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Wenn die Kinder von Bankern sich Rasterlocken wachsen lassen und Musiker oder Künstler werden

Winston Marshall (Photo credit: Guus Krol)

Winston Marshall (Photo credit: Guus Krol)

Als der 24jährige Banjospieler Winston Marshall von der englischen Folk Rock-Band Mumford & Sons bei den Brit Awards einen Preis einstrich, zeugte nur wenig davon, dass es sich bei ihm um den Spross einer Hedgefonds-Größe handelt. Mit seinem grauen Kapuzenpulli und dem weißen T-Shirt verbracht er beim anschließenden Interview die meisten Zeit damit, wenig dezent anzudeuten, dass er viel lieber Bier trinken würde.

Bei Winstons Vater handelt es sich um den 52jährigen Paul Marshall, Gründer des Hedgefonds Marshall Wace – eines von Europas größten Hedgefonds mit einem Anlagermögen von rund 6 Mrd. US-Dollar. Während Winston mit dem Verkauf seiner Musik Millionen verdient, soll sein Vater mit seinem Long-Short-Fonds 315 Mio. Pfund eingestrichen haben.

Leider waren weder Paul noch Winston Marshall zu einem Interview bereit. Winston ist bei weitem nicht der einzige Sohn eines führenden Finanzprofis, der sich für eine Karriere in der Kunst und gegen die Fußstapfen seines Vaters entschied.

„Ich habe einige Sommerpraktika bei Banken absolviert, aber Banking war nicht so richtig mein Ding“, erzählt Julien Planté, der 34jährige Sohn zweier Bankangestellten und Programmier-Chef des französischen Kinoportals Cinemoi. „Ich fühlte mich ein wenig verloren. Ich bin immer ein guter Student gewesen und ich bin nur zu einer Business School gegangen, weil ich nicht so richtig wusste, was ich machen wollte. Von dort aus bin ich ins Kinogeschäft gewechselt.“

Auch der indische Performance-Künstler Nikhil Chopra stammt aus einer Familie von Bankern, ähnlich wie Karen Finley, die als Künstlerin in Los Angeles wirkt. Es gibt eine Vielzahl von historischen Beispielen, dass Kinder von Bankern künstlerische Größe erlangten. So war der französische Impressionist Paul Cézanne Sohn eines Bankers. Dieser war angeblich über die Entscheidung seines Sohnes wenig glücklich. Auch die Frau von John Lennon, Yoko Ono, hat einen Banker zum Vater. Und bei Paul Marshall handelt es sich auch nicht um den einzigen zeitgenössischen Finanzprofi, der einen Musiker gezeugt hat. So verfügt der US-Investmentbanker und frühere Chef von Lazards internationalem Geschäftsbereich Ken Costa über einen 28jährigen Sohn namens Charles, der als „King Charles“ derzeit als Glam Folk-Musiker durch Großbritannien tourt. Leider wollte auch Charles Costa hierzu keinen Kommentar abgeben und seinen Vater Ken konnten wir erst gar nicht erreichen.

Laut Psychologen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass hart arbeitende und unter ständigem Druck stehende Eltern – wie etwa Banker oder Hedgefondsmanager – Kinder großziehen, die gegen den familiären Lebensstil rebellieren.

„Wenn die Eltern die Kinder nach ihren eigenen hohen Standards erziehen, wie die Dinge sein sollten, dann bringen sie diese oft davon ab, ein gesundes Selbstverständnis zu entwickeln“, erläutert Peggy Drexler, Assistant Professorin für Psychologie an der Cornell University in den Vereinigten Staaten. Drexler hat eine Reihe von Büchern über moderne Familien und wie diese ihre Kinder erziehen geschrieben. „Diese Kinder werden lustlos und desinteressiert; später als Teenager steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie rebellieren.“

Laut dem Psychologen und Autoren Oliver James sei es durchaus verbreitet, dass die Kinder von Eltern, die sich sehr auf materielle Ziele konzentrierten, sich auf eher künstlerische Leistungen fokussieren. „Wenn die Eltern extrinsische Ziele mit äußeren Belohnungen verfolgt haben, und Geld und erstklassige Noten hochschätzen, dann entwickeln sich die Kinder in die entgegengesetzte Richtung und verfolgen intrinsische Ziele – oder was sie wirklich interessiert“, erläutert James.

Angeblich hat sich Winston Marshall mit Anfang 20 Rasterlocken wachsen lassen und wollte scheinbar keine konventionelle Karriere einschlagen. Dagegen wollte Charles Costa nach Medienberichten eigentlich promovieren und studierte ein Jahr lang Anthropologie, Soziologie und Archäologie an der Universität Durham. „Ich möchte mich von der Herde unterscheiden“, erzählte Costa dem Evening Standard im vergangenen Jahr. „Also ging ich zu einer Vorlesung.“

Sowohl Costa als auch Marshall besuchten die St. Pauls School, eine Privatschule im Westen Londons, wo sich die Schulgebühren pro Jahr auf 30.000 Pfund belaufen und wo 82 Prozent der Schüler einen Abschluss mit ausgezeichneten Noten bestanden haben. Die St. Pauls School antwortete nicht auf unsere Bitte zu einer Stellungnahme. Doch James sagt, dass Eltern, die ihre Kinder zu derartigen Privatschulen schicken, diese oftmals erst dazu ermutigen, eine akademische Ausbildung zurückzuweisen. „Diese Schulen sind von Noten besessen und die Eltern sind ebenfalls von Noten besessen. Die Kindern lehnen sich gegen den Druck auf.“

Ein Finanzprofi, dessen Sohn ebenfalls keine Ambitionen erkennen lässt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, hat eine etwas prosaischere Erklärung parat, wieso Kinder von Bankern selbst keine Banker werden wollen. „Die Kunst blüht auf, wenn es kaum Unsicherheit gibt. Nicht viele Leute können es sich leisten, dass ihre Kinder eine Kunstschule besuchen“, sagt er.

Allerdings bleibt unklar, ob nicht auch Paul Marshall und Ken Costa lieber Musiker als Finanzprofis geworden wären. So haben britische Forscher im vergangenen Jahr 30 Investmentbanker aus der Londoner City befragt und herausgefunden, dass weil Banken immer mehr als ein „schmutziges Geschäft“ betrachtet werden, auch die dort Berufstätigen sich immer mehr davon distanzieren. „Die meisten Banker, mit denen wir sprachen, haben sich selbst als eine Persönlichkeit präsentiert, die nichts mit einem Investmentbanker zu tun hat“, sagt Psychologie-Dozentin Kate Mackenzie Davey vom Birbeck College der University of London. „Sie würden sagen: Ich bin nicht wirklich ein Banker, ich bin vielmehr eine kreative Persönlichkeit“, ergänzt Mackenzie Davey. Daher mögen sie für ein kreativ begabtes Kind einen gewissen Stolz empfinden. „Mein Vater liebt Kino; von ihm habe ich meine Liebe für Filme“, sagt Planté. „Ich denke, er hätte es gemocht, auch in einem Kino zu arbeiten, wenn er denn gekonnt hätte.“

Kommentare (1)

Comments
  1. Wenn Journalisten nicht mal googeln können: Man schreibt RASTAlocken im Ggs. zu RASTERfahndung. Soviel Hintergrundwissen sollte doch wohl noch drin sein, oder?

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