Banken müssen aufhören, Vertriebsfrauen wegen ihres Aussehens anzuheuern

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Xenia-Tchoumitcheva

Das Schweizer Modell Xenia Tchoumitcheva hat vor einigen Jahren ein Praktikum in Sales von JP Morgan absolviert. (Foto: Chicoverdose.com)

Auch wenn dies ein wenig sexistisch klingt: Ich besuche diverse Konferenzen und immer war es ernüchternd für mich, wenn ich an den Ständen all die attraktiven Frauen sah, deren Hauptaufgabe darin besteht, aus Marketinggründen die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts zu erlangen.

Noch ernüchternder ist, wenn diese Damen nicht über ihre Produkte sprechen können und ein Kollege einspringen muss, wenn es technische Details geht.

Bevor ich des Sexismus beschuldigt werde, möchte ich sagen, dass ich Frauen sehr wohl für eine fachliche Diskussion für fähig halte. I sage lediglich, dass einige Frauen ebenso wie einige Männer, nicht in der Lage sind, an einem fachlichen Gespräch teilzunehmen. Doch abgesehen davon: Jene Frauen werden benutzt, um Produkte mit ihren körperlichen Vorzügen zu verkaufen. Dies benachteiligt nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen in der Branche. Denn was passiert, wenn sie als „zu alt“ oder „zu fett“ betrachtet werden? Was wenn Sie eine arbeitende Mutter sind und gar nicht die Zeit haben, so viel Zeit auf Ihr Aussehen zu verwenden?

Leute aufgrund ihres Aussehens einzustellen, ist schon traurig. Leider passiert das im Banking immer noch zu oft. Die Mitarbeiter von der Buy-Side sind meist männlich. Für eine Bank stellt daher eine attraktive Frau die Möglichkeit dar, den Erstkontakt herzustellen. Banken wissen implizit oder explizit: Ein männlicher Mitarbeiter der Buy-Side geht auf einen Cold Call, einen Bloomberg-Chat oder eine E-Mail eher ein, wenn diese von einer attraktiven Frau stammen.

Einen Teil der Schuld tragen also die männlichen Kunden. In der Vergangenheit haben viele davon ihre Position ausgenutzt. Eine meiner verheirateten Kolleginnen wurde von einem Kunden gefragt, ob sie auf Facebook sei, damit sie sich besser kennenlernen könnten. Ein anderer Kunde hat uns erst als Broker genutzt, als eine Kollegin, die ihr Foto auf Bloomberg hat, ihn über die Chatfunktion kontaktierte.

Dennoch trifft es ebenfalls zu, dass einige Bankerinnen ihre Attraktivität zu ihrem Vorteil nutzen. So habe ich schon Kolleginnen bei Meetings mitten im Winter in Miniröcken und mit tiefen Ausschnitten gesehen. Dieselben Kolleginnen geben sich oft mit jüngeren Mitarbeitern ab, die sich sehr gut mit ihren Produkten auskennen und die das Wort ergreifen, sobald die Einführung vorüber ist.

Leider handelt es sich um eine Taktik, die gut funktioniert. Und eben weil sie funktioniert, schauen Arbeitgeber und Vorgesetzte darüber hinweg.

Für die Branche ist die Zeit gekommen, erwachsen zu werden. Die männlichen Kunden, die sich mit diesen Damen während der Arbeitszeit oder auf einen Drink danach treffen, müssen endlich erkennen, dass die Beziehung rein beruflicher Natur ist. Die Vertriebsmitarbeiterinnen erledigen lediglich ihren Job, wenn sie mit ihnen freundschaftlich umgehen. Sie wollen lediglich Aufträge hineinholen. Sobald ein Kunde seine Position verliert, wird er seine vermeintliche Freundin nie wieder sehen.

Für die Frauen wiederum ist auch die Zeit gekommen, sich von der Branche nicht länger in diese Rolle drängen zu lassen. Talent hängt nicht am Aussehen und von intelligenten Frauen sollte nicht verlangt werden, ihr Aussehen zur Kundenakquise zu nutzen, um einen größeren Bonus oder eine Beförderung zu erhalten. Viele Frauen mussten auch schon erkennen, dass sie einen strategischen Fehler begangen haben: Denn die Lebensumstände verändern sich und Attraktivität vergeht. Wenn eine Karriere auf Aussehen gründet, dann ist sie häufig deutlich kürzer, als wenn sie auf Fachkompetenz basiert.

Hoffentlich verändern sich die Umstände. Die Betonung von quantifizierbaren Kriterien und bester Ausführung unter der EU-Richtlinie MiFID II stellt einen guten Anfang dar. Dennoch kann ich noch nicht erkennen, dass die Bedeutung eines guten Aussehens geringer wird, solange noch nicht sämtliche Mitarbeiter der Buy-Side von Robotern ersetzt werden - zumindest ein Vorzug der Digitalisierung.

Bei Leo Nard handelt es sich um ein Pseudonym. Er arbeitet für eine US-Bank in London.

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