Promovieren in Zeiten der Finanzkrise

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Die Spuren der Randale sind beseitigt. Beschmierte Wände, zersplitterte Fensterscheiben, zerstörte Überwachungskameras hinterließen vermummte Demonstranten im vergangenen Herbst, nachdem sie das "House of Finance" auf dem neuen Frankfurter Universitätscampus im noblen Westend zum "Karl-Marx-Haus" umbenannt hatten.

Das war auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, und die Ausschreitungen richteten sich vermutlich genauso gegen die Geldgeber aus der Branche wie gegen seine von der Universitätsleitung propagierte Ausnahmestellung als "Leuchtturm der Hochschule" und zweites akademisches Zentrum für den Sektor neben der privaten Frankfurt School of Finance.

"Es soll nicht mehr so einfach sein, auf Kosten der Steuerzahler zu spekulieren", sagt Jana Gieck - aber die Autonomen von damals will sie damit keinesfalls in Schutz nehmen. Schließlich ist die Vierundzwanzigjährige selbst am "House of Finance" als Doktorandin eingeschrieben. Auf das hohe Risiko und die üppigen Boni, die den Bankern im vergangenen Jahr so häufig vorgeworfen worden sind, hat sie es nicht abgesehen.

Sie steht auf der Seite der Regulierer, denen die nach den Sponsoren Deutsche Bank, Commerzbank und DZ Bank benannten Vorlesungsräume mit ihrer an Konferenzsäle erinnernden Ausstattung in dem fünfstöckigen Gebäude eben auch offenstehen. Nach dem Abitur in Bonn absolvierte sie zunächst ein duales Studium an der Fachhochschule der Bundesbank, jetzt ermöglichen ihr ein Stipendium und eine Stelle als Tutorin das Promovieren.

Zur Bafin, zum Internationalen Währungsfonds, vielleicht auch zur künftigen europäischen Bankenaufsicht würde sie nach der Promotion gerne gehen. "Ich möchte in die Branche rein, um sie zu verbessern", skizziert sie ihre Motivation.

Ähnliche Absichten hegt auch der ein Jahr ältere Slowene Tomaz Brcar, der in Ljubljana und Heidelberg Jura studiert hat und nach seinem Abschluss nun nach Deutschland zurückgekehrt ist, um am "House of Finance" seine Masterarbeit über das Insolvenz- und Restrukturierungsrecht zu schreiben. "Wir alle wissen, dass es im Bankensektor nicht mehr so viel Geld zu verdienen gibt", sagt er. Dennoch würde er gerne in Deutschland bleiben.

Aber gibt es in der Branche zurzeit überhaupt Einstiegschancen? Auf die in der Krise gesunkenen Erträge haben viele Banken mit Stellenstreichungen reagiert. Um 2.500 Arbeitsplätze ging es vor einem Jahr bei der Hypovereinsbank, um 1.500 bei der West LB, um 450 bei der Bayern LB.

Und in Frankfurt, wo rund 85.000 Menschen im Finanzgewerbe arbeiten, haben sowohl die Commerzbank als auch die Dresdner Bank ihren Sitz, deren Fusion noch deutlich mehr Stellen kosten könnte. "Im Moment geht's aber schon wieder nach oben", kontert Melanie Reitz, die Geschäftsführerin der auf Finanzdienstleister spezialisierten Personalvermittlung Bankpower, die düsteren Aussichten von damals. "Nächstes Jahr im Frühling ist wahrscheinlich alles wieder so wie früher."

Nicht ganz so überschwänglich positiv stellt sich die Situation im Finanzplatzindex dar, den Professor Jan Pieter Krahnen mit seinem Team vom "House of Finance" quartalsweise erstellt, einen Aufwärtstrend lässt aber auch diese Studie erkennen: Hat zwischen April und Juni jede vierte Bank Mitarbeiter entlassen, planen für Juli bis September nur noch 18 Prozent der Banken diesen Schritt.

Dass viele Banken auch Ausbildungsplätze gestrichen haben, wird die Lage für Berufsanfänger nach Ansicht von Melanie Reitz bald deutlich verbessern. "In zwei oder drei Jahren werden diese Institute Probleme haben, geeignete Nachwuchskräfte zu finden." Allerdings habe die Krise vor allem den Bedarf an Praktikern verstärkt: Eine klassische Banklehre werde zurzeit vielerorts als wertvoller eingeschätzt als ein Hochschulabschluss ohne Berufserfahrung.

Doch auch wer über beides verfügt, hat es zurzeit nicht unbedingt einfach. "Leider ist die Arbeitsmarktsituation so schlecht, dass man sich kein Risiko erlauben darf", begründet ein 32 Jahre alter Doktorand am "House of Finance", der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er will nach der für diesen August angesetzten Verteidigung seiner Promotionsschrift über die Finanzmarktentwicklung zurück in die Höhle des Löwen, ins Investmentbanking und schreibt jetzt Bewerbungen dafür.

Nach dem Master-Abschluss an der London School of Economics habe er 2003 ganz schnell bei Merrill Lynch anheuern können und als Analyst gutes Geld verdient, berichtet er. Dann packte ihn der wissenschaftliche Ehrgeiz noch einmal, er wechselte nach Frankfurt, dem Rat seiner Betreuerin in London folgend. "Ein Jahr lang konnte ich von meinen Ersparnissen leben", berichtet er.

"Dann musste ich lernen, eine halbe Stunde auf den Bus zu warten, statt ein Taxi zu rufen." Dass seine Wunschbranche mittlerweile in Misskredit geraten ist und auch einige seiner früheren Kollegen ihren Job verloren haben, hat seinen Glauben an ihre Zukunft nicht erschüttert. "Die Strukturen sind eigentlich optimal, und die Qualifikation der Leute ist es auch. Zumindest bei meinem alten Arbeitgeber hatte jeder eine sinnvolle Aufgabe."

Nun haben die großen Investmentbanken tatsächlich wieder Gewinne gemeldet. Für Goldman Sachs, das Vorzeigehaus an der Wall Street, scheinen die fetten Jahre nicht vorbei zu sein: In der Branche heißt es, die Beschäftigten könnten in diesem Jahr mit durchschnittlichen Gehältern und Boni von rund 450.000 Euro rechnen - kaum weniger als im Rekordjahr 2007.

Macht das Beispiel Schule, dann dürften sich in Frankfurt und an privaten Elitehochschulen wie der WHU in Vallendar die Rekrutierer bald wieder die Klinke in die Hand geben. "In diesem Jahr findet die Nagelprobe statt", beschreibt jedenfalls der dort lehrende und forschende Finanzwissenschaftler Markus Rudolf die Situation. "Bieten J.P. Morgan Chase, Goldman Sachs und die Deutsche Bank wieder sechsstellige Einstiegsgehälter an oder nicht?" Seine Prognose? "Wir werden in den kommenden 20 Jahren vermutlich eine neue Bescheidenheit sehen."

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