Worüber sich ein New Yorker Banker in Europa wundert

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Amalfikueste

Ich gehöre zu den Amerikanern, die in Europa arbeiten. Nach einiger Zeit bei Goldman Sachs in New York bin ich jetzt hier gelandet: 3500 Meilen jenseits des Atlantiks. Wenigstens lerne ich so das Land meiner Vorfahren kennen. Natürlich muss ich arbeiten – ich gehöre nicht zu der Klasse von Ex-Goldmännern, die das nicht nötig haben. Derzeit gehöre ich zu den letzten Leuten, die tatsächlich an ihrem Arbeitsplatz ausharren.

Wer in New York City arbeitet, für den stellt der Sommer nichts Besonderes dar. Sicher gehen auch dort die Leute in den Urlaub und verbringen einige Zeit in den Hamptons oder Montauk. Allerdings ist der Sommer in New York nicht heilig und niemand lässt seinen Arbeitsplatz verwaist zurück. In Europa ist das anders – und ich arbeite nicht etwa in London, sondern in einem kleineren Finanzzentrum in Kontinentaleuropa. Hier ist der Sommer nicht zur Arbeit da.

Dies bedeutet, dass etwa jetzt – wenn nicht sogar einige Wochen früher – alles zum Stillstand gelangt. Das ist schon verrückt hier. Die Leute gehen tatsächlich am Stück drei bis vier Wochen in den Urlaub. Es ist keinesfalls ungewöhnlich, dass von einem sechsköpfigen Team von Ende Juli bis Ende August nur ein Kopf zurückbleibt.

Hier geht es ganz anders als in den Vereinigten Staaten zu. Als ich noch bei Goldman gearbeitet habe, besaß ich die Möglichkeit viel Urlaub zu nehmen. Ich war dort lang genug, um vier Wochen Urlaub zu nehmen plus drei „Brückentage“, aber ich habe nie alle meine Urlaubstage genommen. Im Extremfall habe ich insgesamt vier Wochen genommen, aber niemals mehr als zwei Wochen am Stück. Einen dreiwöchigen Urlaub in den USA zu nehmen, stellt schon ein gewaltiges Unterfangen dar. Vier Wochen wäre sogar ein Ding der Unmöglichkeit.

Das betrifft nicht nur mich. Vielmehr handelt es sich um einen wichtigen kulturellen Unterschied. In den Vereinigten Staaten wird es nicht hingenommen, alle seine Urlaubstage zu nehmen. Das bereitet den Banken sogar selbst Kopfzerbrechen. Denn die meisten Leute schieben viele Resturlaubstage aus dem Vorjahr vor sich her. Bei mir waren es 15. Goldman Sachs hat durchzugreifen versucht und die Resturlaubstage auf zehn beschränkt. Dazu muss gesagt werden: Beim Verlassen der Bank konnten sich die Mitarbeiter ihren Resturlaub auszahlen lassen.

Die Einstellung zum Urlaub ist in Europa eine vollständig andere. Hier heißt es: „Ich habe sechs Wochen Urlaub und nehme jeden einzelnen Tag davon. Im Sommer gehe ich sogar für vier Wochen in den Urlaub.“

So etwas tut schon wohl. Wenn man drei oder vier Wochen Urlaub am Stück nimmt, dann entspannt man wirklich. Wer indes nur eine Woche in den Urlaub geht, verbringt allein zwei davon im Flieger.

Und bin ich jetzt im Urlaub? Nein! Ich halte mich immer noch an meine New Yorker Gewohnheiten. Ich habe bereits zwei Blöcke von jeweils zwei Wochen verschwendet: zwei Wochen, um meine Verwandten zu sehen und zwei weitere, um Freunde in London zu besuchen. Mittlerweile bedauere ich das. Im kommenden Jahr werde ich auch den gesamten Sommer für einen Urlaub reservieren. Dann werden Sie mich für vier Wochen am Stück an der Amalfiküste finden. Im Vergleich dazu sind Wochenenden in den Hamptons ein Witz.

Calvin Colby ist ein Pseudonym. Früher hat er in New York im Derivatevertrieb gearbeitet. Jetzt ist er in Europa beschäftigt.

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