GASTBEITRAG: Die langen Handelstage in Europa machen überhaupt keinen Sinn

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Blick in den Frankfurter Handelssaal der Deutschen Bank (Foto: Deutsche Bank)

Gegenüber Tradern aus den USA kann ich nur meinen Hut ziehen: Denn sie leben am richtigen Ort. Wer allerdings wie ich als Trader in Europa arbeitet, den kann man nur bedauern.

Zur Zeit der Abfassung dieses Artikels lag die Marktkapitalisierung des S&P 500-Index bei fast 23 Billionen US-Dollar, während es beim STOXX 600 lediglich 13 Billionen Dollar sind. Und dennoch wird in den USA täglich nur sechseinhalb Stunden gehandelt (9.30 bis 16 Uhr), während es in Europa mehrheitlich achteinhalb Stunden sind (8 bis 16.30 Uhr).

Das scheint kaum fair zu sein. In Europa müssen wir jeden Tag zwei Stunden länger arbeiten. Dagegen erscheinen Trader in den USA später bei der Arbeit und können früher nachhause gehen.

Doch es ist nicht nur unfair, es macht auch keinen Sinn. Denn die USA stellen immer noch den Leitmarkt dar. Viele Trader und Algorithmen haben Schwierigkeiten, am späten Morgen oder frühen Nachmittag Kurse für kleine und mittelgroße Werte zu finden – manchmal sogar für große Werte. Die Volumina legen erst zu, wenn der Handel in den Vereinigten Staaten beginnt.

Wenn Europa seinen Handelstag verkürzen würde, dann würden sicherlich auch Volumen und Aktivität zulegen. Davon würden die Investoren profitieren: Die Spreads würden bei den Aktien kleiner ausfallen und es wäre einfacher, eine Position aufzubauen. Es ist völlig gleich, wie klug die Algorithmen sind oder wie viele Handelsplätze es gibt, wenn die Handelszeiten zu lang ausfallen, sinken die Volumen und steigen die Spreads.

Die Ironie dabei: Die Volumina fallen in Europa nahe dem Handelsschluss deutlich höher aus als in den Vereinigten Staaten. Dies bedeutet, dass viele von uns Tradern bis gegen Handelsschluss warten müssen, womit die langen Handelszeiten noch weniger genutzt werden.

Uns ist es schon gelungen, länderübergreifende multilaterale Handelssysteme aufzubauen, wieso können wir uns nicht auf eine Verkürzung der Handelszeiten einigen? Vielleicht können wir uns auch im Aktienhandel auf ein paar Börsenfeiertage einigen? Manche von uns mussten am 26. Dezember in den europäischen Märkten arbeiten – auch wenn Großbritannien diesen Feiertag beachtete.

Dabei geht es nicht nur darum, einen Tag frei zu bekommen: Wenn einer der Haupthandelsplätze an einem Tag geschlossen ist, dann sinken die gesamten Handelsvolumina um 50 bis 60 Prozent. Von einer solchen Maßnahme würden also die Investoren und nicht wir profitieren.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, denken sie wahrscheinlich, dass ich es nur auf kürzere Arbeitszeiten abgesehen habe. Ganz im Gegenteil: Meine Kollegen in den USA verbringen mehr Zeit im Büro als ich, aber sie verbringen diese Zeit damit für Analysen und das Erstellen von Kundenreports. Sicherlich bringen die längeren europäischen Handelstage auch Vorteile mit sich. Wir können uns eine einstündige Mittags- sowie Kaffeepausen gönnen, weil sowieso nichts läuft. Doch dies kann kaum der Grund dafür sein, dass wir die Märkte länger als nötig offenhalten.

Robert Jones ist ein Pseudonym.

 

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