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GASTKOMMENTAR: Die Graduierten-Hetze und wie damit umzugehen ist

Die folgende Geschichte ist genauso, wie ich sie darstelle, einem Guten Freund von mir in 1993 widerfahren, als die Wirtschaft noch schwächelte:

‘John’ freute sich riesig darüber, sich eine Stelle bei Andersen Consulting erhalten zu haben. Er und zwanzig andere frisch eingestellte Briten wurde umgehend in die USA geflogen, um dort zusammen mit den Neueingestellen von den Andersen-Niederlassungen weltweit ausgebildet zu werden. Insgesamt trafen gut 200 hungrige, dankbare ‘Gewinner’ im Ausbildungszentrum in St. Charles in der Nähe von Chicago ein. Alle waren zuversichtlich auf dem besten Weg zu einer großen Karriere zu sein.

Nach dem Beginn des ersten Seminars angelte sich einer der leitenden Mitarbeiter das Mikrophon und kündigte an, dass leider – aufgrund von erforderlichen Kürzungen – 30 Leute sofort wieder nachhause fliegen müssten. Die erschreckten Absolventen verfolgten die Ausführungen mit wachsendem Schrecken, als der Managing Director erklärte, dass dazu ein Test mit 20 Fragen geschrieben werde und diejenigen mit der geringsten Punktzahl ihre Arbeit verlieren würden.

John und seine 200 Wettbewerber widmeten sich den Prüfungsunterlagen mit zitternden Händen. Während des Tests wurden mehrere Teilnehmer gewaltsam aus dem Raum verwiesen, da sie angeblich gemogelt hätten. Nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, wusste John, dass er bei der Beantwortung der Fragen völlig versagt hatte und unvermeidlich mit eingekniffenem Schwanz nach London zurückkehren müsse. Als die Klausuren eingesammelt wurden, wurde die Stimmung in dem Raum nahezu unerträglich. Nach einer nervenaufreibenden Kaffeepause kehrten die Teilnehmer in das Auditorium zurück, um zu hören, wer in Schande nachhause fliegen musste.

Was John indes nicht wusste, war, dass auch alle seine Leidensgenossen davon überzeugt waren, auch zu ihren Familien in völliger Schande zurückkehren zu müssen. Denn die Fragen wurden sorgfältig so konzipiert, nicht korrekt beantwortet werden zu können. Darüber hinaus handelte es sich bei den angeblichen Schummlern tatsächlich um echte Mitarbeiter, die ihnen übel mitspielten.

Der Managing Director stand auf legte nach einer angemessen langen Pause ein breites Lächeln auf und verkündete, dass es sich bei dem ganzen Test lediglich um einen Scherz gehandelt habe. Darauf lachte er und rief: “Willkommen bei Andersen Consulting!”

Aus dieser Geschichte können wird lernen, dass jeder Absolvent, der bei einem Unternehmen anfängt, als Frischfleisch betrachtet wird, dessen Naivität ihn besonders verletzlich für üble Büroscherze von altgedienten Mitarbeitern macht, die sich gerne kollektiv amüsieren und damit subtil ihrer Vormachtstellung demonstrieren.

Dies trifft auf nichts eher zu als auf einen testosterongefüllten Handelssaal einer Investmentbank – insbesondere wenn ein Neuzugang dumm genug ist, sich aufzuspielen und daher ein wenig zurechtgestutzt werden muss.

Doch der Andersen-Scherz war zugegebener Weise außerordentlich ausgefeilt und bösartig. Die meisten Späßchen, deren Zeuge ich während meiner zwölfjährigen City-Karriere war, waren nicht viel ausgeklügelter als jemanden heimlich einen Zettel mit “Nobody” auf den Rücken zu heften, den Telefonhörer mit Vaseline einzuschmieren oder von seinem Computer eine scheinbare Geschäftsemail an den Vorgesetzten zu schicken, die mit dem Worten “Ich liebe Dich” endete.

Für die Graduierten-Hetze gibt es drei Grundregeln. Die erste besteht darin, stets auf der Hut zu sein und besonders vorsichtig zu sein bei einer außergewöhnlichen Großzügigkeit des Büroclowns. Zweitens behalten Sie das Passwort für Ihren Computer als achtsam gehütetes Geheimnis und melden Sie sich immer ab – auch bei nur kurzer Abwesenheit. Drittens, verfallen Sie immer in brüllendes Gelächter, falls Sie erfolgreich übertölpelt worden sind, denn dies zeigt, dass Sie sich nicht unterkriegen lassen. Eine aggressive Reaktion oder es dem Vorgesetzten zu flunkern, weist Ihnen lediglich die naturgegebene Opferrolle zu oder erweist Sie als Loser.

Bei einigen Unternehmen in der Londoner City sind derbe Büroscherze nicht nur unvermeidlich, sondern geradezu ein Initiationsritus. Wie sie darauf reagieren, kann sehr negativen Einfluss auf Ihr Ansehen und damit auch auf Ihre Karriere haben.

Stolpern Sie nicht über die erste Hürde – oder Ihr Portemonnaie wird es irgendwann einmal bedauern!

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