GASTBEITRAG: Wieso ich als Data Scientist nicht länger in den Finanzdienstleistungen arbeiten möchte

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GASTBEITRAG: Wieso ich als Data Scientist nicht länger in den Finanzdienstleistungen arbeiten möchte

Ich bin Data Scientist und habe die Finanzdienstleistungen verlassen. Dabei habe ich beinahe sechs Jahre in ihnen verbracht und während dieser Zeit habe ich bei einer Reihe angesehener Unternehmen gearbeitet. Für einen Job dort würden viele von Ihnen wohl ihren linken Arm opfern. Ich habe sowohl für Investmentbanken als auch für Asset Manager gearbeitet. Wenn Sie dort Karriere machen wollen, dann wünsche ich Ihnen viel Glück.

Ich liebe Daten und deren Analyse. Ich betrachte sie als eine objektive Sicht auf die Welt. Doch als ich in den Finanzdienstleistungen beschäftigt war, hatte ich immer den Eindruck, dass diese Objektivität untergraben werde. Mein Auftrag lautete, die Daten auf eine Weise zu präsentieren, dass die Kunden die Bankprodukte auch kaufen. Vergleichszahlen wurden aus den Datensätzen entfernt, um spezielle Benchmarks zu erreichen und es wurden Quartile ausgewählt, die die Performance aufbliesen und die Risiken reduzierten. Ich sollte den Kunden gegenüber eine Illusion aufbauen und sie in Sicherheit wiegen, um der Bank ihr Geschäft zu erleichtern. Ich empfand mich intellektuell kompromittiert.

Außerdem habe ich mich beinahe zu Tode gearbeitet. 16-Stunden-Tage waren die Regel, und der Grund dafür bestand in der antiquierten Technik. Wir verwendeten Excel-Tabellen und Microsoftprodukte, wodurch alles viel länger als erforderlich dauerte. Eigentlich arbeitet niemand mehr so. Es sieht so aus, als wollten die Banken die Quants auf diese Weise ausbremsen. Die weniger schlauen Leute an der Spitze wollen, dass die schlaueren Leute unter ihnen überarbeitet und erschöpft sind, um damit ihre Position an der Spitze der Organisationspyramide zu verteidigen. Vielleicht bin ich aber einfach nur erschöpft.

Dies bringt mich zum Thema Unternehmenspolitik. Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt und möchte es auch nicht noch einmal erleben. Die Finanzdienstleistungen sind voller Leute, die sich ihre Arbeit aneignen, sie als ihre ausgeben, um so ihren Bonus von 300.000 auf 500.000 Dollar zu befördern. Es kam mehrfach vor, dass ganze Modelle oder Produktteile, die ich entwickelt hatte, von Leuten an sich gerissen wurden, die weniger IT-Kenntnisse als ich besitzen, aber in der Hierarchie über mir standen. Das musste ich immer wieder erleben. Juniors werden systematisch von Meetings ausgeschlossen und in einer rigiden Hierarchie ganz unten gehalten.

Wer einmal in den Finanzdienstleistungen gelandet ist, kommt dort auch nicht so schnell wieder heraus. Es gibt Großbanken, ohne hier einen Namen zu nennen, die von Ihnen erwarten in ihrer unternehmenseigenen Programmiersprache zu arbeiten. Wer dann nicht aufpasst, endet rasch in einer Karrieresackgasse. Sie landen in einem abgeschotteten Silo und mit einer antiquierten IT, die weder für ein anderes Unternehmen noch für eine andere Branche irgendeine Relevanz besitzt. Seien Sie also gewarnt.

Dennoch bin ich entkommen. Heute bin ich in der Biotechnologie beschäftigt. Dabei arbeite ich nicht nur mit weit fortgeschrittener IT, sondern beginne auch noch um 9 und gehe um 17.30 nachhause. Und nach Steuern verdiene ich gar nicht einmal so viel weniger als in den Finanzdienstleistungen.

Falls Sie überlegen, einen Data Science-Job in den Finanzdienstleistungen anzunehmen, dann sollten Sie diese Zeilen lesen. Vergeuden Sie nicht Jahre ihres Lebens damit, Phantomen und schlechten Träumen nachzujagen, wie es mir widerfahren ist.

Bei Peter Banker handelt es sich um ein Pseudonym.

Falls Sie eine vertrauliche Nachricht, einen Aufreger oder einen Kommentar loswerden wollen, zögern Sie nicht! Schreiben Sie einfach an Florian Hamann. fhamann@efinancialcareers.com.

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