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Zwischen Mammon und Sinnsuche: Wenn Banker gläubig werden

Stained glass window

Das Verhältnis zwischen Bankern und Gott war nicht immer konfliktfrei. So wurde Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein für seine Aussage heftig kritisiert, die US-Investmentbank würde das  „Werk Gottes“ vollbringen. Und es kommt noch schlimmer: Laut der Bibel haben bekanntlich reiche Menschen – wie z.B. Banker – ebenso geringe Chancen in den Himmel zu kommen wie ein Kamel durch ein Nadelöhr passt. Darüber hinaus attestierte der anglikanische Erzbischof Justin Welby, Mitglied des britischen Bankenethikausschusses, den Bankern kürzlich ein unmoralisches Anspruchsdenken. Sie hätten keinen Sinn für Spiritualität.

Demnach sollte eigentlich in der Kirche St. Margaret Lothbury gegenüber der Bank of England, inmitten der Londoner City, gähnende Leere herrschen. Doch laut dem Vikar Jeremy Crossley sei dies nicht der Fall. „Rund 100 Besucher kommen jeden Mittwoch zur Mittagszeit hierher. Sie arbeiten in der City. Schon immer besuchen Leute aus allen Bereichen der Finanzdienstleistungen unsere Kirche“, erzählt Crossley.

Doch bei einer Messe am Donnerstag in St. Margaret Lothbury waren kaum Banker in Sicht. Abgesehen von einem frommen Bankier in Anzug und Krawatte, der die gesamte Zeit in stillen Gebeten verbrachte und sich kurz vor dem Ende davonstahl, schienen die meisten Besucher im Rentenalter oder nicht berufstätig zu sein. „Ich komme nur wegen der Musik“, gesteht ein Besucher.

Allerdings soll laut dem anglikanischen Londoner Bistum die Zahl der Gottesdienstbesucher seit der Finanzkrise um 25 Prozent in die Höhe geschnellt sein. „Aus der Sicht der Kirche ist jeder vor Gott gleich“, betont Crossley. „Wir betrachten die Leute eher als Menschen und nicht als Angehörige bestimmter Berufsgruppen.“

Zu einiger Bekanntheit ist der christliche Banker Ken Costa gelangt, der früher für die UBS und Lazard arbeitete und im vergangenen Jahr zum Private Equity-Unternehmen Developing Markets Capital Partners stieß. Costa reagierte bislang nicht auf eine Anfrage von eFinancialCareers. Doch in seinem Buch „Gott at Work“ fühlte sich Costa vom Banking angezogen, obgleich ein Bischof ihm zu einer Kirchenkarriere riet. „Ich wurde von der tiefen Überzeugung erfasst, zuerst an die Tür des Bankings zu klopfen“, schreibt Costa.  Weiter erzählt er, dass sowohl die Bibel als auch die Financial Times zu seiner täglichen Lektüre zählen. Seine Arbeit betrachtet er als eine gewisse Form des „Gottesdienstes“. Auch könne die Arbeit im Banking das „Reich Gottes“ näher bringen, denn die Bereitstellung von Fonds und der Kapitalfluss seien für die gesamte Gesellschaft wichtig.

Der Mönch von der Wall Street

Bei Costa handelt es sich nicht um den einzigen praktizierenden Christen in den Finanzdienstleistungen. So bekennt sich auch John Studzinski, leitender Manager beim Fondsverwalter Blackstone und ehemaliger Morgan Stanley-Investmentbanker, zum Katholizismus. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende der britischen Großbank HSBC Stephen Green hat sogar die Priesterweihe der anglikanischen Kirche empfangen.

Weitere Banker suchen anderswo nach spiritueller Erfüllung. So hat der ehemalige M&A-Spezialist der Bank of America Rasanath Das mehrere Monate auf dem Boden eines Hindutempels im New Yorker East Village zugebracht, während er M&A-Transaktionen abwickelte. „Während ich arbeitete, war ich nicht so häufig im Kloster“, erzählt Das. „Ich habe dort wahrscheinlich nur vier bis fünf Stunden am Tag verbracht. Drei Stunden habe ich geschlafen und zwei Stunden verbrachte ich mit Meditationen.“

Allerdings fiel es Das schwer, seine beiden Leben miteinander in Einklang zu bringen, weshalb er das Banking schließlich aufgab, um sich fortan ganz seiner spirituellen Berufung zu widmen. Mittlerweile betreibt Das das Bhaki Center, ein hinduistisches Kulturzentrum an der 1st Avenue der New Yorker East Side. Während seiner Arbeit für die Bank of America habe ihm seine Spiritualität geholfen. „Die Leute brachten mir ein besonders tiefes Vertrauen entgegen. Einige meiner Kollegen haben ihr Privatleben mir gegenüber geöffnet. Für mich stellte dies eine Bestätigung dafür dar, dass man auch Leute beeinflussen kann, ein aufrichtiges Leben zu führen.“

Wie eine M&A-Banker seine Erfüllung gefunden hat

Wie bei Das handelt es sich auch bei Rohan Narse um einen ehemaligen M&A-Banker, der den Finanzdienstleistungen seinen Rücken kehrte. Doch Narse suchte eher nach Erfüllung als nach Hinduismus. Allerdings stellt auch für Narse Aufrichtigkeit den Schlüssel für ein gutes Leben dar. „Ich habe sechs Jahre in M&A für Goldman Sachs gearbeitet und leitete fünf Jahre lang meinen eigenen Immobilienfonds“, erzählt Narse.

Sein Erweckungserlebnis stellte indes ein schwerer Autounfall dar, bei dem er beinahe ums Leben gekommen wäre und der ihn zum Überdenken seines Lebens brachte.

„Für mich dreht sich bei Spiritualität alles um Aufrichtigkeit“, erzählt Narse. „Es kann schon schwer fallen, im Banking aufrichtig zu bleiben – in einem von Angst und Gier vergifteten Umfeld. Aber einige Bankchefs scheinen langsam zu verstehen, dass sich etwas ändern muss und dass sie den Menschen beim Führen eines aufrichtigen Lebens helfen müssen.“

Wie eine Private Bankerin spirituellen Rat erteilt

Shivanni Sinha Sola arbeitete als private Bankerin in Indien, bevor sie auf einen Guru traf, der ihr sagte: „Jetzt reicht’s mit dem Banking“ und sie dazu animierte, selbst Beraterin in spirituellen Angelegenheiten zu werden.

„Irgendwann stellte ich fest, dass sich die Banken nur an der Generierung von Erträgen und nicht an dem Wohl der Kunden orientieren und dies stand im Widerspruch zu meinen Werten“, erzählt Sola. „Ich glaube und ich habe selbst erfahren, dass es für jedes unserer Leben einen höheren Zweck gibt.“

Heute leitet Sola Devas Unlimited, ein Unternehmen das spirituelle Heilung für Mitarbeiter aus den Finanzdienstleistungen in Indien anbietet. „Viele erzählen mir, dass sie gerne auch den Frieden, die Liebe und die Freude wie ich hätten.“ Und viele bitten mich, dass ich ihnen dabei helfe, spirituell zu wachsen und dies in ihre Bankingkarriere zu implementieren“, erläutert Sola.

Die Suche der Banker nach dem höheren Sinn

In London arbeitet Crossley wiederum an einer Predigtserie, die Banker mit Themen ansprechen soll wie „Den Erfolg genießen“, „Umgang mit Unehrlichkeit“ und „Das Eingehen von Risiken“.

Allerdings vertritt Crossley die Meinung, dass Banker genauso wie alle anderen Menschen der Erlösung bedürfen. „Banker müssen sich nicht mehr als andere Berufe rechtfertigen. Es besteht das Risiko, die gesamte Branche für das Fehlverhalten einzelner verantwortlich zu machen.“

Das wiederum rät Bankern, die nach mehr Sinn in ihrem Leben streben, ein aufrichtigeres Leben zu führen. Dies könne den richtigen Weg weisen. Doch wo findet sich so etwas an der Wall Street, in London oder Frankfurt? „Suche und so werdest Du finden“, sagt Das.

Narse empfiehlt wiederum ein wenig die Geschwindigkeit zu drosseln und sich stärker auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. „Ich rate Bankern sich wirklich Zeit für die Leute zu nehmen, die ihnen nahestehen“, sagt Narse. „Ich gebe meinem zwölfjährigen Sohn jeden Tag eine lange Umarmung. Dabei verlassen Sie die weltlichen Angelegenheiten und  sind nur noch Sie selbst. Dabei findet gewissermaßen eine Transformation statt: Ihre persönlichen Beziehungen verbessern sich, Sie lachen mehr und das Leben wird zu einer großartigen Reise.“ Darüber hinaus rät Narse von Alkohol ab: „Das zerstört die ganze Angelegenheit.“

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