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Goldman Sachs: Eine bankenzoologische Untersuchung des Vampirkraken

In einem berühmten Blog für das Rolling Stone-Magazine hat Matt Taibbi die Investmentbank Goldman Sachs als “Vampirkrake bezeichnet, der sich über das Angesicht der Menschheit gelegt hat.”

Seit den jüngsten Ereignissen bei dem Marktführer im Investmentbanking ist dieser Vergleich wieder in aller Munde. So heißt es beispielsweise “Vampirkrake reloaded” im Handelsblatt, “dem Vampirkrake werden Handschellen angelegt” im Wall Street Journal oder das “Zerquetschen des Goldman-Vampirkraken” im Guardian. Und wer gar auf die Idee kommen sollte, “Vampirkrake” in die Google-Bildersuche einzugeben, wird dort neben Fotos von einschlägigen Meeresbewohnern auch das Konterfei von Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein entdecken.

Dabei stellt sich die zoologische freilich nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob der Vergleich des US-Bloggers Matt Taibbi tatsächlich zutrifft? Diesem bankenzoologischen Projekt wollen wir hier kurz nachgehen.

Vampyroteuthis infernalis

Der Vampirtintenfisch wurde von einer deutschen Tiefsee-Expedition in 1898/99 entdeckt. Das possierliche Tierchen misst 10 bis 13 Zentimeter und verfügt zwischen seinen acht Fangarmen über Häute, die wie der Umhang eines Vampirs aussehen und bei der Jagd nach Beutetieren ungemein hilfreich sind. Daher gaben die Forscher dem Tiefseebewohner den lateinischen Namen “Vampyroteuthis infernalis”, was etwa “höllischer Vampirkrake” heißt.

Die Ähnlichkeiten sind in der Tat verblüffen, falls die Vorwürfe der US-Aufsichtsbehörde SEC gegenüber Goldman Sachs zutreffen sollten. Demnach hat die Investmentbank gemeinsam mit einem Hedgefonds ein strukturiertes Kreditderivat (CDO) kreiert, darin eine hübsche Kollektion toxischer Wertpapiere gebündelt und anschließend das ganze an Kunden verscherbelt. Schließlich hat der Hedgefonds auf den absehbaren Wertverlust dieses CDO gewettet – mit Folgen für alle Beteiligten: Die Investoren verloren Geld, das sich umgehend in der Tasche des Hedgefonds wiederfand.

Dieses Vorgehen hätte tatsächlich etwas von einem Vampir an sich, der sich auf seine Beute stürzt und sie genüsslich ausschlürft, wobei allerdings Goldman mehr an dem Geld als an dem Blut der Opfer interessiert sein dürfte. Da ein solcher Vorgang auch nahezu zwangsläufig zu Verlusten bei den Kunden führen musste, könnte es sich um Betrug handeln. Da dies wahrhaft höllisch wäre, könnte die Investmentbank auch als Vampyotheuthis infernalis New Yorkensis bezeichnet werden könnte.

Tiefseebewohner

Der Vampirkrake tummelt sich in einer Meerestiefe von 600 bis 1000 Metern. Da die Sonnenstrahlen nur bis maximal 200 Meter Tiefe vordringen, ist dort keine Photosynthese und somit auch kein pflanzliches Leben möglich. Nahrung und Sauerstoff sind äußerst rar, so dass dort zahlenmäßig nur wenige Tiere heimisch sind.

Auch Goldman Sachs ist ein überaus seltenes Exemplar. Das Wall Street-Haus ist im Bereich Investmentbanking einsamer Marktführer und überstand die Finanzkrise weitgehend unbeschadet. Doch an dieser Stelle zeigen sich auch substanzielle Unterschiede: Während der Vampirkrake in der Tiefsee heimisch ist, befindet sich Goldman Sachs in schwindelerregender Höhe an der Wall Street, wovon üblicherweise auf die niederen – zweibeinigen – Tierarten herabgeblickt wird.

Sonderbare Mitbewohner

Neben dem Vampirkraken finden sich in der Tiefsee auch noch viele andere seltene und überaus erstaunliche Tierarten. So beispielsweise Riesentintenfische oder Laternenfische, die ihre Beute in der dunklen Tiefe mit einer kleinen leuchtenden “Laterne” direkt in ihr Maul lotsen.

Auch rund um Goldman Sachs finden sich höchst scheue Zeitgenossen. Einer davon ist der junge französische Investmentbanker Fabrice Tourre. Der 31jährige ist der einzige Mitarbeiter von Goldman Sachs, der in der SEC-Klage namentlich genannt wird.

Tourre hat den umstrittenen Deal miteingefädelt und in einer Email Anfang 2007 folgende Sonderbarkeiten geschrieben: “Im System hat es immer mehr Hebeleffekte. Das ganze Gebilde wird in nächster Zeit zusammenbrechen. Der einzige potenzielle Überlebende wird der fabelhafte Fab sei, der in der Mitte all dieser komplexen, stark gehebelten exotischen Produkte steht, die er selber geschaffen hat, wenn er auch nicht notwendigerweise alle Folgen dieser Monströsitäten versteht!”

Der “fabelhafte Fab” macht sich indes wie die meisten Tiefseebewohner rar. Von ihm kursiert lediglich ein überaus schlechtes Bild und für eine persönliche Stellungnahme konnte Fab erst recht nicht erreicht werden. Somit sind die Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen: Die Tiefsee ist ebenso unerforscht wie die Geschäftspolitik von Goldman Sachs.

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