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EXPERTENINTERVIEW mit Reto Jauch: Wieso Schweizer häufiger ins Ausland gehen sollten

Jauch

Welcher Finanzplatz wird die Krise besser bewältigen, Zürich oder London?

Ich glaube, dass sich die beiden Standorte Zürich und London in einer unterschiedlichen Situation wiederfinden. Natürlich sind beide gleichermaßen von den Veränderungen an den Finanzmärkten per se betroffen. Beim Finanzplatz Schweiz kommen die Veränderungen im Private Banking hinzu – dem immer noch größten Geschäftsbereich in der Schweiz. Ich denke, weder London noch Zürich werden stark geschwächt aus der Krise herausgehen müssen. Denn bei beiden handelt es sich um etablierte Finanzzentren, die sich jeweils in ihren Kerngeschäftsfeldern behaupten können. Dennoch glaube ich auch, dass beide fundamentale Veränderungen und gewisse Abstriche beim Geschäftsvolumen hinnehmen müssen.

Mit ihren beiden Niederlassungen in Zürich und in London arbeiten Sie als Executive Search-Experte gewissermaßen an der Nahtstelle zwischen beiden Finanzzentren. Wie schwierig ist es, Leute aus der Schweiz nach London abzuwerben?

Es ist beides möglich. Doch es gibt mehr Bewegung von London zum  Kontinent – nicht nur in die Schweiz,  auch nach Deutschland, Norditalien und ein bisschen seltener nach Frankreich. Der Ressourcenpool ist mit Abstand der größte in London  – und zwar in allen Domänen. Durch die Finanzkrise scheint wieder ein größerer Anreiz zu bestehen, London in Richtung Kontinent zu verlassen. Denn, die Haupttreiber für Banker nach London zu ziehen: Jobangebote, Aufstiegsmöglichkeiten, höhere Einkommen / Boni, starkes Pfund sind in ihrer positiven Ausprägung stark gemindert seit Beginn der Finanzkrise.

Wenn Sie in London Talente für die Schweiz suchen, um welche Nationalitäten handelt es sich? Sind da überhaupt Schweizer dabei?

Da sind auch Schweizer dabei. Doch von der ganz großen Community in London sind nur ein ganz kleiner Teil Schweizer. Ich glaube sogar, dass der Anteil abnehmend ist, weil die Banken in den vergangenen 10 bis 15 Jahren davon abgekommen sind, Schweizer stark zu fördern und in ihre Auslandsniederlassungen nach New York oder London zu entsenden, sondern lokal rekrutieren. Von den Leuten, die in die Schweiz kommen, sind die Mehrzahl Europäer.

Sicherlich ist es für Kandidaten außerhalb von EU und EFTA schwierig, eine Arbeitserlaubnis für die Schweiz zu bekommen. Welche Rolle spielen die Sprachkenntnisse?

Die Sprachkenntnisse spielen immer noch eine Rolle – aber nicht mehr eine übergeordnete. Wir sehen, dass Deutschkenntnisse oft nicht mehr erforderlich sind. Vielmehr müssen die Kandidaten ein sehr gutes Geschäftsenglisch sprechen, wovon man ausgehen kann, wenn man in London rekrutiert. Von daher ist die Bedeutung der deutschen Sprache als Ausschlusskriterium abnehmend. Dennoch gibt es Geschäftsfelder, wo Deutsch von Vorteil ist. Ein Beispiel hierfür sind institutionelle Anleger wie die Schweizer Pensionskassen oder Versicherungsgesellschaften, die z.T. ein starkes Lokalkolorit haben.

Ist da nicht ein wenig Augenwischerei im Spiel: Offiziell wird überall Englisch gesprochen und inoffiziell wird doch gerne Deutsch, Französisch oder Italienisch gesehen?

Unsere Suchaufträge gelten entweder der höheren Führungsebene oder es handelt sich um Spezialisten. Dabei wird höchstens bei 20 Prozent Deutsch vorausgesetzt. Man bekommt die Vakanzen ansonsten auch nicht adäquat besetzt, weil der Pool an Deutschsprachigen in London – oder allenfalls noch aus dem niederländischen und skandinavischen Bereich – begrenzt ist.

Ich habe den Eindruck, dass Schweizer und Deutsche in bestimmten Bereichen wie dem Investmentbanking deutlich unterrepräsentiert sind. Wie sehen Sie das?

Ich teile diese Einschätzung; ich denke, dies hat auch historische Gründe: Bei den deutschen Banken z. B. hat man ab den 1990er Jahren immer weniger Deutsche im Investment Banking ausgebildet, und sie anschließend an die Hochburgen des Investmentbanking entsendet.  In der Schweiz gab es einen ganz ähnlichen Knick: Wenn Sie sich eine Banking-Karriere in den 80er und 90er Jahren ansehen, dann haben diese sowohl bei Bankverein, SBG und Kreditanstalt – heute UBS und Credit Suisse – den normalen Weg gemacht: Erst ein paar Jahre in Zürich, dann gingen sie für einige Zeit nach London oder New York und kehrten anschließend zurück. Diese Werdegänge gibt es einfach nicht mehr und daher sind Schweizer und Deutsche unter den Investmentbankern heute unterrepräsentiert.

In Zürich haben mir schon Banker erzählt, dass Sie es mit Sorge sehen, dass immer weniger Schweizer ins Ausland gehen. Machen hohe Gehälter und hoher Lebensstandard Auslandsaufenthalte für Schweizer uninteressant?

Diese beiden Elemente wirken verstärkend. Einerseits ist eine gewisse Trägheit zu spüren, weil die Lebensumstände in der Schweiz sehr gut sind und weil man sich in der Schweiz nicht dem großen Konkurrenzdruck des Investmentbanking aussetzt, wie er z.B. in London herrscht. Andererseits gibt es innerhalb der großen Unternehmen keine aktive Entwicklungspolitik für Schweizer Mitarbeiter mehr, wobei Universitäts-Absolventen eingestellt und später für einige Jahre ins Ausland geschickt wurden. Dennoch gibt es immer noch einzelne Schweizer, die beispielsweise seit 15 Jahren in New York leben. Aber es gibt keine Schweizer Community mehr – diese Leute sind oftmals von der Schweiz abgeschnitten und verfügen hier über kein Netzwerk mehr.

Damit sind doch Leute mit einem Karrierestart in der Schweiz in einer schwierigen Situation. Wenn UBS oder Credit Suisse Nachwuchs für ihr Investmentbanking suchen, dann werden diese Leute in London oder New York rekrutiert. Bleiben da nicht Schweizer außen vor?

Das erkennt man auch, wenn man sich die Nachfolgethematik in der Geschäftsleitung der Schweizer Großbanken in den zurückliegenden Jahren anschaut. Für solche Posten gibt es nur wenige Schweizer, die hierfür in Frage kommen. Denn um eine Großbank führen zu können, sind Kenntnisse im Investmentbanking erforderlich, einfach um zu wissen, was man da alles an Bord hat.

Doch bei der Wahl Sergio Ermottis zum UBS-Chef war sicherlich ausschlaggebend, dass es sich um einen Schweizer Kandidaten handelt.

Das Wort „ausschlaggebend“ würde ich nicht verwenden – aber es war hilfreich, denn er versteht auch die kulturelle Komponente. Sergio Ermotti ist einer der wenigen Schweizer, die ihre Werdegänge im Investmentbanking bei einem angelsächsischen Unternehmen erfolgreich bestritten haben. Und man muss auch sagen: Er war in der Schweiz gar nicht mehr bekannt und stand zunächst auch gar nicht mehr auf den Listen von potenziellen Kandidaten für Spitzenpositionen.

Mal ganz abgesehen von den Spitzenkräften. Was würden Sie jungen Schweizern raten, die ins Banking einsteigen wollen oder vielleicht auch schon ein paar Jahre dabei sind? Wie sollten sie ihre Karriere aufbauen?

Ich weiß nicht, ob man eine allgemeingültige Empfehlung geben kann. Dennoch glaube ich, dass es wertvoll ist, wenn  man eine Karriere in verschiedenen Umfeldern aufbaut und ins Ausland geht. Damit trägt man sicherlich zunächst ein größeres Risiko. Es werden im Banking immer häufiger Kandidaten vor Ort rekrutiert, also in London oder New York selbst. Daher sind die Banker bei der Karriereentwicklung heute stärker auf sich gestellt.  Man muss sich selbst bemühen, nach London oder New York zu gehen, um dort Auslandserfahrung zu sammeln. Aber ich glaube, dies ist von Vorteil.

Wie fallen die Vergütungsniveaus in London und der Schweiz aus? Wo wird mehr gezahlt?

Generell wird in London immer noch ein bisschen mehr gezahlt. Aber die Einkommensschere zwischen London und der Schweiz ist massiv kleiner geworden. Das liegt an der relativen Abwertung des Pfunds zum Schweizer Franken und an den fallenden Boni. Damit ist es für Schweizer Unternehmen leichter geworden, sehr gute Talente aus London in die Schweiz zu locken.

Worin bestehen aus Arbeitnehmersicht die Vorteile der Schweiz gegenüber London?

Grundsätzlich müssen die Kandidaten eine gewisse Flexibilität und Neugierde mitbringen. Vielleicht haben sie bereits an einem anderen Standort als nur in London gearbeitet. Die Familienumstände müssen stimmen. Oftmals ist es interessanter, Kinder in der Schweiz als in London großzuziehen.  Auch die Lebensqualität spielt eine Rolle. Allerdings muss man in Zürich ähnlich lang und hart arbeiten wie in London, um erfolgreich zu sein. Der Nachteil an der Schweiz:  Man verliert ein wenig den Kontakt in das professionelle Umfeld, da die relevanten Cluster in London meist größer als in der Schweiz sind.

Reto Jauch ist Gründungs-Partner von Jauch Associates mit Niederlassungen in Zürich und London.

Kommentare (2)

Comments
  1. Das Problem hier in der Schweiz wird immer grösser und solange nichts an diesem System geändert wird, gibt es kaum eine positive Zukunft für den Finanzplatz Schweiz. Die stellen nur noch Leute aus dem Ausland an, USA, Deutschland, England, usw. Erfahrene Banker in der Schweiz haben kaum mehr eine positive Zukunft. Vor allem ab dem Alter 45 wird man kaum mehr eingestellt. Die wollen nur noch Junge Uni-Absolventen die auch Jahre Erfahrung mitbringen sollen. Wie das funktionieren soll, muss mir mal ein Experte erklären. Klar sind wir auf uns gestellt, aber das gegenwärtige System können wir nicht ändern. Short time figures ist das Einzige an die die dummen Oberen nur noch denken. Da mit der sub-prime crisis, mit den Steuern (USA, Deutschland, Frankreich, usw.) ist genau das Problem, dass viele Leute oben sitzen, die keine Ahnung mehr vom Business haben. Vor allem werden Mitarbeiter nicht mehr gestützt und gehalten. Sie sind nur noch Arbeiter und das ist ein riesiges Management Problem. Solange dies nicht geändert wird, wird es kaum eine positive Zukunft geben. Oder habe ich unrecht? Dann erklärt mir dies bitte! Ich kann Euch eines versichern: Wenn der Arbeiter wieder zum Mitarbeiter wird und ein Teil der Firma ist, können die Firmen sehr viel Kosten sparen (30 – 40%) da die MA besser arbeiten und man muss weniger zusätzliche Leute einstellen und es werden weniger Fehler gemacht die ans Geld gehen. Aber, stellen sie doch Deutsche, Amerikaner und Andere an, die bringen denen dann die Daten Discs und Information. Wie man ja weiss, werden die ja von diesen Staaten hoch belohnt. Wer will da noch Nein sagen? Was es braucht ist Interlligenz die aber leider immer kleiner wird!

  2. Das hat mit der Angloamerikanisierung unseres Banksystems in den 90er Jahren angefangen. Ändern wird sich da kaum etwas. Denn praktisch die gesamte Führungsriege in den Grossbanken besteht nur noch aus Investment Bankern – selbst im Wealth Management. Schade, dass auch Generalisten, die auch wagen, neues anzupacken ohne den Gesamtüberblick zu verlieren, nicht mehr gefragt sind. Das System baut nur noch auf Spezialistentum und kurzfristige Orientierung, Dabei würde ich behaupten, gerade im Investment Banking wäre auch oft ein anderer Blickwinkel bzw. auch Erfahrungen in anderen Bereichen sehr wertvoll. Denn das Investment Banking selber ist keine grosse Hexerei (ausser die Entwicklung von komplexen Strukis durch Finanzmathematiker, welche auch die meisten Kunden nicht verstehen).
    Schlechter als die englischen und amerikanischen Kollegen sind die CH-Mitarbeiter kaum, nur verkauft sich ein CH-Bewerber fast immer schlechter. Und leider wird in der Management Etage sehr oft alles vergöttert, was jenseits des grossen Tümpels ertüftelt und zu uns gebracht wird. Und da diese Kultur des ‘the winner takes it all’ sich durchgesetzt hat, wird sich so schnell nichts ändern.

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