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AUSZUG: Was Investmentbanker Siemens-Chef Heinrich von Pierer Ende der 90er Jahre empfahlen

In dieser Phase fragten uns Investmentbanker immer wieder, wann wir die Medizintechnik endlich abstoßen würden. “An sich ist das ja kein schlechtes Gebiet. Verkaufen Sie das doch!”, schlugen die Banker vor. Ich weiß noch, wie ich gesagt habe: “Siemens ohne Medizintechnik, das kann ich mir gar nicht vorstellen.” – Da kam der Vorschlag: “Na ja, wenn ein anderer (!) den Bereich saniert hat, können Sie ihn ja vielleicht wieder kaufen.”

So tickten die Leute an den Finanzmärkten. Aber ich vertraute auf das Medizintechnik-Team, auf Erich Reinhardt und den zuständigen Zentralvorstand Horst Langer, die davon überzeugt waren, dass wir die Medizintechnik aus eigener Kraft sanieren könnten. Tatsächlich ist der Bereich später wie Phönix aus der Asche aufgestiegen, hat schon 1999 eine Umsatzrendite von 8 Prozent erreicht und ist danach zum Star im Portfolio von Siemens avanciert. Der Aufstieg hält bis heute an.

Inzwischen hat sich rund um den Siemens-Medizinstandort Erlangen ein “Medical Valley” etabliert, an dem neue Fabriken etwa für Computertomographen und Magnetresonanzgeräte gebaut wurden. Zur Einweihung kam der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, denn heutzutage hat die Eröffnung so bedeutender neuer Fabriken in Deutschland eher Seltenheitswert.

Erich Reinhardt wurde gefeiert und 2007 wegen seiner Verdienste um die Entwicklung des Unternehmensbereichs Medical Solutions der Siemens AG von einem Branchenblatt zum Manager des Jahres gekürt. Die Mitarbeiter in Erlangen haben nie vergessen, dass ihr Job zeitweilig auf der Abschussliste stand. Wir haben ihnen die Chance gegeben, sich zu beweisen, und sie haben diese Chance genutzt.

Aber in den Finanzmärkten wollte später natürlich keiner mehr etwas davon wissen, was er damals gepredigt hatte. Jahre später gab es einmal eine gut besuchte Konferenz mit Finanzanalysten. Das Treffen war gut gelaufen, unser Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger hatte viele Pluspunkte gesammelt, die Stimmung war gelöst. Da habe ich kurz vor dem Ende gesagt, ich würde gern ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu unserem Portfolio machen.

Ich erinnerte daran, dass man uns geraten hatte, die Medizintechnik zu verkaufen, heute eine Perle, außerdem Osram an die Börse zu bringen, jetzt ein stabiler Ergebnisbringer und Cash-Lieferant, ferner nicht länger in die Old-Economy-Energietechnik zu investieren, nun ein boomendes Geschäft. Und schließlich, dass wir in der New Economy und mit Investitionen in die Kommunikationstechnik unser Heil suchen sollten. “Wenn wir das so getan hätten”, fuhr ich fort, “würden wir heute hier nicht sitzen, weil es Siemens dann in dieser Form nicht mehr gäbe.”

Betretenes Schweigen. Anschließend beim Kaffee sagte eine der jungen Analystinnen, die mir durchaus freundlich gesonnen war: “Nun, einmal durften Sie das sagen, aber sagen Sie das bitte nicht noch einmal, nie wieder! Das könnte Ihnen sonst großen Ärger eintragen.”

Aber so ticken die Kapitalmärkte. Dass manche Dinge Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, wird kritisch gesehen. Der langfristige Aufbau eines Geschäftsgebietes ist darum ungleich schwieriger geworden, weil der Druck auf die börsennotierten Unternehmen heute noch sehr viel größer ist als damals. Wenn man heute ein Geschäft über längere Zeit aufbauen will, vielleicht mit einer Vorlaufzeit von mehreren Jahren, ist es fraglich, ob man nicht die Ungeduld der Finanzmärkte zu spüren bekommt.

Fünf Jahre und jedes Jahr Millionenverluste, vielleicht vorübergehend dreistellige? Danach wäre der Break-even-Point erreicht, und man hätte eine gute Marktposition? Bei einem solchen Szenario bekäme man heute von den Beratern zu hören. “Schöne Idee, dann warten Sie doch die fünf Jahre ab und kaufen die Innovation von einem anderen, wenn sie erfolgreich am Markt etabliert ist!”

Um den Druck der Kapitalmärkte standhalten zu können, sind sehr gute Argumente und schnell erste Erfolge erforderlich.

Heinrich von Pierer stand von 1992 bis 2005 an der Spitze des Siemens-Konzerns. Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus Heinrich von Pierer: Gipfel-Stürme. Die Autobiographie, erschienen bei Econ in Berlin (24,90 Euro).

Kommentare (3)

Comments
  1. Die Analystenmeinungen von Banken treffen doch eh selten zu. Ich weiß das, meine Kollegen wissen das und jeder Zeitungsleser auch – und ich arbeite selber bei einer Bank.

  2. Banker “empfehlen” nur, woran sie selbst noch schnell etwas verdienen können, Provisionen, Kommissionen, Fees, Vermittlungsgebühren etc.

    Oder wenn sie Angst um ein Engagement haben.
    Dann werden sie sogar recht rabiat.
    Und empfehlen sich, selbst……

    Vom Geschäft des Kunden haben sie in aller Regel keinen Schimmer.
    Wozu sollte ein Parasit auch wissen, wie das Blut entsteht, das er saufen will….. Er will nur immer mehr.
    Bin selbst aus diesem Metier.

  3. In der heutigen Zeit zählen Visionen absolut nichts mehr. Ausschlaggebend sind nur noch die Quartalsberichte und der voraussichtliche Gewinnwachstum….
    Und wenn die Banken noch etwas daran verdienen können, noch besser…
    Ich bin ebenfalls aus diesem Metier.

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