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INTERVIEW mit Auslandsbankenchef Stefan Winter zum Brexit: Alle haben bereits Personal in Frankfurt

Stefan Winter

Stefan Winter leitet das Investment Banking der UBS Europe SE in Frankfurt und Vorsitzender des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland.

Stefan Winter leitet das Investment Banking der UBS Europe SE in Frankfurt und steht seit 2009 an der Spitze des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland (VAB). Im Interview spricht der langjährige Investmentbanker über die Umzugspläne der Auslandsbanken infolge des Brexits, den Finanzplatz Frankfurt und die Pläne der UBS.

Der Trubel um den Brexit scheint sich in den vergangenen Wochen etwas gelegt zu haben, zumindest was Frankfurt betrifft. Die Banken scheinen ihre Umzugspläne deutlich abgespeckt zu haben. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Unsere Einschätzung hat sich nicht geändert. Wir glauben, dass etwa 20 Banken in Deutschland eine Lizenz nehmen oder im Rahmen der bestehenden Lizenzen ihre Tätigkeit erweitern werden. Alle haben bereits Personal vor Ort, werden aber personell aufstocken, um entsprechend dem künftigen  Geschäft und den Bilanzen die erforderlichen Plattformen in Deutschland zu verstärken und so das  zusätzliche Geschäft hier verbuchen und abwickeln zu können. Dies erfordert bei den betroffenen Banken m.E. jeweils noch 100 bis 200 zusätzliche Stellen. Damit kommen wir auf eine Zahl von 3000 bis 5000 Stellen, die in den kommenden zwei Jahren hier geschaffen werden.

Allerdings haben sich kürzlich EU und Großbritannien informell auf eine Übergangsphase bis Ende 2020 geeinigt, in der alles beim Alten bleiben soll. Man hat den Eindruck, dass dies die Umsetzung der Brexitpläne verlangsamt. Es scheint etwas Druck aus dem Kessel entwichen zu sein.

Jedes Mal, wenn Sie über eine Übergangsphase sprechen, entweicht etwas Druck aus dem Kessel. Warum? Auf der Seite der Banken in London besteht kein Interesse daran, viel zu verlagern, weil es ja auch teuer ist. Wenn ich weiß, ich kann mit meinem Geschäftsmodell noch ein bis zwei Jahre wunderbar leben, dann werde ich so schnell nichts ändern.

Auf der anderen Seite verlangt die Aufsicht wie die Europäische Zentralbank (EZB) von den Banken Pläne, wie diese im März 2019 aufgestellt sein werden, falls es keine Übergangsphase geben sollte. Wir alle wissen noch nicht, wie diese Übergangsphase tatsächlich aussehen wird. Das werden wir voraussichtlich erst im November oder Dezember wissen.

Vor allem stellt eine informelle Einigung keine juristisch belastbare Angelegenheit dar…

So ist es. Wenn uns die EZB und andere Aufsichtsbehörden wie BaFin und Bundesbank sagen, Ihr müsst Euch so vorbereiten, dass Ihr im März 2019 operativ sein könntet, dann müssen wir viel in Gang setzen. Ob später einzelne Schritte noch einmal aufgeschoben werden, muss jedes Haus selbst entscheiden. Auch wenn die Londoner wenig ändern wollen, übt die Aufsicht doch Druck aus. In diesem Spannungsfeld befinden wir uns momentan. Wir arbeiten alle daran, dass wir im Oktober zumindest einmal um die Kurve schauen können, ob wir im März 2019 tatsächlich operativ sein könnten.

Die Begeisterung unter Londoner Bankern zu einem Umzug scheint begrenzt zu sein. Wir haben ohnehin den Eindruck, dass die meisten Jobs in Frankfurt neu geschaffen und besetzt werden. Es geht auch weniger um Front Office-Positionen wie Trader oder Sales-Experten, sondern um Spezialisten für Regulierung, Compliance, Risikomanagement und IT. Wie schätzen Sie das ein?

Das ist grundsätzlich richtig – allerdings nur bis zum März 2019. Denn jetzt schaffen wir die Infrastruktur, um im März 2019 bzw. Ende 2020 operativ zu sein. Doch wenn der Brexit tatsächlich einsetzt, dann muss ich Front Office und eventuell Trader hier haben, je nach meinem Geschäftsmodell. Bevor der Brexit tatsächlich exekutiert wird, benötige ich jedoch noch keine Trader.

Bislang gehen nur Gerüchte um, Goldman Sachs verlagere erste Mitarbeiter von London nach Frankfurt. Wird das bei den übrigen Banken eine Last Minute-Geschichte?

Ich glaube nicht, dass man da von Last Minute sprechen kann. Ich brauche das Front Office vorher gar nicht. Wie auch Sie hören wir aus dem Markt, dass bereits Managing Directors auf der Operating-Seite verlagert wurden, um bei der Aufsetzung der Infrastruktur zu helfen. Hier will man sicherlich ein wenig früher fertig sein. Andere lassen sich etwas mehr Zeit. Das kommt auf das einzelne Haus an.

Unserer Einschätzung nach sind vor allem Banken aktiv, die wie viele asiatische Institute hierzulande noch keine Lizenz besitzen. Dagegen verfügen die meisten relevanten amerikanischen Banken bereits über eine solche und stehen daher weniger unter Druck.

Das sehe ich nur bedingt so. Sicherlich fällt es schwerer, eine neue Bank zu gründen und eine neue Lizenz zu beantragen. Bei der Erweiterung einer Lizenz gehen Sie aber die gleichen Stränge durch wie bei einer Neubeantragung, was ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen kann. Manchmal ist es sogar einfacher, etwas neu aufzubauen als Bestehendes zu verändern.

Der Auf- und Ausbau der Infrastruktur in Frankfurt hört sich manchmal leichter an als er ist. Uns erzählen Headhunter regelmäßig, der Frankfurter Markt für Spezialisten für Regulierung, Compliance und Risikomanagement sei wie leergefegt. Ist das bei Ihnen ein Thema?

Das wird sicher ein Thema sein, aber das muss jede Bank für sich lösen. Entweder Sie werben Personal von den großen Kanzleien ab – auch auf interimistischer Basis – oder Sie kaufen es sich im Markt ein.

Im Kampf um die Brexitjobs steht Frankfurt in Konkurrenz zu Paris, Dublin und Luxemburg. Worin bestehen aus Sicht der Auslandsbanken die größten Nachteile des Finanzplatzes Frankfurt?

Wir sehen eigentlich keine großen Nachteile. Der einzige große Konkurrent scheint neben Dublin Paris zu sein, wobei sich Dublin auf eine bestimme Bankengruppe fokussiert. Im Vergleich zu Paris hat Frankfurt den Nachteil, dass es zu Unrecht als relativ langweilige Stadt gilt. Das Thema bekommen wir aber kurzfristig nicht aus der Welt.

Aus Sicht der Banken und nicht der Mitarbeiter stellt das Arbeitsrecht das einzige ernsthafte Thema dar. Dagegen sind in Frankfurt Infrastruktur, niedrigere Mieten, genügend Büroflächen und Schulen vorhanden. Bleibt die Änderung des Arbeitsrechts.

Sie wollen, dass das Kündigungsrecht für Angestellte mit einem Jahresgehalt von mehr als 234.000 Euro entschärft wird?

Diese Arbeitnehmergruppe soll leitenden Angestellten gleichgestellt werden, um arbeitsrechtliche Prozesse zu vermeiden. Aus unserer Sicht ist das im Interesse aller Beteiligten – auch der betroffenen Mitarbeiter. Auch sie wollen rasch zu einem neuen Arbeitgeber wechseln und nicht den Ausgang eines Arbeitsgerichtsprozesses abwarten. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, eine Höchstgrenze für Abfindungszahlungen zu bestimmen.

Aber genau das steht doch im Koalitionsvertrag. Wie das jetzt umgesetzt wird, wird sich zeigen.

Das begrüßen wir auch sehr. Wir sind guter Hoffnung, dass das Thema jetzt schnell in Angriff genommen wird. Es handelt sich auch nur um eine sehr kleine Gruppe von Arbeitnehmern, die mehr als 234.000 Euro verdienen – ohne Boni, Dienstwagen und Sonstiges.

Noch eine letzte Frage Herr Winter, Sie sind Chef des Investment Bankings der UBS Europe SE in Frankfurt. Wie sehen Ihre eigenen Umzugspläne aus?

Da gibt es keine konkrete Aussage zu. Wir haben hier eine Europa SE und müssen in Frankfurt keine große Infrastruktur neu schaffen. Wir besitzen eine voll operative Einheit mit allen Zulassungen. Insofern befinden wir uns auf einer ganz anderen Diskussionsstufe.


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