicherern und Logistikunternehmen sind hilfreich

Um Kurator einer Bankensammlung zu werden, sei ein kunstgeschichtliches oder geisteswissenschaftliches Studium erste Voraussetzung. Doch das allein genügt nicht. „Wir raten immer, Erfahrungen durch Praktika in unterschiedlichen Bereichen zu sammeln“, sagt Schicktanz. „Man muss sich auf den Berufsalltag vorbereiten. Ich stelle immer wieder fest, dass junge Studenten falsche, idealisierte Vorstellungen von unserem Arbeitsgebiet mitbringen“, ergänzt die Kuratorin. „Es handelt sich um eine Aufgabe, die auch viel mit Administration zu tun hat.“

Aus diesem Grund rät Schicktanz nicht allein zu Museumspraktika. „Die Studenten sollten sich auch einmal Praktika bei Versicherungen und Logistikunternehmen suchen“, rät die Expertin. So gebe es Unternehmen, die auf den Transport von Kunstgegenständen spezialisiert sind. Doch auch die Deutsche Bank bietet in ihrer Kunstabteilung ein sechsmonatiges Praktikum an. „Das Praktikum bei der Deutschen Bank ist bei Studenten sehr beliebt“, sagt Schicktanz. Dabei könnten Praktikanten bereits recht selbstständig arbeiten und viele unterschiedliche Felder kennenlernen. „Das ist ein guter Start ins Berufsleben.“ Wie viele Bewerbungen auf einen Platz eingehen, will Schicktanz indes nicht verraten.

Wie der Co-CEO auf Kapoor aufmerksam wurde

Derweil ist Hicks ans Ende seiner Führung durch die Deutsche Bank-Niederlassung an der London Wall gelangt. Am Hinterausgang zur Great Winchester Street steht eine riesige silbern glänzende Kugel, die von vorn einen Einblick ins Innere gewährt. Der Betrachter erkennt sich auf dem Kopf stehend in einem gewaltigen Hohlspiegel. „Turning the world upside down No. 3“, heißt dieses Werk des indischen Künstlers Kapoor. Hicks erwähnt nicht ohne Stolz, dass er Kapoor dem besagten CO-CEO vorgestellt habe.

An einer Wand in der großzügigen Halle hängen diverse großformatige Bilder von Keith Tyson, die 2011 speziell für diesen Ort geschaffen wurden. Eines zeigt einen lässigen Cowboy, dessen Konturen wie aus Neoröhren zu bestehen scheinen. Er blickt verschmitzt auf den Betrachter und führt die linke Hand zum Hut – als würde er zum Abschied grüßen.

Tony Cragg und Keith Tyson


Miwa Yanagi: Ai


Miwa Yanagi: Rapunzel


Hugo Wilson


Cao Fei


William Kentridge


Marcel Dzama


Raqib Shaw


Anish Kapoor: Turning the world upside down no. 3


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