Aus dem Tagebuch eines Praktikanten (VI): Ich betrete den testosterongefüllten Handelssaal

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In dieser Woche stand ein weiterer Abteilungswechsel mit dem unausweichlichen Händeschütteln an, womit ich mich mit dem Team bekanntmachte. Mit der ständig wachsenden kulturellen Vielfalt im Investmentbanking wird ein ganzes Sammelsurium komplexer Doppelnamen aufgeworfen, wobei es sich um einen schmerzvollen Weckruf am Montagmorgen handelte.

Die erste Aufgabe bestand darin, sich bei dem weiblichen Trainee einzuschmeicheln, der jetzt meine nächste Kollegin war. Offensichtlich will ich während meines Praktikums etwas lernen, doch das ultimative Ziel besteht im dem Erhalt einer Absolventenstelle. Daher kann der Eindruck des Trainees von mir entscheidend für meine abschließende Beurteilung sein.

Glücklicherweise zählt sie im Unterschied zu den meisten anderen Leuten, die ich hier getroffen habe, zu den nettesten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie hat sich anscheinend ihren Weg aus dem Backoffice ins Frontoffice gebahnt - ein demütigender Weg, nach allem was ich von anderen Trainees erfahren habe. Wie dem auch sei, ich war mit der Situation sehr zufrieden und sie schien nicht übermäßig von meinen ständigen Fragen belästigt zu sein.

Es handelte sich um eine völlig andere Atmosphäre als bei meinen vorherigen Aufgaben. Als ich im Risikomanagement versucht habe, mit dem Trainee zu sprechen, hat dieser mir so höflich wie möglich gesagt: "Wahrscheinlich ist es am besten, nicht zu sprechen, es sei denn, Du fragst nach mehr Arbeit." Im Bereich Markets fanden die Gespräche - wenn überhaupt - nach 17.30 Uhr statt und selbst dann bestenfalls kurz und verstreut.

Mein neuer Bereich hörte sich wie ein lautes Börsenparkett an! Das Team war im gesamten Handelssaal für seine notorische Aggressivität verschrien und diesen Ruf lebten sie sicherlich aus. Ich war überrascht, dass irgendeines der Telefone mehr als eine Stunde aushielt in Anbetracht der Art und Weise, wie diese bei der geringsten Verärgerung auf den Tisch geknallt wurden.

Ich fühlte mich an die Schule zurückversetzt und ertappte mich dabei, wie ich mich bei dem Head Trader einzuschleimen versuchte, in dem ich mehrmals Kaffee holen ging, um seinen Bedarf zu decken.

Doch es war gar nicht so schlimm, die Kaffee-Hure zu sein, da ich hieraus einen ansehnlichen Gewinn herauszuschlagen vermochte. Denn die meisten überbezahlten Händler und Sales-Mitarbeiter haben Angst vor ihren Kollegen als geizig zu erscheinen oder sie waren zu selbstbewusst, um anschließend nach dem Wechselgeld zu fragen. Wie dem auch sei, der Kaffee und die Schokoladen-Täfelchen, die mit ihnen ankamen, schien die Stimmung in der Abteilung zu erhöhen, obgleich das Koffein nach 30 Minuten seine Wirkung einbüßte.

Als ob eine Diät aus Kaffee und Schokolade nicht ungesund genug wäre, leistete auch der Managing Director seinen Beitrag zur Arterienverkalkung, indem er komischerweise dem gesamten Team Fastfood spendierte. Natürlich war es meine Aufgabe, die Order von jedem entgegenzunehmen und zusammen mit einem anderen Praktikanten zum nächsten Kentucky Fried Chicken (KFC) zu laufen.

Zum Vergnügen des KFC-Personals endete dies mit einer Bestellung für 35 Leute. Das war eine schwere Ladung und wir benötigten 25 Minuten, um das ganze zurückzutragen, da wir jede zweite Minute anhalten mussten, um unsere Arme zu entspannen.

Am Ende der Woche war die testosterongefüllte Umgebung bis zu mir durchgesickert und ich ertappte mich dabei, wie ich beim Abendessen meine Eltern über den Tisch hinweg anschrie. Ein kleiner Klaps auf den Hinterkopf brachte mich zurück in die Realität. Ich habe definitiv von der neuen Abteilung ein Summen im Ohr, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich noch mehr von der fortwährenden Aggressivität und der ständigen Wachsamkeit abkann.

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