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STUDIUM: Immer mehr Abiturienten müssen Aufnahmetest bestehen

Arme Abiturienten! Die Zeiten, in denen sich deutsche Hochschulen auf die Noten der Schulen verließen, sind vorbei: 60 Prozent ihrer Studenten dürfen Unis und Fachhochschulen selbst aussuchen. Zählten früher Abi-Note und Wartezeit, sind jetzt auch an vielen staatlichen Hochschulen Tests und Auswahlverfahren angesagt.

Die Auswahl für die Hochschulen nimmt zu. In den nächsten vier Jahren wird wegen der doppelten Abiturjahrgänge, die das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium in vielen Ländern bringt, die Zahl der jährlichen Studienanfänger steigen – und damit die Zahl derer, die von den Unis auf den Prüfstand gestellt werden.

Die sozialen Fähigkeiten – neudeutsch Soft Skills genannt – spielen eine große Rolle. Praktika, Auslandserfahrung und soziales Engagement während der Schulzeit sind gefragt. Vorbild sind die USA: Dort sind Auswahlverfahren an den Unis üblich. Studienberater raten Schülern dort zu Hilfsdiensten in Obdachlosenheimen, um ihren Lebenslauf aufzupolieren.

Die Leuphana Universität in Lüneburg, eine unabhängige Stiftung öffentlichen Rechts, sortiert ihre Bewerber ihrerseits nach einem Katalog namens “studienrelevante außerschulische Leistungen”. So zählt beispielsweise ein Erfolg bei “Jugend forscht” sieben Punkte, eine bayerische Jugendmeisterschaft im Hochsprung bringt fünf Punkte. Diese Extrapunkte werden auf die Abiturnote angerechnet. So kann ein solides Abi zu einem sehr guten veredelt werden.

Aber auch Einser-Schüler müssen an den Testtagen in Lüneburg beweisen, wie es um ihre Teamfähigkeit und ihr soziales Verhalten bestellt ist. Dazu muss sich jeder, der es in die engere Auswahl geschafft hat, eine halbe Stunde lang von einer Jury vermessen lassen, ein Kurzreferat halten und eine Gruppendiskussion leiten. Im schriftlichen Test werden Auffassungsgabe, logisches Denken und Sprachgefühl unter die Lupe genommen.

Auch die private Hamburger Juristenschmiede Bucerius Law School nimmt ihre Bewerber genau unter die Lupe. Pro Jahr konkurrieren 600 Bewerber um einen von 100 Studienplätzen an der ersten privaten deutschen Jura-Hochschule.

Ohne sehr gutes Abitur und Englischkenntnisse braucht man sich erst gar nicht erst zu bewerben. Los geht der Testtag an der Alster mit dem Verfassen eines Essays zu einem von zwei vorgegebenen Themen, dafür sind 45 Minuten vorgesehen. Im folgenden Multiple-Choice-Test (21 Minuten) werden logisches Denken und Abstraktionsfähigkeit kontrolliert, ehe anhand von Diagrammen und Tabellen der Umgang mit quantitativen Relationen erfasst wird (50 Minuten).

Für viele Abiturienten ist es neu, dass es plötzlich sehr konkret um ihre eigene Person geht. In Klausuren und Prüfungen in der Schule wurde schließlich nur Fachwissen abgefragt.

Doch nach dem Abitur wird in der weiterführenden Bildungswelt nicht mehr der Wissensstand sondiert. Es geht stattdessen um das Potential. In Motivationsschreiben werden die angehenden Studenten auf den schmalen Grat zwischen Sichdarstellen und Sichaufplustern getrieben, dazu kommen Interviews, Essays, Präsentationen und Fallstudien.

Jede Uni kocht ihr eigenes Süppchen, lässt sich weitgehend selbständig eigene Aufnahmekriterien einfallen – so glaubt man das eigene Profil zu schärfen. Die Zentralvergabestelle ZVS vergibt nur noch Plätze für die Fächer Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie sowie Tier- und Zahnmedizin.

Weder auf die Abiturnote noch auf den Lebenslauf achten Sport-, Musik- und Kunsthochschulen, die seit jeher in Eignungstests die besondere Begabung ihrer Bewerber überprüfen. Geradezu berüchtigt ist etwa der Eignungstest der Sporthochschule Köln. In zwanzig Disziplinen müssen die Studienanfänger ihre physischen Fähigkeiten beweisen. Nur eine Übung darf vermasselt werden, sonst war’s das.

Die Prüfer in Köln haben die verrücktesten Geschichten zu erzählen: Kreislaufkollaps, Heulkrampf, Schimpftiraden. Im Schwimmbecken über 100 Meter und auf der Tartanbahn spielen sich regelmäßig Dramen ab. Mancher coole Typ beherrscht zwar ein Rückschlagspiel, scheitert aber an fünf Klimmzügen oder spätestens an der Gymnastik-Tanzkür.

Erst mal sich selbst überprüfen, bevor man sich den professionellen Beurteilern der Hochschulen stellt: Im Internet finden sich verschiedene kostenlose Tests, mit denen Studenten die Anforderungen eines Faches kennenlernen können. “Self-Assessment” heißt dieses Vorgehen auf Neudeutsch. Unter www.assess.rwth-aachen.de bietet die Technische Hochschule Aachen Tests für Interessierte an den Fächern Informatik, Maschinenbau und Physik an. Ein Test des Verbunds Norddeutscher Universitäten findet sich unter: www.selfassessment.uni-nordverbund.de.

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