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Das große Offshoring: Banken verlegen 80.000 IT-Jobs an billigere Standorte

Die schlesische Metropole Breslau hat einiges an Lebensqualität zu bieten.

Die schlesische Metropole Breslau hat einiges an Lebensqualität zu bieten.

Falls Sie bei Ihrer Arbeit auf ein IT-Problem stoßen, dann müssen Sie sich die Hilfe künftig von weither besorgen – und zwar von ganz weit her. Denn um die Kosten zu drücken und an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, verlagern die Banken immer mehr Jobs an billigere Standorte, was auf Neudeutsch auch als Offshoring bezeichnet wird.

Ganz vorn mit dabei sind die Branchengrößen aus Deutschland und der Schweiz. So hat die Deutsche Bank kürzlich angekündigt, 8000 Jobs an günstigere Orte zu verlegen. Und auch Credit Suisse und UBS beschleunigen die Verlagerung von IT-Jobs aus Hochlohnstandorten wie der Schweiz oder Singapur nach Osteuropa und Indien.

Daher müssen Sie künftig auch mit recht unterschiedlichen Kulturen zurechtkommen, wenn es um die Lösung von technischen Schwierigkeiten geht. In der angelsächsisch geprägten Finanzdienstleistungsbranche bleibt Indien die erste Wahl, wenn es um Offshoreprojekte geht. Doch Osteuropa gewinnt an Bedeutung und besonders Entwicklungsarbeiten werden oftmals in näher liegenden Destinationen bewältigt, was als Nearshoring bekannt ist.

Doch welche Bank verlegt wie viele Jobs? Die meisten Banken scheuen sich davor, exakte Zahlen oder die Zielstandorte bekanntzugeben. Auf der Basis offizieller Angaben und eigener Recherchen haben wir die größten Offshoring-Projekte zusammengetragen. Nach unseren Berechnungen haben allein elf große Banken aus Europa und den USA gut 82.000 IT-Jobs an Standorten angesiedelt, die abseits der großen Finanzplätzen oder ihren Heimatmärkten liegen. Diese Zahl übersteigt sogar die gesamte Belegschaft des Computer-Giganten Apple.

Bank of America Merrill Lynch:

Die Bank of America verfügt schon seit langem über einen Offshoreniederlassung in Indien, die unter dem Namen BA Continuum India Pvt Limited firmiert und die Standardgeschäftsabläufe sowie IT umfasst. Im vergangenen Jahr hat die Bank eine ganz ähnliche Niederlassung auf den Philippinen ins Leben gerufen, die BA Continuum Philippines. Die Bank wollte uns nicht mitteilen, wie viele Mitarbeiter dort beschäftigt sind, aber dürfte auf eine vierstellige Zahl an Mitarbeitern hinauslaufen.

Barclays:

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die britische Bank IT-Jobs für ihr Investmentbanking in der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufgebaut. Barclays hat sich mit Outsourcing-Dienstleister EPAM Systems in 2010 zusammengetan, um dort 500 Programmierer mit Java-, C++- und C#-Kenntnissen für die Entwicklung elektronischer Handelssysteme aufzubauen. Obgleich das Ziel bereits in 2012 erreicht wurde, scheint EPAM nach der Zahl der ausgeschriebenen Jobs weiter zu expandieren.

Darüber hinaus verfügt Barclays auch über vollständig eigene Offshorestandorte. So beschäftigt das Barclays Technology Centre India etwa 4000 Mitarbeiter, weitere 1500 in Singapur und 300 in Litauen. Ein weiteres Technologiezentrum befindet sich in Shanghai, allerdings ließ sich nicht ermitteln, wie viele Mitarbeiter die Bank in der südchinesischen Metropole beschäftigt. Auch Barclays wollte hierzu keine Stellungnahme abgeben.

Citigroup:

Die Citigroup verfolgt das „Centers of excellence model“, worunter der Aufbau von Niederlassungen an kostengünstigen Standorten zu verstehen ist, wo reichlich IT- und Backoffice-Mitarbeiter verfügbar sind. So beschäftigt die US-Bank 900 Mitarbeiter in den indischen Städten Bangalore, Mumbai, Chennai uind Gurgaon. Verglichen zu der Größe der Bank scheint es sich nur um eine kleine Zahl zu handeln. Allerdings hat die Bank bereits in 2009 die Citi Technology Services Ltd (Indien) an das Outsourcing-Unternehmen Wipro verkauft, das immerhin 1700 Beschäftigte zählt.

Darüber hinaus unterhält der Bankenriese auch noch die Citi Technology Infrastructure auf den Philippinen, welches zu dem Backoffice-Zentrum Citibank Regional Operating Headquarters (CROH) gehört und dort etwa 4200 Mitarbeiter beschäftigt. Weiter gibt es die Citigroup Software Technology and Services in China mit rund 500 Beschäftigten.

Näher an den großen Finanzzentren liegen das „Center of excellence“ im nordirischen Belfast mit 850 Beschäftigten und die drei polnischen IT-Zentren in Lodsch, Warschau und Allenstein mit insgesamt 1600 Beschäftigten. Auch Citi wollte hierzu keinen Kommentar abgeben.

Credit Suisse:

Die Credit Suisse baut IT-Jobs in der Schweiz und Singapur ab und lässt sie in Polen und Indien wiederauferstehen. Dabei besitzen die Schweizer bereits ein Netzwerk an „Centers of excellence“, die IT-, Backoffice- und unterstützenden Funktionen wahrnehmen.

Credit Suisse unterhält vier derartige Niederlassungen in Indien mit insgesamt 3500 Beschäftigten. Die größte ist Pune mit 2300 Mitarbeitern – 300 Beschäftigte arbeiten in der Arbitrage-Trading-IT und 400 quantitative und Risikoanalysten in Mumbai.

Der Nearshoring-Standort in Breslau expandiert gerade von 550 auf 800 Beschäftigte, wobei es sich zumeist um IT- und Financial Engineering-Jobs handelt. Besonders gefragt sind dabei Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen – auch ein Grund weshalb die Wahl auf das westpolnische Breslau fiel. In Raleigh in North Carolina weitere 1400 Beschäftigte in Operations und IT und das „Center of Excellence“ in Singapur zählt 5400 Mitarbeiter hauptsächlich in Backoffice-Funktionen. Laut einem Credit Suisse-Sprecher beschäftigt die Großbank weltweit in ihren „Centers of excellence“ 12.000 Mitarbeiter, was etwa 20 Prozent aller Beschäftigten sind.

Deutsche Bank:

Die Deutsche Bank beschäftigt in ihrem „Global technology development centre“ in Russland gut 6000 Mitarbeiter. Dort werden wichtige Softwarelösungen für das Investmentbanking programmiert. Electronic trading, Algorithmic Trading, Autobahn FX and die Fixed Income-Plattform, Arina, SuperX usf.  werden an den beiden Standorten in Moskau und St. Petersburg programmiert.

Darüber hinaus unterhält die Deutsche Bank auch noch Backoffice-Standorte mit 7000 Beschäftigten in Bangalore, Jaipur und Mumbai. Auch dort wird einige IT-Arbeit geleistet, aber hauptsächlich geht es um Business Process Outsourcing, Transaction Services und Operations. Von der Deutschen Bank war keine Auskunft zu erhalten.

Goldman Sachs:

Auch Goldman Sachs beschäftigt 6500 Mitarbeiter oder rund ein Fünftel aller Beschäftigten an sogenannten „High-Value-Standorten“ in Bangalore, Salt Lake City und Dallas. Laut einer Website der Investmentbank arbeiten rund 3000 Mitarbeiter in Bangalore und 1400 in Salt Lake City. „Wir konzentrieren uns weitaus mehr auf die Abläufe und die Technologie und sind ein Low-cost-Anbieter, als wir es vor 10 bis 15 Jahren gesehen haben“, sagte Goldman-Chef Lloyd Blankfein bei der Bank of America Merrill Lynch Financial Services-Konferenz im November. Auch Goldman lehnte eine Stellungnahme ab.

HSBC:

Die britische Großbank HSBC unterhält mit der „Global Software Delivery Division“ ein ganzes Netzwerk von Niederlassungen an Niedriglohn-Standorten. Sie liegen in Pune und Hyderabad in Indien; Guangzhou in China, Curitiba in Brasilien, Kuala Lumpur in Malaysia, Krakau in Polen und Burbaby Vancouver in Kanada. Insgesamt summiert sich die Mitarbeiterzahl dort auf über 10.000 Beschäftigte. Allein 800 davon arbeiten in Krakau. HSBC bestätigte die Offshorestandorte.

JP Morgan:

Für JP Morgan ist die IT sehr wichtig, denn die US-Großbank beschäftigt hier allein 30.000 Mitarbeiter. Diese sind indes auf eine lange Liste von Offshore- und Nearshoring-Standorten verteilt. So beschäftigt JP Morgan allein im englischen Bournemouth 4000 Mitarbeiter und weitere 800 Techniker im schottischen Glasgow.

In Indien ist die Bank in Mumbai, Bangalore und Hyderabad aktiv, wo insgesamt über 10.000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Weitere 2000 Leute sind in der Investmentbanking-IT in Hongkong und Singapur eingestellt. Näher daheim beschäftigt die Bank über 15.000 Leute in Columbus, im US-Bundestaat Ohio sowie 600 in ihrem North America Technology Center im texanischen Houston. Für einen Kommentar war JP Morgan nicht erreichbar.

Morgan Stanley:

Die US-Bank unterhält für ihre Aktivitäten in Nordamerika und Europa einen Business Services und Technologie-Standort in Budapest mit 800 Beschäftigten. Weitere 1000 Angestellte arbeiten in ähnlichen Funktionen in Glasgow.

In Mumbai gibt es noch die Morgan Stanley Advantage Services mit 1600 Arbeitsplätzen, die alles von Portfolioanalyse, Research und Finanzmodellierung bis hin zur IT-Entwicklung anbietet. Morgan Stanley war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Royal Bank of Scotland:

Die RBS verlagert immer mehr IT-Funktionen ins kostengünstigere Indien. Die Bank teilte uns mit, dass sie 1900 IT-Mitarbeiter in Indien beschäftigt und dort in 2012 130 neue Arbeitsplätze aufbaute. Auch in Polen unterhält die RBS eine Serviceeinheit mit 800 Beschäftigten, von denen indes lediglich 67 in der IT tätig sind.

UBS:

Die UBS ist dabei, 2000 Technologie-Jobs an kostenschonendere Destinationen zu verlegen, worunter allein 1000 aus der Schweiz stammen. Dieses Programm umfasst sowohl Offshoring als auch Outsourcing.  Schon heute unterhält die UBS eine Offshoreniederlassung in Krakau mit etwa 500 Beschäftigten. Diese arbeiten in der IT-Entwicklung,  Operations, Finance, Human Resources und Compliance. Doch damit ist die IT-Entwicklungsarbeit in Osteuropa noch lange nicht erschöpft.

So kooperiert die Bank mit dem Outsourcing-Anbieter Luxoft, der Softwareentwicklung für die Bank in Polen, der Ukraine und Russland durchführt.  Luxoft wollte nicht angeben, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen für die UBS beschäftigt. Allerdings bezifferte Luxoft seine Beschäftigtenzahl an diesen drei Standorten auf 4500 und bei der UBS handle es sich um einen größten Kunden.

Darüber hinaus unterzeichnete die UBS im vergangenen Jahr einen Vertrag mit dem Outsourcing-Unternehmen HCL Technologies im Wert von 250 Mio. bis 300 Mio. Dollar, was die Schaffung von 1000 Arbeitsplätzen bedeutet. Das Technologie-Unternehmen Cognizant hatte bereits in 2009 die UBS-Dienstleistungseinheit mit ungefähr 2000 Mitarbeitern übernommen. Auch die UBS wollte dies nicht kommentieren.

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