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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten (V): Zumindest beim Saufen war ich besser als beim Fußball

Mit ein paar Stunden im Fitnessstudio habe ich die letzte Gelegenheit genutzt, um für das Fußballspiel in der Bank in Form zu kommen, so dass ich mit Schmerzen und Selbstmitleid am Montag ins Büro gehumpelt bin. Dieses Selbstmitleid wurde sogleich durch ein undeutliches Gefühl von Ärger ersetzt, als ich herausfand, dass der Trainee in meinem Bereich aus persönlichen Gründen für den Rest der Woche nicht im Büro erscheinen würde.

Ich war versucht, nach dem Telefonhörer zu greifen und den Trainee die Meinung zu sagen oder ihm zumindest eine mit Schimpfwörtern übersäte Email zu schreiben. Allerdings musste ich erkennen, dass das vielleicht nicht der klügste Karriereschritt sein würde. Statt dessen habe ich höflich gelächelt und meinem Managing Director gesagt, dass dies kein Problem darstellen würde: Falls eine Aufgabe ansteht, solle er sie einfach an mich weiterleiten.

So verbreitete mein Computer ein regelmäßiges Piepen, bevor ich überhaupt meine Jacke ausziehen konnte. Als ich auf den Bildschirm blickte, sah ich einen Strom von Emails von meinem Managing Director mit einer Liste von verschiedenen Aufgaben und Projekten, die beendet werden mussten. Eine von diesen Aufgaben musste innerhalb von sieben Minuten fertig werden!

Es handelte sich keinesfalls um eine leichte Aufgabe; es schloss einen Ausbau und die Ausarbeitung des Wertes eines komplexen Assets ein, wofür gleich eine Vielzahl von Techniken verwendet werden mussten. Mir gelang es, die Angelegenheit innerhalb von zwölf Minuten zu erledigen – und womöglich als Strafe für meine Verspätung hat mein Managing Director mir vier weitere Aufgaben geschickt. Es schien, eine lange Woche zu werden.

Zu einem anderen Zeitpunkt in der Woche habe ich einen Eindruck von der harten Trinkkultur im Investmentbanking gewonnen, wie sie beispielsweise im Buch “Cityboy” beschrieben wird. Ich hatte erwartet, dass das ein wichtiger Bestandteil meines Praktikums sein würde. Doch bis in diese Woche gab es reichlich wenig, was mit Saufen zu tun hatte.

Dennoch ging derartiges vor sich, wie ich herausfand, als wir zu einem Club gingen und die Bank doch tatsächlich den Beschäftigen die Getränke spendierte. Wir machten sicherlich das Beste daraus. Nach meiner Zeit an der Uni ist hartes Trinken nichts fremdes für mich, doch das führte mich auf ein ganz anderes Niveau. Im Durchschnitt genehmigten sich die meisten Angestellten um die neun Halbe.

Ironischerweise stellte sich der betagteste Banker im Team als der unerfahrendste Trinker heraus. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass der Managing Director seine Brieftasche und seine Schlüssel verloren hatte, bevor er auf der Straße eingeschlafen war. Und die Sache wurde noch schlimmer: Er wollte am folgenden Tag in den Urlaub fahren und hat seinen Flug verpasst! Einigen Praktikanten ist es ganz ähnlich ergangen: Sie haben Handys oder Schlüssel verloren und haben die Straße als improvisiertes Bett genutzt.

Doch das größte Ereignis in dieser Woche war das Fußballspiel in der Bank. Ich hatte mich naiverweise dafür angemeldet, doch nicht um mein sportliches Können zur Schau zu stellen, sondern um ein paar Kontakte im Frontoffice zu knüpfen. Den einzigen Wettbewerb, den ich jemals gewonnen habe, war ein “All you can eat”-Wettkampf bei Pizza Hut.

Aufgrund einiger Absagen in letzter Minute waren wir lediglich in der Lage, elf Spieler aufzutreiben, was bedeutete, dass es keine Ersatzspieler gab und wir volle 90 Minuten auf dem Platz bleiben mussten. Ich habe mich dafür entschieden, als Stürmer zu spielen, wobei es sich um eine Form von Schadensbegrenzung handelte – ich würde vermutlich kein Tor schießen, doch immerhin würde ich nicht für ein Gegentor verantwortlich sein.

Wir gewannen 4:3, ohne dass ein einziges Tor oder eine Vorlage von mir stammte!

Eines der Dinge, die ich an meinem Praktikum bisher am wenigsten mochte, war der Mangel an Aufgaben, doch dies war in dieser Abteilung definitiv nicht der Fall. Ich bin noch nie so müde in meinem Leben gewesen, aber ich empfand auch ein starkes Gefühl der Zufriedenheit am Ende der Woche. Es war wirklich sehr interessant und ich habe eine Menge gelernt.

Doch dies war meine letzte Woche in dieser Abteilung. Mit ein wenig Trauer habe ich mich von meinen Kollegen verabschiedet, die sich nicht einmal bemühten, von ihren Bildschirmen aufzusehen. Anscheinend gibt es im Investmentbanking keine Zeit für Sentimentalität.

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