Erst war ich Associate bei Lehman Brothers, dann musste ich meine Hemden selbst waschen

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Wenige Monate habe ich meinen Traum gelebt. Nachdem ich meinen MBA erworben habe, begann ich als Associate bei Lehman Brothers in London. Ich war Single und lebte in einer schicken Wohnung, wo es sogar Leute gab, die meine Hemden gewaschen und gebügelt haben – leider habe ich einen Mietvertrag für ein ganzes Jahr unterschrieben. Doch nichts sprach dafür, dass mein Traum sobald platzen sollte…

Im Investment Banking gibt es ein Sprichwort: „Ein Optimist ist ein Banker, der am Sonntagabend fünf Hemden bügelt.“ Der Witz ist schon ein wenig abgedroschen, aber in meinem Fall sollte er sich leider bewahrheiten. Den Lebensstil, den ich mit meinem 90.000 Dollar teuren MBA und einem erfolgreichen Sommerpraktikum für sicher hielt, endete abrupt. In Finance gibt es keine Arbeitsplatzsicherheit.

Bis zu dem Zeitpunkt als Lehman alle ihre Associates in ihrem ersten Jahr feuerte – wir gehörten zu den ersten die gehen mussten, habe ich mich selbst für meine klugen Entscheidungen beglückwünscht.

Im Sommer 2007 habe ich ein zehnwöchiges Praktikum bei Lehman absolviert. Ich begann in der Wertpapierabteilung (Securitized Products) und wechselte dann in den Zinshandel (Rates Trading). Die Finanzkrise begann gerade und der Senior Trader in Securitized Products würdigte mich kaum eines Blicks, wenn er nicht gerade dringend einen Kaffee oder Sandwich wollte. Mit dem Rates Trader kam ich besser zurecht. Ich habe allerdings auch niemals eine dumme Frage gestellt oder seine Bestellung zu Mittagessen verwechselt, weshalb er mir eine gute Beurteilung gab. Dennoch erhielt ich ein Übernahmeangebot aus der Securitized Products-Abteilung.

In meiner unendlichen Weisheit habe ich das Angebot aus der Verbriefung abgelehnt und mich für das Generalistenprogramm von Lehman entschieden. Das anschließende Jahr verbrachte ich damit, mich zu meiner Weitsicht zu beglückwünschen. Wenn ich mich für Securitized Products entschieden hätte, wäre mein Job wohl längst verschwunden, so dachte ich. Als Generalist wähnte ich mich auf der sicheren Seite. Damit sollte ich falsch liegen.

Doch das erging nicht nur mir so. Während meines Kurzaufenthalts bei Lehman haben mir alle Manager erzählt, was für ein Glück ich gehabt hätte. Niemals hätte es einen besseren Zeitpunkt gegeben, um in die Branche einzusteigen. Denn wir Business School-Absolventen stellten starke und günstige Arbeitskräfte dar, die in schwierigen Zeiten besonders wichtig seien. Niemand würde uns rauswerfen…

Doch als die Ka*** zu dampfen begann, waren wir die ersten, die vor die Tür gesetzt wurden – obgleich wir gerade erst angefangen hatten und soeben die Mietverträge für unsere teuren Wohnungen unterzeichnet hatten und gerade erst den Luxus eines Wäscheservice zu schätzen begannen.

Ich stand also da und wusste nicht mehr, wie ich meinen teuren Lebensstil finanzieren konnte. Seitdem ich meine Hemden selbst waschen muss, trage ich weniger davon. Mittlerweile habe ich ein umfangreiches Wissen erworben, welches Waschmittel für mein Leitungswasser am besten geeignet ist. Doch davon möchte ich Ihnen nichts erzählen. Eines möchte ich aber noch allen denjenigen sagen, die glauben, es geschafft zu haben: Nur weil Sie die Lichter noch nicht sehen, sollten Sie nicht zu arrogant werden. Der Zug, der Sie überfährt, ist vielleicht schon direkt hinter Ihnen.

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