☰ Menu eFinancialCareers

GASTKOMMENTAR: Wie Sie mit Erfolg rausfliegen

Andreas Nentwich war als Manager in Marketing, Vertrieb und Personalwesen tätig, bevor er rausgeflogen ist.

Andreas Nentwich war als Manager in Marketing, Vertrieb und Personalwesen tätig, bevor er rausgeflogen ist.

Ein Rauswurf erhöht Ihre Optionen. Sie sind der Erfüllung Ihres Berufswunsches näher als je zuvor. Viele meiner Gesprächspartner haben eingeräumt, praktisch zu Ihrem Glück gezwungen worden zu sein. Man hat ihnen die Möglichkeit gegeben, sich beruflich neu zu orientieren. Eine Chance, die sie aus eigenem Antrieb nie genutzt hätten. Nur Rausflieger können sich FÜR etwas entscheiden, ohne etwas anderes dafür aufgeben zu müssen. In diesem nicht unwesentlichen Punkt sind Sie bei der Jobsuche Ihren Konkurrenten voraus. Während diese – gestresst  vom Arbeitsalltag – eher halbherzig darüber nachdenken, ob sie eine in Aussicht gestellte Neuorientierung wirklich in Angriff nehmen oder diese doch lieber nur ihrem Boss als Druckmittel für eine Gehaltserhöhung einsetzen sollen, können Sie sich mit vollem Elan darauf konzentrieren, einen neuen interessanten Job zu finden, der Ihnen künftig Freude und Erfüllung verspricht.

Auf die Frage nach der Beurteilung der persönlichen Lebenssituation nach Abschluss der Neuorientierung erhielt ich in meinen Erhebungen und Interviews eine unmissverständliche Antwort: „Ich bin heute glücklicher als vor meinem Rauswurf.“

Dies ist insofern bemerkenswert, als die Statistik rausgeflogenen Wiedereinsteigern keine messbare Verbesserung bei Verdienst oder Hierarchieebene zugesteht. Die Gruppe derer, die sich in punkto Gehalt oder Position verbesserten, ist zahlenmäßig nicht größer als jene, die Einbußen hinnehmen musste. Woher kommt also dieses subjektive Glücksgefühl?

Ein Interviewpartner meinte: „Wer weiß, vielleicht bin ich ja nur ein Weltmeister im Selbstbetrug? Oder ich habe wirklich alles Glück dieser Welt.

Die Erklärung für das mehrheitlich selbstdiagnostizierte Glück ist ebenso einfach wie vielschichtig: Mit einer gründlichen Neuorientierung im oft fortgeschrittenen Alter ändert sich auch die Grundeinstellung zum Job. Und diese lautet: „Geld ist nicht alles“. Rausflieger denken offensichtlich mehrdimensionaler als Karrieretypen auf Ununterbrochenem Erfolgstrip. In vielen Gesprächen wurden Ausgeglichenheit, die viel zitierte aber selten gelebte Work-Life-Balance, Erfüllung und Sinn der Tätigkeit selbst hervorgehoben. Auffallend ist, dass die negativen Erfahrungen aus einem Beschäftigungsverhältnis Betroffene verstärkt den Weg in die Selbständigkeit beschreiten lassen. Für viele ein Traum, den sie schon lange geträumt hatten, aber aus offenbar falsch verstandenem Sicherheitsstreben nie ins Auge fassten.

Ein Betroffener meinte ungläubig: „Jahrelang habe ich mich gescheut, meine eigene Firma zu gründen und meine aufkeimenden Arbeitsfrust mit dem Märchen von der Jobsicherheit betäubt. Mein damaliger Chef hat dafür gesorgt, dass ich heute eine Illusion weniger, aber dafür mehr Verantwortung habe. Es ist definitiv besser, seinen Traum zu leben, als sein Leben zu verträumen.“

Ein anderer lachte: „Als gutbezahlter Manager habe ich es nie verstanden, wenn mir Unternehmer erklärten, sie würden mehr arbeiten und weniger verdienen als ich, aber um nichts in der Welt mit mir tauschen wollen. Jetzt sind das meine Worte.“

Falls bei den Aufsteigern und unentwegten Leistungsträgern unter Ihnen der Eindruck entsteht, dass Rausflieger hier Ausreden für eine gescheiterte Karriere präsentieren und ihr berufliches Unglück mit persönlichem Wohlbefinden schönreden, muss ich Ihr Urteil korrigieren. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Beide hier zitierten Auskunftspersonen verdienen als Unternehmer heute bereits wesentlich mehr als mit ihrer unselbständigen Erwerbstätigkeit. Mit der Freude an der Aufgabe kam der Erfolg praktisch von allein. Diese Erkenntnis gewinnt man offensichtlich erst, wenn man aus dem vermeintlichen Berufskorsett in die Freiheit entlassen wird, gedanklich wie in der Umsetzung.

Rausflieger haben die eine Erfahrung mehr

Aus Schaden wird man bekanntlich klug. Ein kapitaler Rauswurf in all seinen Facetten ist für die weitere Karriere hilfreicher als jedes Managementtraining in Personalführung. Die Reflexion von Rausfliegern geht weit über das Einzelerlebnis hinaus. Wer seine Kündigung zum Anlass nimmt, sich intensiv mit seinen Fähigkeiten, seiner Persönlichkeit und seinem Umgang mit anderen Menschen zu beschäftigen, wer dadurch seine Stärken und Schwächen als Führungskraft in allen Nuancen besser kennenlernt, weiß auch, was ihn erfolgreich macht. Den Vorsatz von Führungskräften „Wir machen Fehler, aber jeden nur einmal“ beherzigen Rausflieger in der Regel stärker als erfolgsverwöhnte Glücksritter. Experten erkennen bei Rausfliegern eine hohe soziale Verantwortung und eine höhere Kompetenz im Umgang mit Personalproblemen, in letzter Konsequenz auch bei Trennungsprozessen. Rausflieger haben ihre rosarote Brille abgelegt und sie gegen ein Zielfernrohr getauscht. Sie sind am Punkt, wenn es darum geht, Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden.

Ein Betroffener meinte: „Seit ich gefeuert wurde, habe ich einen komplett anderen Zugang zur Mitarbeiterführung. Ich bemühe mich um das eine Quäntchen mehr, bevor ich jemanden fallen lasse. Meine neuen Kollegen schüttelten ob meiner Geduld anfangs verständnislos den Kopf, solange bis die Ergebnisse sicht- und messbar waren: überdurchschnittliche Zielerreichung, niedrigere Fluktuation und ein tolles Ergebnis bei der letzten Mitarbeiterbefragung.“

Ein anderer: „Es ist, als ob meine Sensoren jetzt empfindlicher eingestellt sind, ich registriere Stimmungen und Bedürfnisse in meinem Team früher und ernte erstaunliche Offenheit und positives Feedback.“

Ein Rausflieger bringt einen weiteren Aspekt ein: „Bei Personalentscheidungen bin ich grundsätzlich vorsichtiger geworden. Ich kämpfe nicht um Ressourcen, die ich langfristig nicht behalten kann. Und ich widme der Selektion von Neuzugängen – gemeinsam mit meinem Team – mehr Aufmerksamkeit.“

Ein Interviewpartner meinte schließlich: „Ich habe in meiner neuen Firma meinen Rauswurf explizit angesprochen und ihn zum Anlass genommen, von Anfang an Transparenz und Offenheit, Respekt und gegenseitige Wertschätzung als Basis für den Umgang miteinander in meiner Abteilung zu verankern. Bereits die spontane Reaktion war äußerst positiv, die Stimmung im Team ist es bis heute.“

Rausflieger sind keine Bittsteller

Was uns nicht umbringt, macht uns erfahrungsgemäß härter. Ich habe viele Rausflieger getroffen, die angaben, sich danach ihren Arbeitgeber selbst kritisch ausgesucht zu haben, nicht umgekehrt. Rausflieger begegnen ihren Gesprächspartnern auf Augenhöhe. Was auf den ersten Blick wie übersteigertes Selbstbewusstsein zur falschen Zeit aussieht und realitätsfern klingt, lässt sich bei näherer Betrachtung durchaus nachvollziehen. Mit ihrem persönlichen Erlebnis haben Rausflieger eine skeptischere Grundhaltung zu Unternehmen eingenommen. Sie prüfen ihre potenziellen Arbeitgeber gründlicher und stellen in den Bewerbungsgesprächen daher Fragen zur Unternehmenskultur und Personalpolitik so punktgenau, dass ihr Gegenüber manchmal etwas daneben steht. Vor allem Junior-Manager in der Personalberatung geraten ziemlich ins Trudeln, wenn es darum geht, derartige Fragen kompetent zu beantworten. Auch so mancher potenzielle Dienstgeber ist über die Absage seines Wunschkandidaten beleidigt und verstört, wenn dies mit konkreten, die Unternehmenskultur betreffenden Argumenten begründet wird. Es sind die Rausflieger, die das Ego der machtgewohnten Personalleiter in Verlegenheit bringen.

Ein HR-Manager meinte im Gespräch: „Ich erinnere mich an meine Verblüffung, als mir ein Kandidat, dem wir nach einem dreitägigen Selektionsverfahren einen Job anboten, erklärte, die in den Gesprächen mit Mitarbeitern gewonnenen Eindrücke über die Unternehmensphilosophie deckten sich nicht hundertprozentig mit seinem persönlichen Wertesystem. Der Mann hatte seinen Job in einer Restrukturierung verloren und war seit vier Monaten arbeitslos. In einem längeren klärenden Gespräch machte er mich auf einige Umstände aufmerksam, an denen wir dann wirklich arbeiteten. Wir blieben noch in Kontakt. Er suchte weitere drei Monate, um dann einen Job in einem Unternehmen zu finden, das in der wohlbekannten „Great Place to Work“-Liste einen ungleich besseren Platz einnahm. Das nenne ich Prinzipientreue.“

Einem bereits sechs Monate beschäftigungslosen Rausflieger aus meinem engeren Bekanntenkreis, dem ich einen „Freundschaftsdienst“ erweisen wollte, indem ich ihm eine vakante Stelle in meiner Organisation anbot, lehnte dankend ab. Die Position wäre deutlich unter seiner bisherigen Vorstandsfunktion angesiedelt gewesen. Er war überzeugt: „Ich werde mich sicher nicht unter meinem Wert verkaufen. Ich will in meine Zukunft investieren. Investitionen benötigen Geduld und Gelassenheit. Den richtige Zeitpunkt abzuwarten ist hier wesentlich wichtiger als bei kurzfristigen Entscheidungen.“

Er ist übrigens bereits seit einiger Zeit alleinverantwortlicher Geschäftsführer in einem renommierten Unternehmen. Ein ganzes Jahr auf diesen Traumjob zu warten, war die beste Investition seiner gesamten beruflichen Laufbahn.

Rausflieger haben die Pole Position

Wenn es darum geht, einen neuen Job anzutreten, stehen Sie ganz vorne in der Warteschlange. Während Karrieristen in einem aufrechten Dienstverhältnis an Kündigungszeiten gebunden sind und sich für ein attraktives Joboffert erst vom alten Arbeitgeber loseisen müssen, können Sie gleich morgen loslegen. In einer Wirtschaft, wo es auf Schnelligkeit ankommt, ist dies ein klarer Startvorteil. Die Zeiten, in denen Bewerber ohne bestehendes Arbeitsverhältnis schlechter eingestuft wurden als noch beschäftigte Bewerber, sind längst vorbei, wie renommierte Personalberater bestätigen. Wenn Sie über die nötigen Qualifikationen und Erfahrungen verfügen, wenn Ihr Persönlichkeitsprofil stimmt, dann ist die Frage, ob Sie gerade „zwischen zwei Jobs“ stehen genauso irrelevant wie die Schulnoten aus der Abschlussklasse. Und wenn jemand Vergleiche anstellt, dann sind Sie eher im Vorteil.

Ein Personalleiter etwas nachdenklich: „Wir haben ausschließlich gute Erfahrungen mit Rausfliegern gemacht, was Einsatzbereitschaft und Loyalität betrifft. Als Personalverantwortliche sollten wir uns grundsätzlich fragen, wie sehr wir jene Leute wirklich brauchen, die wir mittels Headhuntern aus ihrer derzeitigen Position locken. Was aus deren Sicht karrieretechnisch opportun sein mag, nämlich den Wechsel als nächsten Schritt auf der Erfolgsleiter zu nutzen, ist für unser Unternehmen zumindest überlegenswert. Wollen wir „Laufkunden“, die sich als karrieretechnische Schnäppchenjäger entpuppen, oder setzen wir auf „Stammkunden“, die wir mit unserem Wertesystem ansprechen?“

So gesehen verfügt die steigende Zahl der Rausflieger über ein Qualitätsmerkmal der besonderen Art. Die beiderseits angestrebte Langfristbeziehung ist eine perfekte Basis für Zusammenarbeit.

Der Beitrag stammt aus dem Buch von Andreas Nentwich: „Rausfliegen mit Erfolg. Wie Sie die Bedrohung Jobverlust managen“, das für 24,90 Euro bei Linde International erhältlich ist.

Kommentare (0)

Comments

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier